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Foto: Pinho / Unsplash; Bearbeitung: jetzt

„Buy Less, Choose Well, Make it Last!“

Die Designerin Vivien Westwood hat 2013 dieses Mantra ausgegeben, das für uns alle gelten sollte – besonders in heutigen Zeiten, in denen immer klarer wird, welche massiven Umweltschäden die Modeindustrie anrichtet und wie verheerend der „Fast Fashion“-Trend für Mensch und Umwelt ist. Punkt eins des Mantras ist selbsterklärend: einfach mal bisschen auf die Shopping-Bremse treten. Punkt drei kann man sich von erfahrenen Menschen beibringen lassen oder mithilfe von Youtube-Videos lernen. Aber wie geht eigentlich „Choose Well“? Wie sehe ich einem Kleidungsstück an, ob es von guter Qualität ist?

Ich besitze eine Strickjacke, dich ich mir vor ungefähr zehn Jahren für sehr, sehr teures Geld gekauft habe. Sie ist grau, hat einen Opa-Schnitt und besteht zu 100 Prozent aus Kaschmir. Sie ist wahnsinnig bequem und zwischen September und März lebe ich quasi ununterbrochen in ihr. Diese Jacke und ich haben mittlerweile eine Menge zusammen erlebt - und sie macht immer noch alles mit. Okay, an den Ellenbogen wird sie inzwischen etwas fadenscheinig, aber ansonsten sieht sie immer noch so schön opahaft aus wie am ersten Tag.

Ich habe auch ein Unterhemd von einer sehr bekannten und billigen Kleidermarke, das ähnlich alt ist. Obwohl es sehr billig war und ich es sehr häufig trage, hält es seit gefühlt tausend Wäschen und sieht immer noch gut aus.

Neben diesen treuen Super-Klamotten habe ich allerdings auch sehr, sehr viele Schrank-Leichen: T-Shirts, die nach einmal waschen so aus der Form geraten sind, dass sie nur noch zum Schlafen taugen; Jeans, die von einmal scharf anschauen Löcher bekommen und natürlich unzählige Wollpullover, die an der chronischen Knötchen-Krankheit leiden. All diese Klamotten stammen von unterschiedlichen Marken, haben mal viel und mal sehr wenig Geld gekostet und wurden in China, Taiwan, Polen, der Ukraine und sogar in Deutschland hergestellt.

Qualität bei Kleidung ist also nicht gleichzusetzen mit einem hohen Preis oder einer bestimmten Marke. Aber wenn die Gleichung „teuer = hochwertig“ nicht anwendbar ist, muss man als Kunde tatsächlich genauer hinschauen, um Klamotten zu finden, die lange halten.

Dafür braucht man keine abgeschlossene Schneiderlehre und muss auch kein Mode-Blogger sein. Es reicht, seine Augen, seine Nase und seine Hände einzusetzen und sich mit dem Kleidungsstück im Laden ein paar Minuten ausführlich auseinander zu setzen.

1. Fass das Teil an.

Die Qualität eines Kleidungsstücks kann man nicht aufgrund von Bildern im Netz beurteilen. Und aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich: Nur weil mir die Jeans der Marke XYZ mit der Nummer 123 in Größe 10 gut stand, bedeutet das nicht, dass sie exakt genauso geschnitten sein wird, wenn ich sie unbesehen noch mal kaufe.

2. Aus welchem Material ist das Teil?

An jeder Klamotte befindet sich (meist in der Seitennaht) ein oder mehrere Zettel, auf denen wichtige Informationen stehen: Ist das Teil aus einer Naturfaser? Oder aus einem chemisch hergestellten synthetischen Stoff? Naturstoffe haben viele Vorteile, nicht zuletzt wenn es um die Entsorgung geht. Chemiefasern sind dagegen vor allem bei Funktionskleidung von Vorteil. Wichtig ist vor allem: Wie fühlt sich das an auf der Haut? Juckt es, fühlt es sich klamm an? Oder trägt es sich wie ein Traum? Pillt der kuschelweiche Kaschmir-Pulli schon am Kleiderbügel, kannst du sicher sein, dass er damit zuhause nicht aufhören wird. Wolle pillt dann besonders gerne, wenn das Garn aus kurzen, also billigeren Fasern gesponnen ist. Je länger die Fasern, desto höher die Qualität, aber meist auch der Preis.

