Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Knoblauchbaron mit dem dunklen Geheimnis

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horrortrip. Diesmal, weil der Fahrer plötzlich von der Autobahn runterfährt und mitten in der Dunkelheit hält.
Protokoll von Jacqueline Vieth

Illustration: jetzt

Die Strecke: von Stuttgart nach Frankfurt

Der Fahrer: Blacktiger 91

Horrorstufe: 8 von 10

Der Abend war eigentlich schon gelaufen, bevor ich meine Mitfahrgelegenheit überhaupt angetreten hatte. Ich wollte nämlich nicht erst um 21 Uhr von Stuttgart nach Frankfurt zu meiner Freundin fahren, sondern schon am Nachmittag. Aber kurz bevor ich los wollte, kam mein Chef mit einem super dringenden Last-minute-Auftrag um die Ecke – und was machst du, wenn du jung und neu in der Firma bist? Du sagst natürlich trotz gebuchter Mitfahrgelegenheit Ja und Amen und deine Fahrt kurzerhand ab.

Ich buchte also später die wirklich allerletzte Mitfahrgelegenheit, die es an dem Abend noch gab, und schaffte es grade noch rechtzeitig an den Hauptbahnhof, um dort den Fahrer zu suchen. „Mitfahr?“ warf er mir am vereinbarten Treffpunkt entgegen, mehr Aufforderung als Frage, ich nickte, „Frankfurt?“, ich nickte wieder. Er lehnte an einer 1-a-Zuhälterkarre: uralter BMW, tiefergelegt, goldbraun-metallic. Der Fahrer selbst war etwas älter, vielleicht Mitte/Ende 50, mit breitem Kreuz aber genauso breiter Plauze. Ich war schon in schlimmeren Autos mitgefahren. Sind ja auch nur zwei Stunden, dachte ich, und setzte mich rein zu den zwei anderen Mitfahrern. Kurzes Nicken, kurzes Hallo – bis mir der Atem genommen wurde von einem beißenden Knoblauchgeruch, den ich so noch nicht erlebt hatte. Es war wirklich kaum auszuhalten. Wenn man Knobi püriert und ihn sich in die Nase spritzt, kann das kaum schlimmer sein. Was war mit dem Typ? Versuchte er Vampir-Scharen von seinem Auto fernzuhalten?!

Schließlich hielten wir, mitten im Nichts

Als ich wieder einigermaßen durchatmen konnte, nahm ich den Rest des Autos wahr. Die Rückbank und die Vordersitze waren mit kleinen Teppichen ausgelegt, wie meine Oma sie im Flur liegen hat. Zwischen den Sitzen in der Mittelkonsole waren einfolierte Eisbergsalate und Brokkoli aufgereiht. Auch bei uns auf dem Rücksitz, zwischen meinem Mitfahrer und mir, thronten drei prächtige Brokkoli, die wir später abwechselnd als Armlehne benutzten. Vielleicht doch kein Vampirjäger sondern ein mobiler Gemüsehändler? Mit meinem Gepäck auf dem Schoß – meine Bitte, es im Kofferraum zu verstauen, hatte er kopfschüttelnd abgelehnt, ging es los.

Wir brauchten trotz später Uhrzeit ewig aus der Innenstadt raus – gut für uns Mitfahrer, wir konnten die Fenster aufmachen und uns der Illusion hingeben, damit wenigstens etwas vom Knoblauchgeruch loszuwerden. Auf der Autobahn drückte unser Fahrer– ich hatte damals schon keine Ahnung, wie er heißt – dann ordentlich aufs Gas und belegte konstant die linke Spur. Lange ging das allerdings nicht, nach knapp einer Dreiviertelstunde wurde er langsamer und gab uns mit Händen und Füßen zu verstehen – er sprach nur wenig Deutsch – dass er kurz rausfahren müsse.

Bestimmt 20 Minuten lang tuckerten wir daraufhin erst über Landstraßen, dann über kleinere Straßen, dann über Feldwege. Mein Mitfahrer und ich auf der Rückbank warfen uns fragende Blicke zu und waren genervt von dem Umweg, nahmen aber nichts Schlimmes an.  Schließlich hielten wir, mitten im Nichts. Es war stockfinster, ich konnte grade so eine einsame Gartenhütte ausmachen. „Warten“, sagte unser Fahrer, stieg aus und verschwand in der Nacht. So saßen wir also zu dritt in unserem Knobimobil und warteten darauf, dass etwas passierte. Unser Fahrer war bestimmt 15 Minuten verschwunden, wir verbrachten die Zeit damit, uns über die Teppiche, das Gemüse und den Gestank zu amüsieren. „Welche Leiche er wohl entsorgt?“, schallendes Gelächter. Ein bisschen merkwürdig war das Ganze schon, gemeinsam laut lachen tat gut, während wir im Dunkeln saßen.

Wahrscheinlich war unser Fahrer in der Gartenhütte verschwunden, erkennen konnte man nichts. Es knallte laut, dann merkte ich, wie er am Kofferraum hantierte. Ich glaube, er hatte irgendetwas Schweres herausgeworfen. Plötzlich sprang er ins Auto, völlig außer Atem und schmiss den Motor an. Dann mit Kickdown los, über den Feldweg, links, rechts, nochmal links und zack – auf einmal rasten wir über den Standstreifen auf der Autobahn. What the fuck?

Was zur Hölle hatte er in der Hütte gemacht?

Wir waren einfach vom Feldweg eine kleine Abzweigung den Hügel hochgefahren, ein Stück parallel und dann auf die Autobahn drauf, keine Leitplanke, gar nichts. Dabei hatte unser Fahrer kein einziges Wort gesagt. Ich war fassungslos. Dann heizte er wie ein Verrückter Richtung Frankfurt, baute zwei Fast-Unfälle (wer braucht schon den Schulterblick....) und schaffte es in etwas mehr als einer Stunde ins Ziel. Beim Aussteigen stresste er dann noch rum, weil ich das Geld nicht passend dabei hatte. Erst später wurde mir bewusst, wie abstrus das alles gewesen war. Was zur Hölle hatte er in der Hütte gemacht, was wurde da gedealt? Drogen? Atommüll? Menschen? Gemüse? Kein Wunder, dass ich mein Gepäck nicht in den Kofferraum hatte packen dürfen. Wer weiß, was da drin gewesen war. Angst hatte ich in der Situation an der Hütte irgendwie nicht, ich war eher genervt, dass es nicht weiter ging und es so gestunken hatte. Was mir allerdings Angst gemacht hatte, war sein Fahrstil. Aber zum Glück war ja nichts passiert.

Die Fahrt ist heute eine unterhaltsame Anekdote, aber auch eins der großen Rätsel in meinem Leben. Also, Blacktiger 91, wenn du das lesen solltest, bitte melde dich. Ich will endlich wissen, was in dieser miefigen Nacht passiert ist. Ein Gutes hatte die Sache übrigens noch. Am darauffolgenden Montag erzählte ich meinem Chef, was er mir mit seinem kurzfristigen Sonderauftrag eingebrockt hatte. Er amüsierte sich sehr über meine Geschichte – und stellte mir am nächsten Morgen einen Kasten Bier auf den Schreibtisch – als Schmerzensgeld.“

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