Was mir das Herz bricht: Menschen an ihrem ersten Praktikumstag

Denn der einzige, der sie an diesem Tag im Büro erwartet, sind sie selbst.
Von Marcel Laskus

Illustration: Julia Schubert

Da läuft er, der Praktikant an seinem ersten Tag, mit schnellen Schritten und geradewegs auf den Bürokomplex zu. Sein Hemd ist gebügelt, die Lackschuhe vom Abiball sind geputzt. Der Rücken ist durchgedrückt, er lächelt. Woher auch soll er wissen, dass er das Gebäude heute Abend enttäuscht verlassen wird? Jetzt steht er da, es ist 8.32 Uhr und er hätte abgeholt werden sollen vom Personalreferenten, vor einer halben Stunde schon. Doch gekommen ist niemand. Man hat ihn vergessen. Und weil ich weiß, wie sich das anfühlt, bekommt mein Herz einen ersten Knacks.

Da hinten, da ist er endlich. Ein fester Händedruck zur Begrüßung – und oh, wie nett – hier ist man gleich per Du. Im Büro angekommen fährt der Praktikant den Computer hoch. Benutzername eingeben. Aber hoppla, sagt der Personalreferent, das Kennwort haben wir noch gar nicht angelegt. Ein Anruf bei der IT. Das könne schon mal dauern. Also: Lies doch erst mal Zeitung. Und dann setzt der Praktikant sich hin. Und liest. Und wartet. Aber weil er auch zwischen den Zeilen lesen kann, hat er nun noch etwas anderes verstanden: Der einzige, der ihn hier heute erwartet hat, ist er selbst. Und in diesem Moment bricht es mir das Herz.   

Denn dieser Mensch, den ich da beschreibe, bin ich. Ein bisschen zumindest. Genauer gesagt ist er ein Mischwesen – aus mir, mehrfacher Ex-Praktikant, und den vielen anderen Praktikantinnen und Praktikanten, mit denen ich bereits den Flur und damit die Sorgen des ersten Praktikumstags geteilt habe. Man könnte ihre Namen und Gesichter austauschen. Genauso egal ist, ob sie männlich sind oder weiblich, groß oder klein. Von Bochum bis nach Bitterfeld, überall ist man vereint im selben Schicksal: Der Traurigkeit des ersten Arbeitstages. 

Anstoßen auf den 50. von Simone aus der Buchhaltung ist wichtiger als der Praktikant

Zurück ins Büro: Üblicherweise vergehen nun mindestens zwei weitere Stunden, eher vier, und der immer noch motivierte Praktikant blättert und blättert weiter in den Zeitungen der letzten Woche. Ihm bleibt nichts anderes übrig. Nach dem Passwort für den Rechner hat in der Zwischenzeit natürlich niemand mehr gefragt bei der IT. Ist irgendwie untergegangen nach dem Sekt-Umtrunk auf den fünfzigsten Geburtstag von Simone aus der Debitorenbuchhaltung. Inzwischen konzentrieren sich die Kolleginnen und Kollegen wieder, aber eben vor allem auf die eigenen Monitore und Meetings. 

Und der Praktikant?  

Der schaut auf alle anderen, und die anderen schauen durch ihn hindurch. Gefreut hat er sich, hier sein zu dürfen. Die Firma zu bereichern mit seinem Elan und den vielen Ideen. Die Skills aus den Methodenseminaren im dritten Semester endlich anwenden. Und nun das. Er zweifelt. Einen wie ihn kann man hier offenbar nicht brauchen. Die Kollegen wussten – ganz plötzlich – nicht mehr, dass sein erster Tag heute ist. Dabei steht es doch am DIN-A-1-Wandkalender bei KW 42. Rot. Fett. Eingekringelt. „PRAKTI“, in Großbuchstaben sogar.   

Dass der erste Tag im Praktikum meist anders läuft als erhofft, gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen der Arbeitswelt.  Dabei performt der Praktikant vermutlich wie kein anderer im Haus – und das macht es nur noch trauriger. Die Erwartungen, die er bei sich anlegt, sind hoch: Er muss sich beweisen und behaupten. Bescheiden und belesen sein muss er auch. Alles in einem, alles gleichzeitig. Aber das letzte, was man ihm in den letzten drei Stunden ins Gesicht gesagt hat, war: „Mahlzeit.“ 

Erst am Abend, wenn er das Drehkreuz längst wieder verlassen hat und das Hemd verschwitzt und zerknittert ist, fasst er seine Ernüchterung vorsichtig in Worte: „Joa, die Kollegen sind ganz nett“, erzählt er dann dem besten Freund oder seiner Mutter am Telefon. „Bin gespannt, wie es jetzt weiter geht.“ Dann liegt er im Bett, erschöpft, und weil er nicht einschlafen kann, zählt er keine Schäfchen, sondern Tage. Die Tage, bis sein Praktikum vorbei ist. Dabei wäre das der größte Fehler.

Erst später, im Rückblick, wird man dankbar sein für diesen Tag

Denn das tragischste an der Enttäuschung über den ersten Praktikumstag ist: Sie wäre überhaupt nicht nötig. Denn eigentlich ist es mit diesem Tag so wie mit einem Urlaub, der sich unerwartet um einen Tag verlängert. Weil der Flieger wegen eines Unwetters ausfällt und man deshalb erst einen Tag später zu Hause ankommt. In dem Moment, in dem man das erfährt, ärgert man sich erstmal – man will ja heim. Erst später, im Rückblick, wird man dankbar sein über diesen Extra-Tag frei, der trotz allen Ärgers ziemlich erholsam war. Genauso ist es beim ersten Tag im Praktikum. 

Die Tatsache, dass niemand auf einen gewartet hat, lässt die Luft aus diesem ersten Arbeitstag, den man sich selbst so sehr aufgeblasen hat. Früh genug – vermutlich schon ab Tag zwei – wird man auch als Praktikant eingebunden sein, wird Akten sortieren müssen und Ordner entrümpeln, die seit dem Umzug ins neue Büro niemand mehr angefasst hat. Man wird abends noch daheim am Schreibtisch sitzen, während die Freunde in der Kneipe eine schöne Zeit haben. Weil man der Chefin etwas beweisen will. Weil man möchte, dass sie sich auch nach diesen drei Monaten noch an sein Gesicht erinnert. Und deshalb sitzt man da, neben sich die zweite Kanne Kaffee, vor sich diese verfluchte Powerpoint-Präsentation. Und hat längst vergessen, dass man pro Stunde nur 1,58 Euro verdient.  

Der erste Tag wird der letzten Tag dieser Art sein, bei den meisten jedenfalls. Denn bald schon bekommen die Kolleginnen und Kollegen mit, dass der Praktikant doch etwas drauf hat und das Team sogar bereichern kann. Nur weiß man das eben nicht, wenn man Praktikantin oder Praktikant ist, und der erste Tag noch nicht vorbei ist. Und weil das Praktikum nun mal nicht mit dem zweiten Tag beginnen kann, bleibt dieser Tag eine Qual – auch dann noch, wenn man wie ich, ihn nur als Zuschauer erlebt. Und deshalb bricht es mir das Herz. Jedenfalls so lange noch, bis ich so alt bin, dass ich vergessen habe, wie es sich das anfühlt, Praktikant am ersten Tag zu sein. 

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