Horror-Ferienjobs: Kinderdarsteller im städtischen Theater

Wer in den Ferien arbeitet, macht oft unvergessliche Erfahrungen. In dieser Serie erzählen wir von den schrägsten.
Von Kolja Haaf
horror ferien job 1 theater cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Horrorstufe: 3 von 10

Chef*in: Rüdiger, der Kleinstadttheaterdirektor (Name geändert)

Bezahlung: 10 D-Mark pro Auftritt

Erlernte Skills: Angstfrei auf Bühnen stehen

Mit zarten zehn Lenzen hatte ich meinen ersten richtigen Ferienjob und war mir ziemlich sicher, dass er auch der Beginn einer beispiellosen künstlerischen Karriere sein würde: Ich hatte eine Rolle in „Peer Gynt“, einer Open-Air-Theaterinszenierung  unseres kleinen städtischen Theaters.

Der (Anti-)Held Peer Gynt soll im zweiten Akt die Tochter des Trollkönigs heiraten. Er weigert sich und wird daraufhin mit dem hässlichen Bastard konfrontiert, den er mit der Trollprinzessin gezeugt haben soll. Ich spielte den hässlichen Bastard. Mein kompletter Auftritt bestand daraus, nur mit einem Lendenschurz und einer grotesken Gummimaske bekleidet auf die Bühne zu kommen und Peer Gynt anzuschreien: „Ich hack’ dir ins Bein! Ich spuck’ dir ins Gesicht!“ Das war alles. Ich bekam 10 D-Mark pro Auftritt. 

„Spuck mir wirklich ins Gesicht!“

Bei der ersten Probe sagte ich ohne jeglichen Ausdruck oder schauspielerischen Wert: „Ich hack’ dir ins Bein. Ich spuck dir ins Gesicht.“ Der Theaterdirektor (der selbst auch Peer Gynt spielte) packte mich bei den Schultern und sagte: „Nein! Sei garstig! Tritt mir dabei richtig feste ans Bein und spuck mir wirklich ins Gesicht!“ Das half. Ich musste mich etwas überwinden, aber fand dann große Freude daran, diesem Herrn Mitte 50 dreimal in der Woche ans Bein zu treten und ins Gesicht zu rotzen. Besonders erfüllend war es, wenn ich seine Augen erwischte.

Ich war mir sicher: Theater war meine Bestimmung. Nur vor dem echten Auftritt vor zahlendem Publikum graute es mir.

Die Aufführungen waren dann immer nachmittags auf einer kleinen Freiluftbühne hinter der Musikschule. Ich musste erst eine Stunde nach Beginn des Stücks dort aufkreuzen und in Lendenschurz und Gummimaske auf meinen einminütigen Auftritt warten. Drei Minuten vor meinem Stichwort stürmte dann die Frau des Theaterdirektors (die alle Rollen außer Peer Gynt und dem Trollbastard spielte) hinter die Kulissen, zog sich – während ihr Mann draußen einen Monolog hielt – unmittelbar vor mir komplett nackt aus, schlüpfte in ihr Trollprinzessinnenkostüm und zerrte mich am Nacken direkt wieder auf die Bühne vor circa 100 Kleinstadttheaterliebhaber*innen.

Beim ersten Mal da vorne verfiel mein halbnackter Knabenkörper für fünf Sekunden in völlige Schockstarre. Dann zischte Peer Gynt: „Ich hack' dir ins Bein ... !!!“

Und – bei Gott – ich hackte. Der Direktor jaulte vor Schmerzen auf und der Bann war gebrochen.

Von da an wurde ich immer routinierter: Zum Theater radeln, am Nacken gepackt werden, Satz aufsagen, treten, spucken, 10 Mark auf die Hand, ins Schwimmbad radeln, Süßigkeiten am Kiosk kaufen.

Ich sah mich selbst, wie ich durch die großen Theaterhäuser der Welt tourte

Wenn ich an diesen Sommertagen dann nachts mit nach Chlor und Schwimmbadurinrückständen duftenden Haaren im Bett lag, sah ich im Dunkeln die Frau des Direktors vor mir, mit Trollprinzessinnenkostüm, ohne Trollprinzessinnenkostüm. Ich sah in Zeitlupe, wie sich die Augen ihres Ehemanns um eine Millisekunde zu spät schlossen, um sich vor meinem präpubertären Speichel zu schützen. Sah, wie ein Publikum aus 10-Mark-Scheinen, alle mit dem Kopf von Carl Friedrich Gauß, aufstand und Standing Ovations gab. Und ich sah mich selbst schließlich durch die großen Theaterhäuser der Welt touren mit einem Stück, das aus nichts bestand als zwei in äußerster Vollkommenheit gesprochenen Deklarativsätzen: Ich hack’ dir ins Bein! Ich spuck’ dir ins Gesicht!

Irgendwann im August war ich dann mit meiner Familie in der Provence auf einer Radtour, als das Handy meiner Mutter klingelte. Sie rief mir zu: „Sag mal, hast du heute eine Vorstellung?! Der Rüdiger ruft mich grade an und sagt, du bist nicht für deinen Auftritt gekommen! Sie haben jetzt eine Zwangspause mitten im Stück gemacht und als Ersatz für den Trollbastard den Säugling von der Nachbarin genommen. Er sagt, du musst nicht mehr wiederkommen!“ Ich hätte ein ganz Großer werden können.

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