Da schauen sie noch fröhlich aus...

Da schauen sie noch fröhlich aus...

Illustration: Daniela Rudolf

Besonders schlimm ist es, sie in der U-Bahn zu sehen. Er in Lederhosen, mit dem Kopf an der Scheibe dösend, von einer Glocke aus Bierdunst umgeben. Sie daneben, mit diesen roten Augen der Betrunkenen, deren Spaß-Phase vorbei und deren Müdigkeits-Phase eingetreten ist. Vielleicht halten sie Händchen, aber eher nicht. Und um den Hals tragen sie Lebkuchenherzen. „Prinzessin“ oder „Spatzl“ steht auf ihrem, „Bärli“ oder „Schatz“ auf seinem. Aber Spatzl und Bärli sehen aus wie Saufl und Schnarli und während die Lebkuchenherzen mir betonhart entgegen leuchten (denn ich weiß, dass sie betonhart sind, ohne sie angefasst zu haben) macht ein anderes, weicheres Herz „Knack“, nämlich meines.

Lebkuchenherzen sind die Krönung der Kommerzialisierung von „Tradition“. Als Massenware hängen sie an den Ständen auf dem Oktoberfest, an denen Betrunkene vorbeistolpern, und locken Menschen an, die auf eine gute „Wir sind auf der Wiesn zusammengekommen“-Geschichte hoffen. Oder Menschen, die schon zusammen sind, aber auch gerne Postkarten mit Sinnsprüchen drauf an ihren Kühlschrank pinnen („Das große Glück der Liebe besteht darin, Ruhe in einem anderen Herzen zu finden.“). Menschen also, die anscheinend der Meinung sind, dass irgendwo irgendwelche beliebigen Leute voll gute Ideen hatten, wie alle anderen sich einander ihre Liebe zeigen können.

Darum laufen dann auf der Theresienwiese also lauter Trachtenträger und -trägerinnen herum, die ein Geschenkband um den Hals haben, an dem ein Herz hängt. Hunderte, tausende Spatzls und Bärlis, denen nichts Kreativeres füreinander eingefallen ist. Oder die sich in Wirklichkeit vielleicht nicht mal Spatzl und Bärli nennen, aber weil davon ausgegangen wird, dass Paare sich so nennen, wird’s auf die Herzen gesprüht, und die Käufer nehmen das halt hin. Für heute sind sie ein Paar aus der Massenfertigung und es bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht auf Dauer eines werden, das den Blick dafür verliert, was an ihrer Beziehung eigentlich besonders ist, nur für sie zwei beide.

Auf der Theresienwiese laufen hunderte, tausende Spatzls und Bärlis herum

Spatzl und Bärli haben, und das muss man ihnen zugute halten, beide ein Herz, sie haben also einander beschenkt. Noch tragischer ist die Kombination Paar, er ohne Herz, sie mit. Er hat ihr ein „Du bist zuckersüß“ gekauft und sie trägt sein Urteil um den Hals, das er nicht mal selbst gefällt, sondern aus verschiedenen Urteilen und Bezeichnungen am Lebkuchenherzenstand ausgewählt hat. Manchmal steht da auch „Darf ich an dir naschen?“ oder „I dad so gern mit dir obandeln“ drauf – und sich das Herz umzuhängen bedeutet vermutlich „Ja“ oder „Okay“.

Fast noch schlimmer als all das, als die voll behangenen Stände, die volltrunkenen Käufer und Träger, ist das Nachleben der Herzen und mit den Herzen, das ich immer sofort vor mir sehe, wenn ich diese Paare sehe.

Denn dann sehe ich, wie sie streiten, sich anschreien, womöglich theatralisch Geschirr zerwerfen, und dabei hängen die Herzen an der Wand. Sie sind traurige Reste ihrer Liebe. Denn diese Herzen werden ihre Beziehung nicht retten. Das Selfie da hinten, das sie zeigt, wie sie in den Bergen nach der Übernachtung auf der Hütte morgens gemeinsam den Sonnenaufgang angeschaut haben, das vielleicht. Oder der weiche Schal, den er auf einer Alpaka-Farm gekauft und ihr geschenkt hat. Oder die gemeinsame Büchersammlung. Das alles kann sie vielleicht retten, weil gemeinsame Erinnerungen dran hängen, gemeinsam verbrachte Zeit, die Gedanken, die sich der eine für den anderen gemacht hat. Aber diese beiden essbaren Herzen, die niemals gegessen werden, die Herzen aus Massenproduktion, auf die irgendeine Maschine einen Kosenamen geschrieben hat, die nicht. Es steckt kein Herz im Lebkuchenherz.

Es muss natürlich nicht gar so tragisch enden. Aber auch, wenn Spatzl und Bärli nicht streiten und glücklich bleiben, dann werden die Herzen irgendwann weißlich anlaufen. Eklig werden. Wenn Spatzl und Bärli mutig sind, haben sie sie vorher eventuell mal probiert und dann hingen sie da mit angeknabbertem Zuckerguss, trauriger noch als zuvor.

Und dann landen sie schließlich im Müll. Ich kauf dir was, damit es dann vor sich hingammeln und am Ende im Müll landen kann – dieser traurige Grundsatz steckt statt Herz im Lebkuchenherz. Echte Herzen können da nur brechen. 

Oh, wie oft uns jeden Tag das Herz gebrochen werden kann: