Horror-Ferienjob: Der „Schattenprinz“ auf der Baustelle

In dieser Serie erzählen wir von unseren schrägsten Nebenjobs. Diesmal: Ungewohnte körperliche Arbeit.
Von Niko Kappel
horror ferienjobkolumne cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Horrorstufe: 5 von 10

Chef*in: Paul, der Goldfield rauchte. Ohne Filter.

Bezahlung: 10,30 Euro/Stunde

Erlernte Skills: Sachen von A nach B tragen

„Da unten steht bei mir gar nichts mehr. Und wenn, dann kommt nur noch heiße Luft raus!“ Diesen Satz sagte Uwe zu mir, ich war 15 Jahre alt und arbeitete auf einer Baustelle in der Nähe der schwäbischen Alb. Meine Aufgabe war es eigentlich, Dinge in Kranketten einzuhängen, Steine von A nach B zu tragen, endlos Staub zu fegen – für 10,30 Euro die Stunde. Das hieß, dass ich mir am Ende des Jobs endlich mein erstes iPhone kaufen konnte. Nur musste ich für dieses iPhone eben auch geduldig Uwe zuhören, der mir, einem pubertierenden 15-jährigen, von seiner Erektionsstörung erzählte. 

Uwe berichtete, wie er früher immer auf die Baustelle geradelt war, jeden Tag einen Kasten Bier auf dem Gepäckträger. Genaue Arbeitszeiten habe es damals nicht gegeben. Er habe einfach so lange gemauert, bis der Kasten Bier leer war. Manchmal war das um 15 Uhr, manchmal um 20 Uhr. Heute sei er trocken und das trinken auf der Baustelle verboten. Während Uwe und ich bei 30 Grad Zementsäcke in den fünften Stock des Rohbaus eines Hochhauses schleppten, erzählte er mir, dass die Zeit mit dem Alkohol einige Spuren hinterlassen hätte. Daher auch die „heiße Luft“, die bei ihm unten rum nur noch heraus käme. Uwe erzählte, dass seine Impotenz leider die Chancen auf dem Datingmarkt extrem erschwere: “Wie soll man jemand kennen lernen, wenn man keinen mehr hoch kriegt?” Das ich schamrot im Gesicht war und diese Geschichten absolut nicht hören wollte, interessierte Uwe nicht.

Jeden Morgen um 6:30 Uhr trafen wir uns im Bauwagen der Baustelle. Wir stempelten uns in das Bezahlsystem der Baufirma ein und saßen dann erstmal noch zwanzig Minuten herum. Ich tat nichts und versuchte, nicht wieder einzuschlafen. Die Bauarbeiter lasen die BILD-Zeitung und tranken Filterkaffee mit Kaffeeweißer. Ich wusste davor nicht, dass man Milchpulver anstelle von echter Milch in den Kaffee geben kann. Zwanzig Minuten nach dem eigentlichen Arbeitsbeginn scheuchte uns Paul aus dem Bauwagen und wir fingen an zu arbeiten. Paul war der Chef des Bautrupps. 

Der Job des Bauarbeiters verdient größten Respekt

Paul hatte seinen eigenen Bauwagen, sogar mit Schreibtisch. Er trank seinen Kaffee nicht mit Kaffeeweißer, er hatte echte Kondensmilch. Auf seinem langen Schreibtisch lagen eine silbrig glänzende Maurerkelle, ein Zimmermanns-Hammer, der bestimmt noch nie hämmern musste und ein nigelnagelneuer Zollstock. Paul war eben ein richtiger Chef. Er machte sich die Hände nicht schmutzig, außer wenn er seine selbstgedrehten Zigaretten rauchte. Er rauchte die Tabakmarke Goldfield. Ohne Filter. Er war so was wie der Überwacher für die Truppe, er sagte an, was wohin gemauert werden musste und sah ab und zu nach dem Rechten, während die anderen schufteten. Aber seiner gebeugten Körperhaltung sah man an, dass auch er die ersten 30 Jahre hauptsächlich damit verbracht hatte, einen Stein auf den anderen zu setzen. 

