Horror-Nachbarin: Die Frau mit den zwei Gesichtern

Illustration: FDE

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Manche Nachbar:innen sind schlimmer als andere, in unserer neuen Kolumne erzählen wir von ihnen. Diesmal geht es um die mütterliche Horror-Nachbarin, die alles daran setzt, dass unsere Autorin schnell wieder auszieht.

Horror-Stufe:  7 von 10    

Die Nachbarin:  Zwischen 50 und 60 Jahre alte Hausherrin 

Der Vibe: mütterlich bis niederträchtig 

Ich war gerade dabei, im Schlafzimmer einen Spiegel aufzuhängen, als ich aus dem Flur Schritte hörte. Seltsam, dachte ich, für meinen Umzug hatte ich niemanden in die neue Altbauwohnung bestellt. Vorsichtig lugte ich durch den Türspalt. Da sah ich sie zum ersten Mal: Frau Müller, die eigentlich anders heißt, war eine kleine, unscheinbare Person. Ihre schwarzen, langen Haare ließen kaum ein Blick auf ihr eingefallenes Gesicht zu. Offenbar mangelte es ihr nicht an Selbstbewusstsein: Sie stolzierte durch die Räume meiner neuen Wohnung, als wäre es ihre Eigene – ungefragt, ungebeten. 

Nicht zu fassen, dachte ich. Es dauerte nicht lange, bis ich den Grund für ihren Besuch erfuhr: „Wann ziehst du denn wieder aus“, fragte sie geradewegs heraus. Und schob noch hinterher: „Diese Wohnung ist genau das Richtige für meine Tochter.“ Ihre Stimme klang wie aus der Lautsprechanlage eines heruntergekommenen Reisebusses – schief und übersteuert. Überwältigt von ihrer Dreistigkeit, entgegnete ich ihr: nichts. Vielleicht hätte ich anders reagiert, wenn ich zu dem Zeitpunkt schon gewusst hätte, dass sie noch dreieinhalb Jahre lang nach meinem Auszugsdatum fragen würde.

Niemand kannte die Mietenden des Mehrparteienhauses so gut wie Frau Müller. Und das, obwohl sie erst vor ein paar Jahren in ihre Wohnung auf der ersten Etage eingezogen war. Mehrmals am Tag schlich Frau Müller durch die Flure. In den Morgenstunden putzte sie in Krankenhäusern, sodass sie danach viel Zeit hatte, die Hausbewohner:innen auszuspähen und über ihr Privatleben auszufragen. Sie schien sich von den Intimitäten der anderen zu nähren, wie manch einer von Junkfood und billigen Tütensuppen. Nicht ohne Grund hielt sich niemand länger als nötig im Hausflur auf. 

Mein Vermieter leitete mir mehr und mehr Beschwerden über mich weiter

Neben ihrer aufdringlichen Art hatte sie auch etwas Mütterliches an sich. Sie brachte mir gelegentlich Essen vorbei, wenn sie zu viel gekocht hatte. Vor allem in der Coronazeit war sie einer der wenigen Menschen, die ich noch sah. Ich half ihr unter anderem dabei, Bewerbungen für einen neuen Job zu schreiben, weil sie Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung hatte. Wir kauften Kleinigkeiten füreinander ein. Ich wollte über die ständige Fragerei nach meiner Wohnung hinwegsehen. Fast hatte ich den Eindruck, als sei sie gar nicht in der Lage, zu verstehen, wie anmaßend ihre penetrante Art sein konnte. Zwar wies ich sie darauf hin, dass mich ihre Sticheleien verletzten. Doch Frau Müller spielte ihr Verhalten herunter: „Es ist doch alles nur Spaß.“ Ich versuchte, ihr zu glauben. 

Umso schockierter war ich, als mein Vermieter mir nach und nach mehrere Beschwerden weiterleitete. Er wollte mir nicht verraten, wer sich über mich beschwert hatte. Für mich deutete aber alles darauf hin, dass es Frau Müller sein musste. Wer sonst wollte mich schleunigst aus der Wohnung haben? Die Liste meines angeblichen Fehlverhaltens wirkte jedenfalls etwas bemüht. Darin wurden mir folgende Vorwürfe gemacht: 

1. Laute Musik Angeblich würde ich zu laut Musik hören. Jeder, der sein Handy schon mal auf die lauteste Stufe gestellt hat, wird wissen: Für die Beschallung des Badezimmers reicht es, Nachbar:innen kann man damit allerdings nur schwer verärgern.  

2. Wilde Partynächte In den Beschwerden hieß es auch, ich hätte zu viele Partys veranstaltet. Na klar. Ich bin zwar eigentlich Party-Muffel, aber während Corona habe ich mir mal so richtig gegönnt. 

3. Unerlaubte Gäste In meiner Wohnung, so hieß es in einer Beschwerde, würde ich drei Personen beherbergen. Als mich die Beschwerde erreichte, war ich für ein zweimonatiges Praktikum in München. Untervermietet hatte ich die Wohnung nicht.

Glücklicherweise war mein Vermieter auf meiner Seite. Bei einem Telefonat gab er schließlich sogar zu, dass die Beschwerden von Frau Müller kamen. Letztlich schrieb er nicht mir, sondern ihr eine Abmahnung. Darin forderte er sie auf, mich in Ruhe zu lassen. Und ich entschied mich, sie zu meiden. Nur noch ein höfliches „Hallo“ kam von mir, wenn wir aufeinandertrafen. Wenn sie klingelte, machte ich die Tür nicht mehr auf. Wenn sie mir Essen vor die Haustür legte, ließ ich es draußen stehen. Der ängstliche Teil in mir hatte mittlerweile auch ein kleines bisschen Sorge, dass sich nicht nur leckere Zutaten darin verbergen könnten. 

Ich war sprachlos. Zum ersten Mal verspürte ich tiefen Hass auf einen Menschen

Irgendwann suchte sie auf dem Flur doch noch das Gespräch. „Die Beschwerden waren nicht so gemeint“, sagte sie. Und dann wollte sie mich wirklich noch davon überzeugen, der Vermieter wolle uns nur gegeneinander aufhetzen. Wir müssten doch zusammenhalten. Ich war sprachlos. Zum ersten Mal verspürte ich tiefen Hass auf einen Menschen. Ich hätte am liebsten auf sie eingeschrien. So bin ich aber (leider) nicht. Ich wollte nur noch zurück in meine Wohnung, als sie wieder einmal ansetzte: 

„Wie lange bleibst du eigentlich noch in deiner Wohnung?“ 

„Für immer“, antwortete ich. 

Doch ich lag falsch. Wegen eines spät entdeckten Rohrbruchs fing es in mehreren Räumen der Wohnung an, zu schimmeln. Ich hätte nur noch heulen können. Erst die Horror-Nachbarin, und jetzt auch noch das. Eines Abends saß ich allein in meiner Küche, dem einzigen schimmelfreien Zimmer, Trocknungsgeräte dröhnten um mich herum – da fasste ich den Entschluss: Ich muss hier raus. Noch in der Nacht schrieb ich die Kündigung für meinen Mietvertrag.  

Kurz bevor ich auszog, erfuhr ich, dass auch ein Kellerraum unterhalb meiner Wohnung mit Wasser vollgelaufen war. Mobiliar und teure Teppiche im Wert von mehreren tausend Euro standen darin. Normalerweise hätte ich Mitgefühl empfunden, in diesem Fall war es eher ein Gefühl von Genugtuung. Es war der Kellerraum von Frau Müller.  

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