So überlebst du die Fahrt mit dem Aufzug

Manchen Situationen müssen wir uns stellen. Diese Kolumne hilft, sie zu überstehen. Diese Woche: die fahrende Schweigeminute.
Von Quentin Lichtblau

Illustration: Federico Delfrati

Nicht alles im Leben ist freiwillig. Die Survival-Kolumne ist Anlässen gewidmet, denen wir uns stellen müssen – ob wir wollen oder nicht. Ein Leitfaden zum Überleben. 

Diskretion in der Öffentlichkeit ist hierzulande oberste Bürgerpflicht. Außer in Wartezimmern und Treppenhäusern ist deswegen das Grüßen eines Fremden verpönt, es sei denn, man will ihm etwas abkaufen. Es gibt allerdings noch eine weitere Ausnahme: den Aufzug. Aber Vorsicht! Über das korrekte Verhalten in dieser engsten aller Kommunikationssphären könnte man ganze Wochenendseminare halten. Der Aufzug ist ein Paralleluniversum mit eigenen Naturgesetzen und Regeln. Da wird man als Anfänger schon mal nervös – aus gutem Grund. Aber mit unserer Hilfe überlebst du das!

Zunächst mal: Wenn der Aufzug auf sich warten lässt, könnte man theoretisch bereits der Versuchung erliegen, sich die Zeit über ein kleines Gespräch mit anderen Wartenden zu verkürzen. Geteiltes Leid, halbes Leid, dies das. Das ist verboten! Vor dem Betreten des Aufzugs ist Schweigen angesagt, die einzig erwünschte Konversation äußert sich in einem Blick auf die Stockwerkanzeige mit anschließendem Augenrollen.

Bing, der Aufzug ist da. Nun wird alles anders: Hast du die Tür ins Paralleluniversum durchschritten, ist ein Gruß absolute Pflicht. Ignoriere deine Zweifel, vergiss die Konventionen der Außenwelt und wünsche höflich einen „Guten Tag!“, als wärst du den Mitfahrern, mit denen du gerade zwei Minuten lang schweigend gewartet hast, gerade erst begegnet. Versuche im Ton die exakte Mitte zwischen Herzlichkeit und Drill-Offizier zu treffen, dann machst du es richtig. Sie werden garantiert zurückgrüßen, weil so gehört sich das.

Luft anhalten, Herzschlag einstellen

Nach dem Gruß allerdings ist sofort wieder a-b-s-o-l-u-t-e Stille herzustellen, auch wenn das widersprüchlich erscheinen mag. Im deutschen Aufzug geht es darum, den Mitfahrern trotz der intimen Nähe möglichst wenig von der eigenen Existenz preiszugeben. Eine fahrende Schweigeminute. Wobei, Schweigen allein reicht eigentlich nicht, Idealzustand ist Stecknadel-fallen-hören-Stille. Also Luft anhalten, Herzschlag einstellen.

Auch Blickkontakt ist ein No-Go. Um den zu vermeiden, hat sich folgende Regel bewährt: Sich irgendeiner anderen Seite zuzuwenden als der Tür, hebt die Welt aus den Angeln, grenzt an Landfriedensbruch. Menschen, die sich dieser Regel widersetzt haben, wird es seit der Erfindung des Aufzuges sicher eine Handvoll gegeben haben – über deren Schicksal ist allerdings nichts bekannt. Wenn du dich beim Anstarren der Tür unwohl fühlst, solltest du die blinkenden Stockwerk-LEDs darüber fixieren. Damit kannst du deiner Umgebung vermitteln, dass du ein wohlorganisierter Mensch bist, der Wert darauf legt, auch ja das korrekte Stockwerk zum Aussteigen zu erwischen.

Nochmal Bing! Dein Stockwerk ist da, du hast es fast geschafft – der Ausstieg ist die letzte Hürde, die es zu bewältigen gilt. Sollten andere Menschen vor dir den Ausgang versperren, darfst du nun wieder die Stille durchbrechen, und zwar mit einem „Tschuldigung, ich müsste hier kurz raus!“. Leichter getan als gesagt, die Intonation ist hier enorm wichtig, um nicht grob zu wirken. Bewährt hat sich hier ein Tonfall, der sich am besten mit „halbpanisch dahingelacht“ beschreiben lässt. Auf keinen Fall zu vergessen ist auch das „kurz“, da sich sonst alle auf einen langen, umständlichen Ausstieg einstellen und den Weg vielleicht gar nicht erst frei machen.

Schreite nun beherzten Schrittes ins Freie, wenn du magst mit einem „Auf Wiedersehen“, das unbedingt latent beleidigt zu klingen hat. Warum? Keine Ahnung, gehört sich so. Hauptsache, du hast überlebt.

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