Horror-Mitfahrgelegenheit: Das Porno-Hörspiel

„Aus den Lautsprechern dröhnten weiterhin unerbittlich genaue Beschreibungen fremder Geschlechtsteile.“
Protokoll von Magdalena Pulz

Illustration: jetzt

Die Strecke: Saarbrücken nach Bayreuth, fünf Stunden Dauer.

Der Fahrerin: Undurchschaubar.

Die Horrorstufe: Vier von zehn. 

Vor etwa vier Jahren war ich schwer verliebt. Mein damaliger Freund wohnte leider in Saarbrücken, während ich noch im gemütlichen Bayreuth studierte. Dazwischen: mehr als 400 Kilometer Strecke, die, natürlich, am billigsten mit der Mitfahrgelegenheit überwindbar waren. Am Sonntagabend hieß es für mich also wieder: Goodbye my Lover, ein letzter Kuss und ab gings. Ich hatte mir extra eine der spätesten Verbindungen herausgesucht. Diese Fahrten sind oft entspannter, weil alle müde sind und sich niemand unterhalten möchte. Auf dem Papier wirkte im Vorhinein alles super. Die Fahrt war günstig und die Bewertungen der Fahrerin gut. 

Das kleine dunkelblaue Auto war mit seinen vier Plätzen voll ausgelastet. Die Fahrerin – nennen wir sie Sylvia – hatte rot gefärbte kurze Haare, war Anfang zwanzig und hatte irgendeinen Bürojob. Außerdem stiegen eine andere junge Frau, ein lässig wirkender Typ und ich ein. Das Auto hatte nur vorne Türen. Ich hatte direkt Mitleid mit dem männlichen Mitfahrer. Er war ziemlich groß und musste sich seine Beine quasi direkt in den Bauch rammen, um irgendwie hinter die Fahrerin zu passen.

„Öööhm, was hören wir da eigentlich?”

Die erste halbe Stunde wurde  – wie immer – mit gequältem Smalltalk gefüllt. Ich war schläfrig und wollte nur meine Ruhe. Dementsprechend war ich sehr erleichtert, als Sylvia vorschlug, ein Hörspiel einzulegen. Große Zustimmung aus der Runde. Wir hatten ja keine Ahnung, um was für ein Hörspiel es sich handelt. Doch dann drückte Sylvia auf den Play-Knopf. Und wir stiegen irgendwo in der Geschichte ein. 

„Er löst meine Hände und schiebt mich hoch, so dass ich praktisch auf ihm sitze. Dann sind seine Finger an meinen Brüsten, und er zieht sanft an meinen Brustwarzen. Keuchend drücke ich meinen Kopf zurück auf seine Schulter.“

Alles in mir gefror. Das kann nicht ihr Ernst sein, dachte ich, NICHT ECHT JETZT?! „Öööhm, was hören wir da eigentlich?”, fragte ich schüchtern von hinten. „50 Shades of Grey“, sagte Sylvia, scheinbar völlig ungerührt, während sie sich auf die Straße konzentrierte. Keine weiteren Erläuterungen. Meine Mitfahrer*innen und ich tauschten ungläubige Blicke aus, die junge Frau schüttelte den Kopf und lachte nervös. 

Währenddessen ging es im Hintergrund munter weiter rund: „Er liebkost meinen Nacken mit leichten Bissen, während er die Hüften bewegt, köstlich langsam.“ Schmerzhaft wurde mir bewusst, wie sehr durch die Enge des Autos mein Arm und meine Oberschenkel an den Körper meines Mitfahrers gepresst wurden. Ich wusste nicht, wohin ich schauen soll. „Das sanfte Schaukeln des Bootes und die Ruhe in der Kabine werden nur durch unser Keuchen unterbrochen, als er bedächtig aus mir heraus- und wieder in mich hineingleitet.“ 

Aus den Lautsprechern dröhnten unerbittlich genaue Beschreibungen fremder Geschlechtsteile

So oder so ähnlich. Ich kann mich heute nicht mehr an die genauen Stellen erinnern. Fakt ist jedoch: Es ging mit Sex los und blieb dann auch dabei. Stundenlang. Grausam explizit. Und klar, ich tratsche auch mal gerne mit Freundinnen bei einer Weinschorle über Fummeln und alles, was im Bett eben noch passiert. Aber ey, mit drei total fremden Menschen in einem engen Auto eine Art Softporno hören zu müssen, das war – ironischerweise – schwerst ungeil. 

Mein Nachbar gab auf und nahm den Notausgang: Nach nur wenigen Minuten der Porno-Folter steckte er sich Kopfhörer rein und drehte die Mucke voll auf. Leider hatte ich meine Kopfhörer in meiner Tasche verstaut, die im Kofferraum stand. Ich schrieb meinem Freund verzweifelte Nachrichten, aber das änderte natürlich nichts an der Situation – aus den Lautsprechern dröhnten weiterhin unerbittlich genaue Beschreibungen fremder Geschlechtsteile und wilder Sexpraktiken. Und wenn nicht gerade gepimpert wurde, ging es darum, dass hoffentlich bald wieder gepimpert werden soll. 

Es war eine lange Fahrt – und leider ein mindestens genauso langes Hörspiel. Als wir gegen ein Uhr morgens ankamen, war ich von der ganzen Situation zutiefst erschöpft. Die ganze Zeit hatte ich meinen Kopf durchgewälzt: Wie kam Sylvia auf die Idee, dass genau dieses Hörspiel eine gute Idee wäre? Ist sie sexuell einfach wahnsinnig offen? Oder total unempathisch? Wollte sie uns quälen? Oder war es ihr eigentlich auch zumindest ein bisschen peinlich? Ich hatte zumindest alles versucht, um mich abzulenken: hatte Handy-Spiele gespielt, peinlich berührt aus dem Fenster gestarrt und mich schlafend gestellt. Und ich kann ehrlich sagen: Es war das erste Mal, dass mir stundenlanger, langweiliger und anstrengender Smalltalk lieber gewesen wäre.

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