Was mir das Herz bricht: Wenn Menschen die Hobbys ihrer Partner*innen übernehmen

… obwohl sie ihnen überhaupt nicht liegen.
Von Leonie Sanke
herzensbrecher hobby

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Alles an ihr ist angespannt – ihr Kiefer, ihre Schultern, ihre Hände, die den Lenker umklammern. Jede Berührung mit dem Sattel löst einen stechenden Schmerz aus. Vor ihr: ein abschüssiger Schotterweg, locker 25 Prozent Gefälle. Ein gutes Stück weiter: ihr Partner, der leidenschaftliche Hobby-Mountainbiker. Sie dachte, sie könnte sich mit dem „Adrenalinrausch“ anfreunden, eine dieser toughen, bis zum Trikot-Rand braungebrannten Mountainbikerinnen werden. Doch jetzt überwiegt die Todesangst. Während sie ihr Mountainbike weiter stockend über Laub, Wurzeln und Steine manövriert, versucht sie sich einzureden, dass sie das irgendwie auch für sich macht – für ihre Wadenmuskulatur, ihr Selbstvertrauen. Dabei weiß sie genau, für wen sie diesen Berg eigentlich herunterschlittert: ihren Partner.

Die verkrampfte Urlauberin, die ich da beobachte, ist nicht allein. Sie steht für einen Liebesbeweis, der mir immer wieder das Herz bricht: aus Liebe ein Hobby anzunehmen, das einem sonst nicht im Traum einfallen würde. Diese herzensbrechenden Partner*innen trifft man an sonnigen Wochenenden auf beliebten Jogging-Strecken, in Opernhäusern, Wellnessbereichen, Fußballstadien, Lesungen – und immer wieder im Urlaub, ob in den Bergen, am Strand oder in Museen. Sie starren stundenlang mit leerem Blick auf abstrakte Gemälde, hieven sich auf Surfbretter, zwängen sich in Taucheranzüge oder trainieren auf einen Halbmarathon, weil Laufen „einfach das Beste für den Körper ist“ – und für die Beziehung. 

So einen unbeholfenen Liebesbeweis hält niemand wirklich lange durch

Dabei tun sie ihr Möglichstes, alles ganz locker wirken zu lassen. Als wüssten sie genau, was sie hier tun und warum. Wirklich schlimm wird es, wenn diese Fassade bröckelt. Wenn sie beim Derby nachfragen, ob es denn normal sei, dass im Stadion niemand das Spiel kommentiert. Wenn sie bei der Skiabfahrt über Blankeis still und leise in Panik geraten. Oder wenn sie – was früher oder später passieren muss – zum ersten Mal durchblicken lassen, dass Fallschirmspringen mit Höhenangst vielleicht doch keine so gute Idee ist.

Denn so einen unbeholfenen Liebesbeweis hält niemand wirklich lange durch. Das „Hobby aus Liebe“ ist ein Phänomen relativ junger Beziehungen. Spätestens nach den ersten zwei, drei Jahren weicht es einer erlösenden Ehrlichkeit und der Erkenntnis, dass man nicht jeden freien Tag mit einer gemeinsamen Leidenschaft füllen muss. Vielleicht folgt dann sogar irgendwann die Erkenntnis, dass man nicht mal jeden Urlaub zusammen verbringen muss. Aber bis zu diesem Punkt hat man wirklich alles gegeben. So viel Kompromissbereitschaft zu demonstrieren, ist wichtig und herzzerreißend zugleich.

Es ist vermutlich auch deshalb ein echter Herzensbrecher, weil so gut wie jede*r selbst schon mal in einer ähnlichen Situation war. Denn nur die Wenigsten haben das Glück, jemanden zu finden, mit der oder dem man gerne alt und langweilig wird und gleichzeitig mehr gemeinsame Hobbys hat als Netflix. Und so leide auch ich beim Anblick der unfreiwilligen Mountainbikerin mit – und hoffe, dass ihr Partner ähnlich viel Kompromissbereitschaft bei ihren Hobbys zeigt. Vielleicht wird ihre Todesangst auf dem Mountainbike ja zum Beispiel zumindest durch seine blauen Flecken beim Surfurlaub an der Algarve kompensiert. Hat ja niemand behauptet, dass Liebe einfach ist.

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