Horror-Schwiegereltern: Die fremdsprachigen Streitsüchtigen

Das Blöde an der Liebe: Den Partner sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In dieser Serie erzählen wir davon.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Beide Anfang 20

Beziehungssituation: Seit drei Monaten in einer Beziehung

Horrorstufe: 9 von 10

Vor einigen Jahren waren mein damaliger Freund und ich erst frisch zusammen, aber mordsglücklich dabei. Nur eines drohte: Sein Umzug nach Frankreich. Selbst Deutschfranzose studierte er nämlich einen deutsch-französischen Studiengang, der mal ein Jahr in Deutschland, ein Jahr in Frankreich und so weiter stattfand. Ganz schön traurig also für uns. Die letzten Wochen davor wollten wir unbedingt zusammen verbringen. Doof, aber verständlich, dass seine Eltern das Gleiche vorhatten. Sie luden deshalb nicht nur ihn, sondern unbekannterweise auch mich ein, beim Familienurlaub (ebenfalls in Frankreich) für einige Tage dabei zu sein. Mein Freund betonte, wie wichtig ihm sei, dass ich mitkäme, also tat ich es. Am Tag des Abflugs war schließlich sein Geburtstag.

Mama, Papa, Bruder und Schwester erwarteten uns schon am Flughafen, sie waren schon vor Tagen aus einer anderen Stadt angereist. Anfangs waren alle nett, sie begrüßten mich bei dieser ersten Begegnung auf Deutsch. Schließlich war es ihre Muttersprache, nur der Vater war in Frankreich aufgewachsen. Aber auch er lebte ja schon seit 30 Jahren in Frankfurt und sprach sogar mit hessischem Dialekt.

Schon zwei Stunden später war alles anders: Wir saßen in einem Restaurant, selbstverständlich mit französischen Speisekarten. Ich kannte kein Wort darauf, bat meinen Freund um Hilfe. Der schien im Beisein seiner Eltern allerdings plötzlich nur noch Französisch zu beherrschen. Sie ermahnten ihn auch immer wieder streng dazu, nicht immer mal wieder mit Deutsch anzufangen. Auf meine verzweifelte Nachfrage hin war sich die Familie einig: „In Frankreich spricht man Französisch.“ Niemand übersetzte mir die Karte oder sprach auch nur ein weiteres Wort mit mir.

Na toll. Ich wollte weinen. Spätestens als der Kellner sich näherte, stiegen in mir Tränen der Wut auf. Wie sollte ich denn nun mit dem kommunizieren, ohne mich komplett lächerlich zu machen? Und was wollte ich überhaupt von ihm? Nur Baguette? Weil ich das wenigstens aussprechen konnte? Als schließlich jemand IRGENDWAS für mich bestellte, war ich gleichzeitig erleichtert und sauer. Ich hatte an diesem Tisch offenbar nichts zu melden, meine fehlenden Französischkenntnisse machten mich zur Aussätzigen.

Beim Streiten brüllten die Eltern dann doch auf Deutsch

Ab diesem Zeitpunkt ging es mir schlecht und mit jedem weiteren Tag schlechter. Ohne Französisch war ich im Ferienhaus der Eltern, in ihrer Welt, nichts wert. Mein Freund entfernte sich immer weiter von mir. Es war, als wäre er entsetzt davon, dass ich mit seiner Familie nicht klarkam. Aber wie sollte ich, wenn sie sich nicht mit mir verständigen wollten?

Tatsächlich gab es nur eine Art von Gelegenheit, zu der seine Eltern vom Französischen ins Deutsche verfielen: Beim Streiten, wenn sie sich so richtig schlimm anbrüllten und dabei notfalls noch ein paar Gegenstände nacheinander warfen. Ihnen war in solchen Momenten (und warum war mir schleierhaft) aber auch egal, ob jemand sie sah und hörte. Sie stritten sich ganz ungeniert, sicher die Hälfte des Tages. „Du bist ein egomanisches Arschloch“ war sicherlich der deutsche Satz, den ich in diesen Tagen am häufigsten zu hören bekam.

Ich durfte also die Ehekrise mir fremder Menschen in mir aufsaugen. Während „Papa“ Spanien und alle seiner Bewohner hasste, wollte „Maman“ am Liebsten täglich einmal über die naheliegende Grenze fahren. Schließlich unterrichtete sie in Deutschland nicht nur Französisch, sondern auch Spanisch. Während er wandern wollte, wollte sie an den Strand. Wollte er Käse, wollte sie Fisch.

Und über genau solche Lappalien brüllten sie sich dermaßen an, dass ich regelrecht Angst bekam.

Ich wurde immer aufgewühlter, saurer, trauriger. Auch, weil sich irgendwann keiner mehr Mühe gab, so zu tun, als meine man es gut mit mir. Stattdessen wurde an Tag drei für mich im Kofferraum des Kleinbusses ein Ersatzsitz ausgeklappt. Darauf musste ich sitzen, während wir über Stunden durchs Gebirge fuhren, weil die Mutter nicht wandern, sondern aus dem Fenster gucken wollte.

Irgendwann steckte ich mir auf dieser Fahrt Kopfhörer ins Ohr. Sie rasteten alle aus, inklusive meinem Freund, der sich neben den „Horror-Schwiegereltern“ irgendwie auch zum „Horror-Partner“ entwickelte. Wie respektlos ich sei, mich da hinten aus dem familiären Gespräch auszuklinken. Man bemerke: einem Gespräch, dem ich ohnehin nicht folgen konnte. Ich kam mir wertlos und falsch vor, es schien, als sei die Welt gegen mich.

Nach Tag vier war alles zu Ende. Da redete die Mutter meines Freundes vor der Abfahrt noch hektisch auf ihn ein, immer wieder mit kleinen fiesen Stichelblicken in meine Richtung. Er nickte immer wieder einsichtig und sagte dann, sobald wir zu zweit im Flieger saßen: „Du, wenn wir landen, sind wir nicht mehr zusammen.“ Ich fuhr dann unter Tränen alleine nach Hause, erschüttert von der Welt. Über Jahre konnte ich nicht mehr ertragen, wenn jemand Französisch sprach. So richtig hab ich mich noch immer nicht erholt.

*Die Autorin ist von diesem Urlaub immer noch traumatisiert und möchte deshalb anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

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