Horror-Date: Das Schweigen der Sechstklässler

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Dating-Situation: Anschweigen im größten Kino Kölns

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, zwölf

Vibe des Dates: Verlegenheit des Todes

Horrorstufe: 3 von 10

Mein erster Freund sah aus wie Michel aus Lönneberga. Hellblonde Wuschelhaare, schmächtig, mit einem frechen Ich-spiele-dir-bald-einen-Streich-Lächeln. Nur noch mit Baggy-Pants und Goldkettchen. Nennen wir ihn Kalle. Sollte Kalle, wie es sich für eine Astrid-Lindgren-Figur gehört, auch verrückte Abenteuer erlebt haben, dann hat er mich jedenfalls nie mitgenommen – oder mir davon erzählt. Er redete nämlich kaum. Dadurch, dass Kalle so schweigsam war, konnte ich alles Mögliche an Phantasien und Wünschen auf ihn projizieren. Dass Kalle aber so viel schwieg, weil er womöglich etwas zu verbergen hatte, kam mir nicht in den Sinn. Tja, so kann man sich als unschuldige und verliebte Sechstklässlerin täuschen. Aber wer hätte schon ahnen können, das mein Kalle aus Lönneberga eigentlich ein Gangster war? Doch eins nach dem anderen. 

Auf der Unterstufen-Party slow-dancten wir zu „Because of you“ von Kelly Clarkson

Kalle und ich gingen in Parallelklassen. Obwohl wir kaum miteinander redeten, ging es erstaunlich lange gut mit uns. Zu unserer ersten Annäherung kam es auf einer Unterstufen-Party. Die Musik war so laut, dass man den anderen ohnehin kaum verstehen konnte. Ein gemeinsamer Freund fragte mich irgendwann stellvertretend für Kalle, ob ich mit ihm tanzen wolle. Ich sagte nickend „Okay“. Und dann slow-dancten Kalle und ich zu „Because of you“ von Kelly Clarkson. Ab sofort war das UNSER SONG und ich fand das sehr romantisch. Mein Englisch war damals noch zu schlecht, um zu verstehen, dass „Because of you“ eigentlich ein Break-up-Song ist. Aber ab da gingen wir miteinander.  Zumindest bis zu unserem ersten offizielle Date wenige, dafür aber sehr schweigsame Wochen später.

Wir verabredeten uns dort, wo sich alle Teenie-Paare in unserem Umfeld zu der Zeit verabredeten: im Kino. Genau genommen im Cinedom Köln, einem riesengroßen mehrstöckigen Kinogebäude mit viel zu großer Programm- und Snackauswahl.

Theoretisch könnte ein Kino-Date für zwei schweigsame Menschen ganz günstig sein. Man muss da schließlich nicht miteinander reden. Das Problem ist nur, dass man sich irgendwie darauf verständigen muss, welchen Film man überhaupt anschaut. Und darauf, was man als Snacks mit reinnimmt. Für beides war das Cinedom Kino der Endgegner.  

Ich hätte das verdächtig finden sollen

Kalle und ich standen ewig lang schweigend vor der Tafel mit der Filmauswahl. Irgendwann nuschelte Kalle, die Hände in der Baggy-Jeans vergraben: „Weißt du schon, was du schauen möchtest …?“ und ich flüsterte, mit gesenktem Kopf, durch die Strähnen meines viel zu seitlichen Seitenscheitels hindurch „Hm nee, kannst ruhig du entscheiden, für mich ist alles ok“. Diese Performance aus schweigsamer und leiser Unentschlossenheit wiederholte sich noch eine Weile. So lange, bis als einzig möglicher Film „Der Babynator 2“ blieb. Natürlich hatte keiner von uns den ersten Teil gesehen. Aber egal, Hauptsache wir kamen irgendwie voran. Kalle kaufte, gegen meinen Willen, die Tickets, also kaufte ich Kalle eine ansehnliche Portion Popcorn. Er inhalierte sie so schnell, sowas hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen. Im Nachhinein hätte ich das schon verdächtig finden sollen. Aber ich war zu sehr damit beschäftigt, selbst nicht irgendwelche peinlichen Geräusche beim Trinken meiner Cola zu machen.  

Als wir, auf dem Weg zum Saal, eine der zig Cinedom-Rolltreppen bestiegen, sahen wir einige Stufen unter uns plötzlich den nächsten Stressfaktor händchenhaltend und kichernd in unsere Richtung winken: ein anderes Paar aus unserer Stufe. Ein richtiges Paar! Simon und Anna redeten im Gegensatz zu uns nicht nur miteinander, sie hatten sich sogar schon mal geküsst! Ich schämte mich auf einmal arg für Kalle und mich und unsere Verlegenheit.

Eine schockierende Enthüllung

Zu allem Überfluss saßen Simon und Anna dann auch noch mit uns zusammen im „Babynator 2“ – in Sichtweite. Sie knutschten und warfen uns zwischendurch auffordernde Blicke zu, es ihnen gleichzutun. Kalle und ich mussten nicht miteinander sprechen, um zu wissen: Wenn wir den beiden jetzt nicht irgendetwas lieferten, würden wir die Lachnummer unserer Stufe sein. Gezwungenermaßen legten wir also irgendwann unsere schwitzigen Händchen aufeinander – ganz kurz. Nur, um später unseren Freund:innen erzählen zu können, dass wir „Händchen gehalten“ haben. Und damit Anna und Simon endlich wegsehen. Als der Film vorbei war, verabschiedeten wir uns mit einer ungelenken Umarmung. Schweigend. 

Trotz dieses schrecklichen Dates blieben Kalle und ich noch eine Weile „zusammen“. Insgeheim hoffte ich darauf, dass wir uns irgendwann wohler miteinander fühlen würden. Stattdessen fand ich irgendwann heraus, warum Kalle so wenig reden und so viel essen konnte. Eine schockierende Enthüllung, die dann doch ein ganz gelegener Trennungsgrund war. 

Kalle war in Wirklichkeit der Gras-Dealer meiner Schule – als Sechstklässler! Ich erfuhr das von einem Mitschüler (einem seiner Kunden), konnte es erst kaum fassen. Mein Kalle aus Lönneberga, ein Drogendealer?! Also konfrontierte ich ihn via SMS – aber er: schwieg. Classic Kalle. Wenig später kam dann auch die Schulleitung seinem frühen Gangster-Dasein auf die Schliche. Traurigerweise merkte ich dadurch, wie wenig mir tatsächlich an Kalle lag. Und wie viel an einem guten Ruf. Statt zu ihm zu stehen, auch in schweren Zeiten, machte in einer seltsamen Es-ist-vorbei-Performance in der kurzen Pause Schluss. Ich war einfach noch nicht bereit für diese bad boy energy.

Die Geschichte ist zwar schon wirklich lange her, dennoch möchte unsere Autorin lieber nicht, dass ihr Ex erfährt, dass sie mal eine Kolumne mit dem Namen Horror-Date über ihn geschrieben hat. Deswegen bleibt sie hier anonym. 

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