Warum ich es nicht schaffe, Tagebuch zu schreiben

Und mir der Journaling-Trend dabei auch überhaupt nicht hilft.
Von Mercedes Lauenstein

Foto: michusteiner / photocase.de

Neues Jahr, neuer Anlass, um mir mal wieder die ganz großen Fragen meines Lebens zu stellen: Warum schaffe ich es nicht mehr, Tagebuch zu schreiben? Und ich meine mit dem Begriff „Tagebuch“ kein Notizbuch, in dem man lose Ideen festhält, Formulierungen, Namen, Fakten, Sachen die man behalten will.

Was mir mit einem Tagebuch vorschwebt, ist ein Monolog mit mir selbst zu selbsttherapeutischen Zwecken. So, wie es ursprünglich mal gedacht war, als man als Kind damit begann: das Tagebuch als erste Emanzipierungsstrategie von Familie und Umfeld. Irgendwo mussten all die Sorgen und Gedanken, die keiner verstand, ja hin, warum also nicht in das kleine, verschließbare Tagebuch mit Pferdemotiv? Völlig klar, dass hinter dem einem als kleinem Menschen sehr groß erscheinenden goldenen Schloss Zuflucht und Privatsphäre warteten und eine freundliche, unsichtbare und geschlechtslose Seele namens „Tagebuch“. Bis man checkte, dass nicht nur die Geschwister mitlasen und in der Schule ihren Freunden davon erzählten. Sondern auch die Eltern, die ihre Kinder ja grundsätzlich als nabelschnurlose Erweiterung von sich selbst betrachten, deren Innenleben man genauso ausführlich erforschen darf, wie das eigene.

Irgendwann jedenfalls hörte ich auf, Tagebuch zu schreiben. Einerseits aus Angst vor Spionage, andererseits, weil mich die schiere Masse und Unübersichtlichkeit meiner Gedanken so überforderte, dass ich keine sinnvolle Form mehr wusste, sie aufzuschreiben.

Erst als ich anfing, auf verschiedenen Blogs und Plattformen ins Internet zu schreiben, wurde das Tagebuchschreiben wieder spannend. Aber das lag an dem Wissen, gelesen zu werden. Was natürlich aus jedem Tagebuch ein Pseudo-Tagebuch macht, eine literarisch manipulierte Selbstdarstellung. Wie Tagebuchführung mit der Absicht geht, eines Tages gelesen zu werden oder das Geschriebene anderweitig zu verwerten, kann man bei Hunderten von Schriftstellern und Schriftstellerinnen nachlesen, Essayisten oder Fernsehunterhaltern. Zuletzt in einem sehr lustigen Interview mit Harald Schmidt, der auf die Frage, wann er Tagebuch führe, sagte: „Schon immer, je nach Laune habe ich entweder ganz teure Notizbücher oder welche aus Recycling-Papier für 1,70 Euro aus dem Bahnhofsständer. Ich schreibe aber nicht: „Heute mit Mutti Pizza gegessen, abends geweint.“ Sondern: „Heiko Maas, der Kleine von Natalia Wörner.“

Irgendetwas gibt es immer, das man durch eine blitzschnelle geistige Waschmaschine schickt

Ähnlich easy und lustig schreiben sich Briefwechsel mit den vertrauten Freunden. Sobald man einen lebendigen Adressaten hat, wird das Schreiben über sich selbst natürlich einfacher, lebendiger, pointierter. Aber auch zensierter. Irgendetwas gibt es immer, das man durch eine blitzschnelle geistige Waschmaschine schickt und, ob bewusst oder unbewusst, auf Briefwechselverträglichkeit umschreibt.

Das Tagebuch, von dem ich träume, ist eines, das ich hemmungslos ehrlich führe, vollkommen unzensiert, von mir, an mich und an niemanden sonst. Klar, das Problem ist zuallerst und sowieso: Disziplin. Setzte ich mich jeden Tag hin und schriebe für 20 Minuten alles auf, was mir einfiele, hätte ich schon mein Tagebuch. Wie erlangt man diese Disziplin? Ganz einfach: Indem man sich hinsetzt, und losschreibt. Eine andere Methode gibt es nicht. Nur bleibt die Frage, was soll ich da schreiben, damit nachher das drinsteht, was wirklich für mich von Bedeutung ist? Meine Gedanken sind immer zu viele. Wenn ich anfange, sie einfach so runterzuschreiben, finde ich entweder kein Ende oder ich langweile mich selbst mit Details, die von keiner weiteren Bedeutung sind, muss den Erzählfluss ständig abbrechen und neu beginnen, um aufs Wesentliche zu kommen – schon wird aus zehn Minuten Tagebuchschreiben ein sechsstündiger Vollzeitjob.

Was mir fehlt, ist eine Formel, ein Konzept für ein gutes Tagebuch, damit ich überhaupt weiß, was ich von all den Dingen, die mir am Tag so widerfahren, durch den Kopf gehen, aufschreiben soll und will.

