Manchmal hat man das Gefühl, man wäre zweimal da. Hier der Körper aus Fleisch und Haut, der zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Platz steht. Da der andere, der irgendwie davonzuschweben und sich in einer anderen Zeit und Sphäre zu bewegen scheint. Das, was uns eigentlich am vertrautesten ist – unser eigenes Ich – gehört dann nicht mehr zu uns. Wir sagen dann gern, dass wir neben uns stehen. 

Das Interessante daran: Die Ursachen für dieses Gefühl können ganz unterschiedliche sein und das Gefühl selbst wunderschön oder zutiefst erschreckend. Manche Menschen sehnen es herbei, etwa wenn sie sich in Trance tanzen, andere überrumpelt es wie ein Schlag ins Genick.

Der Fotograf Markus Burke ist diesem Gefühl für uns in einer Serie von Porträts nachgegangen. Er hat die Menschen und ihr Neben-sich-Stehen in Bildern festgehalten.

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Jörn Schnitger, 34, freiberuflicher TV-Autor

Als meine Mutter vor sieben Jahren starb, stand ich tagelang neben mir. Nicht nur neben mir, ich hatte das Gefühl, neben der ganzen Welt zu stehen. Ein unsichtbarer Finger hatte mich aus dem Jetzt geschnippt, alles hatte seine Bedeutung, alles hatte seine Relevanz verloren. Mit trüben Augen sah ich dabei zu, wie sich die Welt unbeeindruckt weiterdrehte, so als wäre nichts gewesen. Diese verschneiten Tage im Februar lief ich verzögert zur Zeit der anderen. Ich war zwar nur einige Momente stehen geblieben, doch ich war nicht mehr synchron mit der Realität. Ich fühlte mich schrecklich einsam. Zum Glück stand meine Schwester damals nicht nur neben sich. Sondern auch neben mir.

 

Foto: Markus Burke

Foto: Markus Burke
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Pico Be, 35, Autor und Sänger bei "Das Weiße Pferd"

 

Für mich ist es sehr wichtig, ob ich etwas aus eigenem Antrieb mache oder ob es jemand von mir verlangt. Ich unterscheide also zwischen selbst- und fremdbestimmten Gefühlszuständen. Letztere versuche ich zu vermeiden. Wenn ich dennoch  etwas tue, das mir nicht entspricht, mache ich gefühlsmäßig zu. Dann stehe ich total neben mir. Ich flüchte mich in solchen Situationen gedanklich auf eine zweite Ebene. Neben mir zu stehen ist für mich also eher etwas Negatives, wird durch die zweite Ebene aber erträglich.

Wenn ich als Musiker live auf der Bühne stehe, tue ich im Prinzip das, was ich tun will. Richtige Glücksmomente erlebe ich aber eher beim Schreiben von Songs, also beim kreativen Schaffensprozess. Oft gehe ich dafür spazieren, dann lasse ich meine Gedanken schweifen und kann die Worte gut sortieren. Dabei kann es schon passieren, dass ich in Extase gerate. Und dann ist es ein guter Song geworden.

  Foto: Markus Burke; Protokoll: Sophie Aschenbrenner

Foto: Markus Burke
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Alina Grasmann, 26, Malerin

„Wenn ich an einem neuen Bild arbeite, würde ich es am liebsten in einem Rutsch durchmalen.Geht natürlich nicht, und wenn ich dann aus dem Atelier nach Hause gehe, schweife ich die ganze Zeit ab. Dann stehe ich richtig neben mir. Ein Teil von mir ist noch bei dem Bild, und ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Meine Professorin sagt immer, wir sollen eine Unterhaltung mit dem Bild führen. Bei mir ist das oft eher ein Streitgespräch. Das ist dann, als würde ich mich mit einem Menschen streiten: Ich denke so lange darüber nach, bis wir wieder versöhnt sind - ganz egal, wo ich gerade bin. Im Atelier ist es ähnlich: Wenn mein unfertiges Bild im Atelier steht und ich gerade nicht weiter-malen kann, weil etwas anderes zu tun ist, drifte ich immer wieder zu meinem Bild ab und höre anderen Menschen nicht richtig zu. Das ist mir dann sehr unangenehm. Dieses Neben-mir-stehen passiert mir vor allem, wenn ich mehrere Tage oder Wochen an einem Bild arbeite, also sehr regelmäßig. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte das abstellen. Meistens fühlt es sich aber einfach an wie positiver Stress.“   Foto: Markus Burke; Protokoll: Sophie Aschenbrenner  

Foto: Markus Burke
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Sabrina Brandenburger, 26 , PR-Beraterin, Initiatorin von „Über den Tellerrand kochen München“

Bei unseren Kochabenden mit Geflüchteten und Beheimateten entsteht oft eine Art Parallelwelt. Es kommen um die 30 Menschen, die sich teilweise noch nie gesehen haben, mit unterschiedlichen Erwartungen und Hintergründen. Meistens kochen wir bis zu acht Stunden zusammen. Während dieser Zeit gehe ich aus mir selber raus, es fühlt sich an, als würde ein Teil von mir aus mir rausgesogen werden. Dann nehme ich mich selbst komplett zurück. Am Ende kann ich mich gar nicht mehr an Details erinnern, der Abend rast richtig an mir vorbei. Das ist ein sehr euphorisches Gefühl, wie ein großer Rausch, eine Riesenparty. Alle sind einander fremd, und gleichzeitig herrscht eine Ausgelassenheit, die den ganzen Abend anhält.

 

Foto: Markus Burke; Protokoll: Sophie Aschenbrenner

Foto: Markus Burke

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