Was mir das Herz bricht: Menschen, die mit Luftsäcken kämpfen

Sie haben eigentlich auf das ultimative Strand-Gadget gehofft – und machen sich stattdessen lächerlich.
Von Quentin Lichtblau

Es soll so lässig sein, aber ist so schwer.

Illustration: Daniela Rudolf

Es sollte eigentlich in etwa so ablaufen: Am Ufer ankommen, das ultraleichte Gadget aus dem Rucksack holen, eine profesionelle, fixe Handbewegung und zack – würde er über den vor Anerkennung platzenden Köpfen des Handtuchpöbels auf seinem eigenen, prallen Sack thronen. 

Stattdessen konnte ich nun dabei zusehen, wie ein offensichtlich sehr auf sein Äußeres bedachter Typ mit Tattoo-Sleeve und Gürteltasche sich vor seinen Freunden, seiner Freundin, mir und dem gesamten Badepublikum zum Deppen machte: Zunächst mit einem noch halb optimistischen Auf- und Abgewedel des Luftsacks, dann mit einer Art Derwischtanz und zuletzt mit einem Sprint am Ufer entlang, in etwa so aussichtsreich wie das Rennen von Kindern, die bei Windstille Drachen steigen lassen wollen. Die Hilfe eines anderen Mannes wollte er nicht annehmen, wobei auch nicht ganz klar war, inwiefern der ihn beim Befüllen des Sacks überhaupt hätte unterstützen können. Es war alles sehr erniedrigend. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich womöglich geweint.

Was ihn vielleicht trösten könnte: In zweierlei Hinsicht nach Luft schnappende Menschen wie er gehören seit ein paar Jahren zum normalen Bild an Stränden, Festivals, Seen. Mit seiner Investition in den als „Lamzac“, „Lounger to Go“ oder „Chillbag“ verkauften Sack ist er Teil einer wachsenden Gemeinschaft von Fortschrittsgläubigen, die einem Internet-Hypeprodukt auf den Leim gegangen sind. Vielleicht fehlt es tatsächlich an der richtigen Technik, vielleicht am Wind. Aber glückliche Menschen sieht man auf den Säcken eigentlich so gut wie nie.

Das falsche Versprechen von Netzhype-Produkten: Damit bist du smarter als alle anderen

Der Slogan eines Autoherstellers, der wegen manipulierter Dieselmotoren in Verruf geraten ist, „Vorsprung durch Technik“, ist das ewige Versprechen von Netzhype-Produkten wie dem Luftsack: Mit diesem Ding kochst du schneller, lebst du gesünder, hackst du das Handtücher-Business, bist smarter und fortschrittlicher als die anderen. Alles superdurchdacht, superleicht, superpraktisch, Tchibo in cool.

Im Prinzip gutes altes Werbefernsehen, nur eben authentisch als virales Video oder Kickstarter-Projekt. In den Videos bestaunt man dann influencertaugliche Menschen, die zu Ukulelenklatschmusik erklären, wie der Sack in nicht einmal einer Minute sowas von ready to go ist. Also eigentlich alles, was die Feelgood-Welt im Netz so zu bieten hat – aber eben niemals zu hundert Prozent in die analoge Welt übertragbar ist.

Nach einer Viertelstunde Wedlerei gab der Mann schließlich auf und schloss den halbvollen Sack. Dann lag er im eigenen Schweiß und zutiefst gedemütigt in seinem unförmigen, pinken Stück Plastik, genannt Chillbag. Und mir brach das Herz.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde zum ersten Mal am 29. August 2018 veröffentlicht und am 2. Juli 2020 noch einmal aktualisiert.

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