Paul sah nach ein paar Tagen, dass ich mich auf der Baustelle schwer tat. Ich war kaputt vom Steine schleppen, mein Rücken fühlte sich an, als würde er bald brechen und ich schämte mich, dass ich jetzt schon schlapp machte und manche der Jungs diesen Job ihr ganzes Leben durchzogen. Es war unglaublich warm in diesem Sommer und ich war körperliche Arbeit nicht gewohnt. Dass Menschen wie Uwe jeden Tag ihren Körper hinhalten und Häuser bauen, für einen Stundenlohn, der sich nicht groß von dem eines Ferienjobbers unterscheidet, verdient höchsten Respekt. Dass ich das niemals mehr als ein paar Wochen durchhalten würde, war schnell klar. Dass Uwe keine Grenzen kannte und der Chef keine Gnade, machte das Ganze nicht unbedingt einfacher.

Weil ich oft körperlich nicht mehr konnte, suchte ich mir ab und zu ein schattiges Plätzchen auf der Baustelle, um kurz Pause zu machen. Dem Chef fiel das schnell auf. Von da an nannten mich alle nur noch den „Schattenprinzen“. „Hey, Schattenprinz! Zehn Zementsäcke in den dritten Stock und zwar sofort. Und heul nicht wieder rum wie schwer das sei, du Mädchen!“ „Jawoll – wird gemacht.“ Als der Chef in der zweiten Woche endgültig einsah, dass aus mir kein Arbeitstier mehr werden würde, bekam ich die ehrenvolle Aufgabe, mit meinem Fahrrad beim nächstgelegen Discounter für alle Vesper zu holen. Gevespert wurde von 11 Uhr bis 11:45 Uhr, das war die einzige Pause, die wir bekamen.

Ich wünschte, ich hätte eine der Einkaufslisten aufgehoben, die mir die Bauarbeiter mitgaben. Man merkte, dass die Jungs Power für ihren Job brauchten. Was ich noch weiß: Drehtabak für den Chef, jeden zweiten Tag ein neuer Beutel. Fleischbällchen mit Ketchup-Füllung für Uwe. Für Ahmed, den Kranfahrer der Truppe, sollte ich jeden Tag ein Brötchen und eine 200g Packung abgepackte Lyoner-Wurst in Scheiben mitbringen. Ahmed legte dann die komplette Packung, zwölf Scheiben Lyoner, übereinander auf das Brötchen und biss genüsslich rein.

Mit 15 will man nicht mit fremden Erwachsenen auf der Baustelle über Sex reden

Ahmed hatte neben dem Kran fahren noch ein Nebengewerbe. In einem Dorf auf der schwäbischen Alb gehörte ihm eine „Stangenbar“, wie er es nannte. Ahmed erzählte immer begeistert, was die osteuropäischen Frauen, die für ihn arbeiteten, dort so machten. Während er von deren Flexibilität schwärmte, versank ich vor Scham im Boden. Allgemein war Ahmed sehr offen, wenn es zum Thema Sex ging. Ich erinnere mich an die Frage: „Hey Schattenprinz, hast du eigentlich schon gebumst“? Ständig fragte er mich über Sex aus. Er verstand nicht, dass ich das Thema Sex nicht unbedingt mit 40-jährigen, mir komplett fremden Bauarbeiter besprechen wollte.

Während sich Ahmed wirklich jeden Tag seine zwölf Scheiben Lyoner auf Brot reinschraubte und sich abfällig und sexistisch über die Frauen aus seiner Stripbar äußerte, wachte im Bauwagen über uns an der Wand, wie ein Kreuz in einem bayerischen Klassenzimmer, ein Kalender mit nackten Frauen, die sich Milch über ihre operierten Körper schütteten. Als ein neuer Monat anfing, fragte mich Ahmed: „Hey Schattenprinz, willst du den Weiberkalender umblättern?” Alle lachten, ich versank im Boden. Den Kalender wollte ich nicht umdrehen. Ahmed tat es dann selbst und hatte eine große Freude an der neuen Milch-Frau, die uns für den nächsten Monat begleiten sollte. 

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