Seit einigen Jahren kursieren im Internet und in den Hobby- und Selbsthilferegalen der Büchläden Hunderte Anleitungen zum sogenannten Journaling, eine Art Malen nach Zahlen-Konzepte fürs Tagebuchschreiben. Die meisten dieser Methoden zielen darauf ab, den Blick auf die schönen Dinge des Lebens zu richten, anstatt sich damit zu befassen, woran man leidet.

Als ich mir dieses Tagebuch Wochen später nochmal an sah, wurde mir übel

Eine dieser Methoden habe ich mal für beinahe ein halbes Jahr ausprobiert, nachdem Leandra Medine, die Gründerin des Modeblogs Man Repeller, davon so schwärmte. Ein Dankbarkeits-Tagebuch im Stile des Journaling-Trends, in dem man jeden Abend drei Sachen notieren soll, die an dem Tag schön, gut, im positiven Sinne bewegend oder interessant waren. Die Idee dahinter: sich selbst zum Optimisten umzuerziehen. Schwierigkeitsgrad: Null. Aber auch Interessantheitsfaktor Null. Als ich mir dieses Tagebuch Wochen später nochmal an sah, wurde mir übel: Hilfe, ein Tagebuch wie ein #thegoodlife-Instagram-Channel! Wer hatte diese grauenhaft langweilige und oberflächliche Schönfärberei meines Lebens verfasst? Ja, natürlich beinhaltet jeder Tag meines Lebens Gutes, schöne Blätter an Bäumen, gutes Essen, kleine Spontan-Party mit Freunden, kurzer Ausflug sonstwohin. Aber was war denn mit all den Sorgen, all den Zwischentönen, all den weniger schönen Erlebnissen, die mich und mein Leben geprägt hatten? Und was waren meine Gedanken dazu gewesen, wo war denn hier die Tiefe, der Gehalt? Ein ehrliches Tagebuch ist als Preisgabe aller persönlicher Schattenseiten und gruseliger Gedanken natürlich ein Selbstdarstellungs-Alptraum, aber ist nicht jedes Optimisten-Tagebuch auch ein gnadenloses unter-den-Teppich-kehren? Woran sich natürlich der Gedanke anschließt: Kann es vielleicht sein, dass wir im Zeitalter der digitalen Inszenierung zwar alle wissen, dass die angebliche Realität in Social Media nichts mit der echten zu tun hat, unterbewusst aber trotzdem fürchten, wir seien die einzigen, die am Leben litten? Und uns deshalb immer weniger trauen, unser Tagebuch hemmungslos vollzuheulen, weil wir dann endgültig glaubten, wir wären die einzigen Voll-Loser des Jahrhunderts? Oder ist es mein völlig verinnerlichter Effizienzwahn, der mich davon abhält, einfach die Seiten eines neuen Notizhefts völlig konzeptfrei vollzulabern?

Wie geht radikale Tagebuch-Ehrlichkeit? Geht sie überhaupt?

Ich dachte eine Zeit lang, ein Traumtagebuch könnte mal eine Alternative sein. Einfach morgens zehn Minuten das Geträumte notieren. Aber mit Träumen ist es ja auch so: Ich kriege sie kaum so zu fassen, wie sie waren. Und im Tagebuch will ich ja genau das nicht: Dinge dazudichten, erfinden, die Fantasie die Lücken der Realität stopfen lassen.

Die wesentliche Frage ist also: Wie geht wahrhaftiges Erzählen sich selbst gegenüber? Wie geht radikale Tagebuch-Ehrlichkeit? Geht sie überhaupt? Denn da ist und bleibt trotz aller Beschlüsse, das eigene Tagebuch niemals jemandem zu zeigen, ja auch das Wissen: Wenn ich morgen sterbe und jemand meinen Nachlass findet, gilt das, was ich in Tagebuchform niedergeschrieben habe, als Zeugnis meines Lebens! Will ich das? Was ist mit all den Erlebnissen, Gedanken, mit all dem flüchtigen Glück und Unglück, das nie festgehalten wurde, das der Wind weggeweht hat, und das meine gesamte Geschichte in der Erzählung meiner Nachkommen über mich möglicherweise auf den Kopf stellen würde? Tagebuch schreiben ist ja oft etwas Düsteres, eine Art Beichte, ein fortlaufendes Klagen, ein Sich-Ausweinen. Wer macht sich schon die Mühe und schreibt das Schöne auf, ohne sich dabei zu Tode zu langweilen?

Vielleicht muss man der vorauseilenden Scham vor dem Urteil der Nachfahren einfach einen Disclaimer dazuschreiben:

Liebe Nachfahren, nehmt nicht zu wichtig, was ihr hier lest. Alles nicht vollständig, alles unsortierter Mist! Lest mein Tagebuch im Zweifel als Trost: ihr seid nicht allein mit eurer Ratlosigkeit. Ich war es auch. Viele Grüße aus dem Jenseits und bis bald.

PS: Manchmal war ich auch glücklich.

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