Was mir das Herz bricht: Schülerlotsen, die spüren, dass sie eigentlich nicht gebraucht werden

Illustration: Daniela Rudolf

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Vorsicht im Straßenverkehr! Kann man nicht oft genug sagen. Heute sage ich es aber nicht aus Sorge vor Unfällen. Sondern aus Angst um die seelische Unversehrtheit der Straßenverkehrsteilnehmer. Denn jetzt, kurz nach Beginn des neuen Schuljahres, stehen sie wieder an vielen Ecken: Schülerlotsen. Und sie brechen mir das Herz.

Wie sie da schon stehen, in ihren gelben Warnwesten oder -jacken. Allein die haben schon etwas Demütigendes. Weil sie einerseits ein Hingucker sind und Blicke auf ihren Träger ziehen, andererseits aber immer zu groß sind, um dessen Körper herum schlabbern und ihn ein kleines bisschen unförmiger machen.

Das eigentlich Schmerzhafte an Schülerlotsen ist aber die Unlösbarkeit ihrer Aufgabe selbst: Sie sollen hier etwas regeln, das längst geregelt ist.

Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich regelmäßig an Schülerlotsen vorbei. Sie stehen an einer nicht sonderlich befahrenen, engen Straße, die so schmal ist, dass sie Geschwindigkeiten über 30 gar nicht zulässt. An der Kreuzung, an der sie die Kinder über die fünf Meter breite Straße geleiten, gibt es eine Fußgänger-Ampel.

Es gibt hier also keinen Handlungsbedarf. Wenn es grün wird, gehen die Kinder über die Straße – sie tun das von ganz alleine, sie haben das gelernt. Und doch schlurfen neben ihnen unbeachtet die Lotsen auf die Straße. Ihren Arm mit der Kelle heben sie nur halbhoch, als würde ihnen die Kraft fehlen. Sie scheinen zu spüren, dass sie eigentlich nicht gebraucht werden.

 

Schülerlotsen sind wie der Kuchen, den noch jemand zur Geburtstagseinladung mitbringt, wenn alle sich längst am Grillbuffet plus Nachtisch vollgefressen haben. Sie sind wie die ausgestreckte Hand, die niemand schüttelt.

 

Was es noch brutaler macht: Ihre Schützlinge lassen sie das auch spüren. Sie gehen einfach an ihnen vorbei, schauen sie nicht an. Die einen, weil sie viel zu beschäftigt mit sich selbst und dem Einander-auf-dem-Schulweg-Ärgern sind. Andere vielleicht aus Schüchternheit. Manche aber auch absichtlich, weil sie sich zu alt fühlen, um über die Straße gebracht zu werden. Ein Kind will ja nichts mehr, als zu den coolen Älteren gehören, die schon groß sind und ganz viel können. Sich von einem älteren Herrn mit einer Kelle über eine leere Kreuzung leiten zu lassen, ist diesem Ziel nicht zuträglich. Der Schülerlotse ist also ihr natürlicher Feind, den sie mit Ver- oder Missachtung strafen.

 

Vermutlich hat deshalb kein Schülerlotse jemals ein Dankeschön von einem Schüler zu hören bekommen. Und wenn ich daran denke, macht es gleich noch mal "knack" in meiner Brust. Denn Schülerlotsen arbeiten meist ehrenamtlich, also aus Gutmütigkeit und / oder weil sie der Überzeugung sind, den wehrlosen, kostbaren Kindern schützend zur Seite zu stehen.  Nicht selten sind Schülerlotsen auch Rentner, wo sofort der Verdacht mitschwingt, dass der ältere, verknitterte Herr vor allem deshalb in seiner Weste an der Ampel steht, weil er das Gefühl sucht, gebraucht zu werden und auch als alter Mensch ohne Arbeit eine Aufgabe in der Gesellschaft zu haben.

 

Wenn ich das nächste Mal an einem Schülerlotsen vorbeikomme, werde ich ihm anerkennend zunicken.

 

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