Horror-Mitfahrgelegenheit: Techno, Mundgeruch und Reiseübelkeit

„Jedes Mal, wenn der Beat schneller wurde, beschleunigte er auch.“
Von Melanie Maier

Illustration: Federico Delfrati

Die Strecke: von Stuttgart an den Bodensee   

Der Fahrer: süchtig nach Energydrinks

Die Horrorstufe: 5 von 10

Meine Mama wohnt am Bodensee. Was schön ist, aber wenn man kein eigenes Auto hat, manchmal auch ein bisschen tricky. Denn an den Bodensee zu kommen, ist immer so eine Sache. Eine Zugfahrt von Stuttgart nach Singen ist zwar entspannt und dauert nur etwa zwei Stunden. Ist aber nicht Singen, sondern Konstanz oder ein Dorf in der Nähe das Ziel, wird es komplizierter. Dann ist man auf den Nahverkehr angewiesen. Und der fährt eher sporadisch, braucht dafür aber umso länger.

Für ein Wochenende am See buchten mein Freund und ich vor ein paar Jahren also eine Mitfahrgelegenheit. Für ihn war es die erste. Was mir zu dem Zeitpunkt leider nicht bewusst war, weil wir uns damals noch nicht so lange kannten: Er leidet unter starker Reiseübelkeit. Mir machen Reisebewegungen nichts aus. Egal, ob im Zug, Bus, auf dem Schiff oder im Auto – ich kann mich vorwärts oder rückwärts hinsetzen. Im Handstand mitzufahren wäre wahrscheinlich auch kein Problem, wenn ich einen könnte. Mein Freund ist das Gegenteil. Ihm wird bei der ersten Kurve schlecht. Oder wenn jemand zu schnell fährt.

Wahrscheinlich wollte er damals noch keine Schwäche vor mir zeigen und hat deshalb relativ schnell „Ja“ gesagt, als ich die Mitfahrgelegenheit vorschlug. Ich hatte Tariks (Name geändert) Anzeige bei Blablacar entdeckt. Er war erst 18, hatte aber ganz gute Bewertungen. „Fährt zügig“ stand irgendwo. Ich dachte mir nichts dabei.

Einen Tag vor der Fahrt stellten eine Kollegin und ich in der Mittagspause fest, dass sie vor zwei Wochen schon bei Tarik mitgefahren war. „Das war so übel! Der fuhr richtig schnell!“, sagte sie. Ihre Kurzbeschreibung der Fahrt – laute Techno-Musik, jede Menge Energydrinks, Todesangst – ließ mich schon ahnen, dass das am nächsten Tag nicht so viel Spaß machen würde.

Zusammen mit zwei anderen, nennen wir sie Flo und Sandra, stiegen wir am frühen Freitagabend auf dem Bahnhofsparkplatz in Stuttgart-Vaihingen in Tariks Auto ein. Flo, Mitte 20, Student in Stuttgart, durfte auf den Beifahrersitz und hatte somit die Ehre, sich die meiste Zeit mit Tarik zu unterhalten. Nach dem Was-machst-du-so-Smalltalk ging es hauptsächlich um Musik. Den Techno drehte unser Fahrer schon auf den ersten Metern auf. Er war auf dem Weg zu seiner Freundin, Sandra zu ihrem Freund, Fernbeziehungen.

Ich versuchte nur noch, sie zum Schweigen zu bringen

Mein Freund saß links neben mir und starrte angestrengt aus dem Fenster. Er war offensichtlich nicht mehr in der Lage, sich zu unterhalten. Sandra zu meiner Rechten schon. Was an sich völlig okay ist, Mitfahrgelegenheiten sind ja nicht unbedingt was für Menschen mit Sozialphobie. Aber Sandra hatte heftigen Mundgeruch.

Während der ersten halben Stunde war meine Überlebensstrategie, meinen Kopf möglichst weit von ihr wegzudrehen, ohne unhöflich zu wirken. Das funktionierte so mittelgut. Danach versuchte ich nur noch, sie zum Schweigen zu bringen. Ich holte mein Buch aus dem Rucksack, antwortete kurz angebunden, kommentierte ihre Erzählungen höchstens mit einem desinteressierten „Mhmm“, stellte keine Fragen mehr. Sandra ließ sich davon nicht beeindrucken.

Mit 18 hat man noch keine Angst vorm Sterben

Mehr Sorgen machte mir zu dem Zeitpunkt aber schon mein Freund, der sehr blass geworden war, seit wir die Autobahn erreicht hatten. Tarik nahm die Autobahnauffahrt zum Anlass, einerseits stark zu beschleunigen, andererseits die Musik noch lauter aufzudrehen. Seinen Fahrstil passte er an den Rhythmus an: Jedes Mal, wenn der Beat schneller wurde, beschleunigte er auch. Andere Autos schien er nur als lästige Hindernisse wahrzunehmen. Mit 160 bis 180 Stundenkilometern wechselte er ständig die Fahrspur, überholte mal von rechts, mal von links, während er eine Dose Energydrink nach der anderen in sich hineinschüttete. Mit 18 hat man noch keine Angst vorm Sterben.

Mein Freund, damals schon über 30, kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. Und mit der Panik. „Kannst du die Musik vielleicht ein bisschen leiser stellen?“, schrie ich, nachdem Tarik seinen Lieblingssong bis auf Ohrschmerzniveau aufgedreht hatte. Zu meinem Erstaunen kam er meiner Bitte ohne Murren nach. Wir hätten in unserem Auto immer noch eine Technoparty feiern können, mussten jetzt aber wenigstens nicht mehr schreien, um uns zu unterhalten. Mein Freund und Sandra schauten mich dankbar an. 

Ein neuer Geschwindigkeitsrekord für mich

Ganz kurz hatte sogar Flo die Gewalt über die Musik inne. Über Bluetooth durfte er sein Handy mit der Anlage verbinden. Aber sein lateinamerikanischer Reggaeton war nicht so Tariks Ding. Dafür durfte Flo als Erster aussteigen. An einer Raststätte ließ er sich von seinem Vater abholen. Die fünf Minuten Pause nutzten mein Freund und ich zum Durchatmen. Er, um die Übelkeit loszuwerden, ich, um den Gedanken an Sandras Mundgeruch zu verdrängen. Sie fuhr mit uns weiter.

Immerhin: Nach nur etwas mehr als einer Stunde kamen wir im Dorf meiner Mutter an. Ein neuer Geschwindigkeitsrekord für mich. Zurück nach Stuttgart sind wir trotzdem mit dem Zug gefahren. Zu einer weiteren Mitfahrgelegenheit konnte ich meinen Freund seither nicht überreden.

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