Diese Menschen sitzen neben dir

Im Restaurant, am Nachbartisch. Eine Typologie
Von Nadja Schlüter

Im Restaurant oder Café ist man nie allein. Unter anderem darum geht man ja hin. Und wenn man nicht gerade ganz vertieft in die Zeitung, den Menschen gegenüber oder die Freunde rund um den eigenen Tisch ist, dann bemerkt man auch, was am Nebentisch so passiert. Wer da so sitzt und was der so macht. Die vier häufigsten Nebentisch-Typen – und welche Gefühle sie in einem auslösen können.

nebentisch kommentierer
Illustration: Katharina Bitzl

Die Kommentierer

So sind die:

Sie sind mindestens zu dritt und so laut, dass man das Gefühl hat, dass sie unbedingt auffallen und gehört werden wollen. Gleichzeitig hat aber einer oder eine von ihnen ein Ohr immer am Nachbartisch und registriert dort Nuancen wie lautes Lachen, nicht ganz korrekten Umgang mit dem Besteck oder pikante Gesprächsthemen. Das alles wird dann kommentiert – mit Andeutungen oder getarnt als Teil des eigenen Gesprächs, aber eben laut genug, dass die Sitznachbarn es hören müssen („Ahahahaha, da muss ja was echt witzig gewesen sein, was?“, „Manche Leute können echt nicht essen!“).

Das sagen sie zum Kellner:

Sie geben ihre Bestellung auf – und wenn er geht, sagt einer gut hörbar: „Der Service hier war auch schon mal freundlicher.“

Dieses Gefühl lösen sie in dir aus:

Fremdscham.

So reagierst du am besten auf sie

Mama würde jetzt sagen: einfach ignorieren. Aber falls du eh grade Lust auf Streit hast, wäre das die ideale Gelegenheit, einen anzuzetteln.

Wenn sie gehen...

atmen alle auf.

nebentische anquatscher
Illustration: Katharina Bitzl

Die Anquatscher

So sind die:

Für diese Menschen wurde der Begriff „jovial“ erfunden. Sie sind schon ein bisschen älter und gehen gerne in dieses Café oder Restaurant, weil sie es so mögen, „auch mal wieder unter jungen Leuten zu sein“. Dann schauen sie sich um und egal, wie konzentriert du immer in die andere Richtung schaust, irgendwann quatschen sie dich an. Spätestens, wenn du einen Kuchen oder einen Teller Nudeln bekommst, werden sie „Oh, das sieht aber lecker aus“ sagen. Falls an eurem Tisch niemand was isst, fällt ihnen aber auch irgendwas anderes (Nettes!) ein („Mei, Sie sind so ein hübsches Paar!“, „Darf ich Sie kurz mal fragen, was Sie das so gespannt lesen?“). 

Das sagen sie zum Kellner

„Ich nehme, was er da drüben hat. Das war doch sicher eine gute Wahl, gell?“

Dieses Gefühl hast du ihnen gegenüber

Zärtliche Genervtheit.

So reagierst du am besten auf sie

Lächeln und nicken und freundlich antworten. Sie meinen’s nur gut!

Wenn sie gehen...

Kommentieren sie das („Wir gehen dann mal!“) und nutzen die Zeit, in der sie zum Jacke anziehen sowieso zwischen den Tischen stehen, für einen weiteren Plausch. Achtung: Festquatsch-Gefahr („Als ich in Ihrem Alter war...“)!

nebentische schweiger
Illustration: Katharina Bitzl

Die Schweiger

So sind die:

Ein Paar, das man landläufig als „Dining Dead“ bezeichnet. Denn sie sitzen. Und schweigen. Und essen. Und schweigen. Und trinken. Und schweigen. Ob sie vorher Streit hatten oder sonst auch nix reden? Man weiß es nicht. Was man weiß: Glücklich sind sie nicht.

Das sagen sie zum Kellner:

Der eine bestellt und sagt dann: „Nimmst du auch, oder?“ Der andere nickt.

Dieses Gefühl hast du ihnen gegenüber:

Schwermut.

So reagierst du am besten auf sie:

Gar nicht. Tote soll man nicht stören.

Wenn sie gehen...

Lassen sie dich schwermütig zurück. Wohin gehen sie? Wie sieht es dort aus? Und wird der eine den anderen wohl heute doch noch mal kurz an der Schulter berühren?

nebentische paar
Illustration: Katharina Bitzl

Das schlimme erste Date

So sind die:

Auch wieder ein Paar. Oder naja, einer will, dass sie eins werden, und der andere ist eher nicht so begeistert. Oder beide sind nicht begeistert und müssen da jetzt irgendwie durch. Schleppendes Gespräch. Viel Gerühre in Tassen, viel Gestocher im Essen. Peinlich berührte Blicke zum Nachbartisch, ob die wohl merken, wie mies das hier läuft (ja, merken sie) oder ob da vielleicht jemand sitzt, den man kennt und zur Not ansprechen kann. 

Das sagen sie zum Kellner:

„Ich nehm, äh, das... oder hast du noch gar nichts ausgesucht? Ach so, äh, wir warten noch!“

Dieses Gefühl hast du ihnen gegenüber:

Mitleid.    

So reagierst du am besten auf sie:

Mach es ihnen leicht: Ignoriere sie. Aufmerksamkeit macht alles nur noch schlimmer.

Wenn sie gehen...

Ist es noch sehr früh.

nebentische zuhoerer
Illustration: Katharina Bitzl

Der Lauscher

So ist der:

Allein. Vertreibt sich die Zeit. Trinkt eine Stunde an einem Tee. Tut so, als würde er lesen. Spitzt aber die Ohren. Wenn er eine leidenschaftliche Diskussion oder gar einen Streit mitverfolgt, kann er manchmal nicht an sich halten und nickt enthusiastisch, wenn die von ihm favorisierte Streit-Partei etwas sagt. Ansonsten würde er sich aber niemals einmischen.

Das sagt er zum Kellner:

„Nein, danke, für mich nichts mehr.“

Dieses Gefühl hast du ihm gegenüber:

Misstrauen.

So reagierst du am besten auf ihn:

Einen blitzschnellen, bösen Blick rüberwerfen, wenn er mal kurz vom Buch oder der Zeitung aufschaut.

Wenn er geht...

Er geht nicht.

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