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Kann ich mich selbst erziehen?

Ein Psychologe erklärt, wie man seinen Charakter im Erwachsenenalter selbst beeinflussen kann.
Interview von Mercedes Lauenstein
  • erziehung cover
    Illustration: Katharina Bitzl, Foto: Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl

Den Psychologen Dr. Jens Uwe Martens trifft unsere Autorin nun schon zum vierten Mal, denn beim ersten Interview stellte er sich als ein so kluger Interviewpartner heraus, dass wir beschlossen, ihn jetzt öfter zu Themen zu befragen, die uns bewegen. Das erste Interview drehte sich um das große Rätsel Selbstdisziplin, das zweite handelte von der Macht der Erwartungen. Beim dritten Mal sprachen wir über Schicksalsschläge und Krisenfestigkeit. Heute geht es um die Frage, wie man sich selbst erziehen kann. 

jetzt: Herr Martens, inwiefern bin ich nur ein Produkt aller Taten und Worte meiner Eltern?

Jens Uwe Martens: Unsere Eltern bringen uns bei, wie man läuft, wie man Messer und Gabel benutzt, sie erklären uns, dass die Erde rund ist. Diese Dinge kann man sich theoretisch problemlos selber beibringen, für das eine braucht man jemanden, der es uns vormacht, für das andere nur vertrauenswürdige Informationsträger oder die Schule. Aber unsere Eltern bringen uns noch eine viel komplexere Sache bei und die nennt man im weitesten Sinne Charakter. Wir denken uns selbst und die Welt so, wie unsere Eltern es uns eingeredet oder vorgelebt haben. Das verknüpft sich ganz unbewusst mit unserem Selbstbild und ist nur schwer aufzulösen.

Und dann gibt es noch die genetischen Veranlagungen, für die weder unsere Eltern, noch wir etwas können…

Richtig, vieles hat auch mit dem genetischen Erbe zu tun. Etwa ob wir eher phlegmatische oder eher aufbrausende Typen sind. Ob wir in der Lage sind, gut mit Schwierigkeiten fertig zu werden oder nicht. Sie wissen, dass ich ein Buch über Resilienz geschrieben habe. Wissenschaftler vermuten, dass etwa die Hälfte der Widerstandsfähigkeit im Leben von unserem Erbe bestimmt ist.

Trotz allem glauben Sie ja daran, dass man sich im Erwachsenenalter noch zu einem guten Teil selbst erziehen kann.

Das glaube ich. Natürlich gibt es Eltern, die ihren Kindern einreden, sie seien dumm, renitent, unsportlich, unmusikalisch, das Leben sei gefährlich und die Welt voller Betrüger. So etwas kann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden und oft nur durch therapeutische Hilfe aufgelöst werden, nicht in Eigenregie. Aber zum Großteil geht es bei der Charaktererziehung nur um Werthaltungen. Charakter ist eine Frage der Werthaltungen. Und die können Sie beeinflussen.

Inwiefern?

Entscheidend dafür ist, mit wem oder was wir uns umgeben. Wir übernehmen nicht nur die Werthaltungen unserer Eltern sondern auch die unserer Freunde. Es kommt aber auch darauf an, welchen Informationen wir uns aussetzen: Welche Fernsehsendungen schauen wir, welche Zeitungen lesen wir, lesen wir überhaupt welche? Machen wir uns diese Entscheidungen bewusst? Ist uns klar, dass wir darauf einen Einfluss haben, dass wir unsere Werte-Orientierung beeinflussen können? Und man kann ja auch gar nicht sagen, der hat eine gute oder eine schlechte Werthaltung. Man kann sagen: Der hat einen eher liberalen Charakter, der hat einen eher konservativen Charakter. Welchen davon will ich annehmen? Unsere Werte sind sehr eng mit unserem Selbstbild verknüpft. Und dieses Bild ist das Wertvollste, was wir haben. Das geben wir nicht leicht auf. Deshalb gibt es nur ganz wenige Menschen, die später in ihrem Leben an einem bestimmten Punkt noch ganz bewusst sagen: Ich möchte konservativer werden. Oder: Ich möchte liberaler werden. Möglich aber ist es.