3. Wie lässt sich das Kleidungsstück reinigen?

Nicht unerheblich, denn hast du WIRKLICH Lust, alle zwei Wochen zur Reinigung zu latschen, weil die Hose nur chemisch gereinigt werden kann? Außerdem bedeutet diese Form der Reinigung eine zusätzliche Belastung der Umwelt. 

4. Wie ist das Teil verarbeitet?

Wenn du das Kleidungsstück umdrehst, siehst du eine Menge Nähte. Wenn du die sanft auseinander ziehst, erkennst du recht schnell, wie gut die Naht gearbeitet ist. Merkst du schon im Laden, dass du durch die Naht durchschauen kannst, solltest du das Teil zurück legen. Wie gut sind die Knöpfe angenäht? Zieht das Kleidungsstück jetzt schon Fäden? Weg damit!

5. Wie riecht das Stück?

Kleidung wird oft chemisch behandelt, bevor sie in den Laden kommt. Für den Look, aber auch für den Tragekomfort. Doch diese Weichmacher sind zum einen gesundheitlich nicht unbedenklich, zum anderen waschen sie sich oft nach ein paar Wäschen aus und dann kann es passieren, dass das gemütliche Hemd plötzlich unangenehm steif wird. Wenn du keine Lust auf solche Überraschungen hast, solltest du also lieber Klamotten kaufen, die nicht riechen, als wären sie neben einer Öl-Raffinerie gelagert worden. Manche chemischen Inhaltsstoffe sind geruchsneutral, da hilft der Blick aufs Label: Wenn dort steht, dass du es vor dem Tragen waschen solltest, kannst du davon ausgehen, dass das Teil behandelt wurde.

6. Wie trägt es sich?

Jetzt schlüpf mal rein und schau, wie das Teil an dir aussieht, ob es Falten an Stellen wirft, wo es keine werfen sollte, ob es bauscht, spannt, kneift oder dich einengt. Und sage dir mantrahaft vor: All diese Probleme sind nicht die Schuld deines komisch geformten Körpers! Dafür ist alleine die mangelhafte Verarbeitung verantwortlich.

Nächster Stress-Test: schau, ob du dich in der Jacke, der Hose oder dem Hemd bewegen kannst. Bei Oberteilen ist es besonders wichtig zu schauen, wie sich die Arme bewegen lassen. Also bitte einmal kreisen lassen. Bei Hosen ist wichtig, ob und wie sie verrutschen, wenn du dich hinsetzt. Kaufe kein Kleidungsstück, in dem du dich eingeengt fühlst. Das erledigen die gesellschaftlichen Zwänge schon für dich.

7. Wie aufwändig ist es genäht?

Ein Blazer hat deutlich mehr Nähte, als ein T-Shirt. Je mehr Nähte, desto aufwändiger die Herstellung, desto teurer in der Produktion. Deshalb versuchen manche Unternehmen aus Kostengründen, so viele Nähte einzusparen wie möglich. Das geht bei manchen Klamotten, bei manchen überhaupt nicht. Vor allem „Outerwear“, also Jacken, Blazer, Mäntel, sollten sehr gut geschnitten sein, denn du bist aber nunmal ein Mensch in 3D - und hast Kurven, Ecken und Kanten. Deine Klamotten sollten diesem Umstand Rechnung tragen.

 

Die Formel billig = schlechte Qualität; teuer = gute Qualität ist nicht eins zu eins anwendbar. Aber man kann grundsätzlich sagen: Einige Kleidungsstücke, wie Baumwoll-Oberteile sind einfacher herzustellen, als andere, weshalb sie auch von Billigläden oft in guter Qualität angeboten werden. Ebenso gibt es viele teure Labels, die bei der Verarbeitung schlampen. Da hilft nur, selbst hinzuschauen. Grundsätzlich kann man aber sagen: Aufwändigere Kleidungsstücke, die einer komplexen Konstruktion bedürfen, kosten in guter Qualität mehr Geld und das sollte es dir auch wert sein. Denn auch wenn ein Teil total billig war - wenn du es nie trägst, war es immer noch viel zu teuer.

 

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