Wann ist es denn überhaupt nötig?

Zum Beispiel wenn wir merken, dass unsere eingefahrene Wertehaltung zunehmend zu einem Problem wird. Sei es, weil wir jemanden kennenlernen, den wir sehr mögen, der aber in vielerlei Hinsicht das Gegenteil glaubt von dem, was wir glauben. Hier entsteht ein schmerzlicher Konflikt. Unser Selbstbild gerät ins Wanken. Kein schönes Gefühl. Um ihr Selbstbild zu schützen, wenden die meisten sich ab. Dabei könnte hier die schöne Situation entstehen, dass man sich öffnet, reflektiert und sagt: Kann ich mich vielleicht ein wenig liberaler machen, so dass ich die Werthaltung meines geliebten Partners übernehme oder seine Wertehaltung zumindest als eine von vielen gleichwertigen Wertehaltungen anerkenne? Das kann man. Das ist Selbsterziehung.

Eigentlich klingt das ganz schön schizophren, „sich selbst erziehen“ wollen.

Ja! Beinahe geisteskrank. Sind wir krank? Wieso gibt es einen in uns, der glaubt, uns erziehen zu müssen und einen, der erzogen werden muss?

Ja, warum?

Das kann man nur damit erklären, dass es unterschiedliche Bereiche im Gehirn gibt. Die zum Teil gegeneinander arbeiten. Der Trieb gegen die Vernunft. Erziehe ich mich selber, versuche ich die beiden in Einklang zu bringen. Damit habe ich schon eine Distanz und bin schon nicht mehr nur Gefühl. Und damit komme ich raus aus meiner Bredouille. Das ist Erziehung. Sie geht über das Verstehen. Sein Verhalten abstrahieren, vergleichen, verstehen, überlegen, wie man das ändern kann. Sein Ich stärken ist etwas, was man üben kann. Das ist wie eine Muskelübung. Wir können entscheiden und durch regelmäßiges Üben beeinflussen, welche Teile in unserem Gehirn besonders stark sind.

Nehmen wir jetzt mal ein ganz banales Beispiel, wo es weniger um Wertehaltungen als um einfache Verhaltensweisen geht. Ich möchte mich zum Beispiel gerne dazu erziehen, dass ich nicht jedes Mal einen Tobsuchtsanfall bekomme, nur weil ich meine Umsatzsteuervoranmeldung machen muss. Mir Geduld und ein gemäßigtes Gemüt beizubringen, da sind schon meine Eltern dran gescheitert.

Das Gute ist, dass Sie es schon reflektiert haben. Sie haben eine kritische Distanz zu ihrer Ungeduld und ihrer niedrigen Frustrationstoleranz. Für Einsicht brauchen wir Distanz. Wir schaffen sie über unsere Intellektualität. Konkret auf ihr Problem bezogen, sagen Psychologen: Frustration bringt Aggression. Nichts an der Erledigung dieser Steuersache gefällt ihnen, es kommt ihnen überflüssig vor, Sie sind frustriert. Die Aggression staut sich, der Druck erhöht sich, dann fliegt der Deckel vom Topf. Schön, dass Sie Gefühle haben und die auch rauslassen, das ist doch eigentlich etwas sehr Lebhaftes und Gesundes! Aber wenn Sie es loswerden wollen, müssen sie mit dem Belohnungsprinzip arbeiten. Ohne Belohnung lernen wir nicht. Ob man sich nun nach einer schwierigen Aufgabe mit etwas Materiellem belohnt oder einfach dadurch, dass man ganz bewusst stolz auf sich ist und eine schöne Tasse Tee trinkt und gute Musik dazu hört. Belohnen Sie sich direkt nach der Erledigung der Steuer. Das wird Ihren Frust senken. Und irgendwann wird ihnen die Steuersache gar nicht mehr viel ausmachen, denn Sie wissen ja: Danach wartet was Schönes auf Sie. Und das ist es dann wert. Man muss sich überlisten.

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