Horror-Nachbarin: Die ungefragte Mitbewohnerin

Unsere Autorin zog zur Zwischenmiete in eine WG – und wurde mit einer ungefragten Mitbewohnerin konfrontiert.
Illustration: FDE

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Welche Menschen neben einem hausen, kann man sich nur selten aussuchen. Manchmal machen sie das Wohnen zur Qual. Diesmal geht es um eine Nachbarin, die sich in der Wohnung unserer Autorin eingenistet hat. 

Horror-Stufe:  7 von 10 

Die Nachbarin: Mari (Name geändert), ist ständig in der WG und lebt dort, als wäre es ihre

Die Wohnatmosphäre: Der WLAN-Name „Rattenloch“ ist bezeichnend

Mari begegnete ich am Tag meines Einzugs. Eine schmale, unauffällige Gestalt mit gefärbtem Kurzhaarschnitt und dunkler Kleidung. „Und wer bist du?“, fragte ich sie, überrascht, da ich meine drei Mitbewohner:innen Ben, Sina und Finn (Namen geändert) bereits kennengelernt und nicht noch eine Person in der Wohnung erwartet hatte. Als Antwort nannte sie mir ihren Namen – in einem Ton, als wunderte sie sich, dass ich ihr diese Frage überhaupt stellte.

In die betreffende WG war ich mehr oder weniger aus der Not heraus zur Zwischenmiete eingezogen. Drinnen war alles ziemlich chaotisch und alt: Die Tapete blätterte verfärbt von den Wänden, im Wohnzimmer gab es eine Kunstecke, deren Boden nicht mehr zu erkennen war. Einige Regale waren derart vollgestopft, dass ich mich lieber nicht in deren Nähe aufhielt – ich wollte mich nicht von ihnen erschlagen lassen. Aber, so sagte ich mir, für die paar Wochen war das alles schon erträglich. Bald sagte ich mir das nicht mehr. Der Grund: Mari.

Ich hatte keine Ahnung, wer sie war – aber sie war ständig da. Abends saß sie regelmäßig im Wohnzimmer. Sie bediente sich aus dem Kühlschrank (irgendwann beschriftete ich meine Lebensmittel mit meinem Namen) und verbrachte viel Zeit in der Wohnung, auch wenn niemand außer ihr und mir dort war. Ich sah sie oft im Zimmer meines Mitbewohners Ben. Die Tür stand immer offen, wenn er nicht da war, sie lag dann meistens in seinem Bett. Ich vermutete, dass sie seine Freundin sein müsste. Deshalb fragte ich nicht weiter nach, wer Mari war, und warum sie sich so verhielt, als wäre unsere Wohnung ihre eigene.

Mari feierte alleine Karaoke-Partys in unserem Wohnzimmer 

Ich fühlte mich immer weniger wohl. Niemand außer mir putzte, ständig lagen schimmlige Lebensmittel in der Küche herum. Eine regelrechte Fruchtfliegen-Plage war ausgebrochen. Die schlimmste Plage aber war Mari. Ich begegnete ihr täglich, es entstanden die unangenehmsten Gespräche. Ich bemühte mich, freundlich zu sein, mich mit ihr zu unterhalten, schließlich war ich Untermieterin, also quasi nur zu Gast. Ich fragte sie, was sie so machte (beruflich, hobbymäßig) und sie antwortete mit „nichts“. Deshalb war sie wohl so oft zu Hause. Beziehungsweise: nicht zu Hause, sondern bei uns. Ich gab es endgültig auf, mich mit ihr zu unterhalten. Mari feierte alleine Karaoke-Partys in unserem Wohnzimmer und ging auf Toilette, ohne die Badezimmertür zu schließen. Ich ertrug es. Und wunderte mich immer mehr, wer sie eigentlich war und wo sie eigentlich wohnte.

Es war Finn, der mich aufklärte. Mari war unsere Nachbarin. Sie wohnte eigentlich in der WG über uns, hatte sich aber mit ihren Mitbewohner:innen zerstritten. Irgendwann hatte sie etwas mit Ben angefangen und flüchtete von da an regelmäßig zu uns, wo sie aber nicht beliebter war als in ihrer eigenen Wohnung. Ben schien das nicht zu stören, er hatte mit Mari schließlich jemanden, die ihm das Bett vorwärmte. Und wie kam Mari dann in die WG, wenn Ben nicht daheim war? Er legte ihr seinen Schlüssel unter die Fußmatte. Obwohl die anderen ihn mehrfach gebeten hatten, es nicht zu tun.

Finn machte Mari eine Ansage – eigentlich hatte er ihr schon einmal klargemacht, dass sie in unserer Wohnung nicht immer ungefragt willkommen war. Mari war dann erstmal nicht mehr ohne Ben in der Wohnung. Jedoch wartete sie nun auf der Treppe vor dem Haus auf ihn. Ich kam also von der Arbeit und traf Mari auf der Treppe. Ich ging wieder aus dem Haus, zum Joggen oder Einkaufen, und traf Mari auf der Treppe. Ich kam wieder zurück und traf Mari auf der Treppe. Und irgendwann, sie hatte wohl gedacht, es sei Gras über das Gespräch mit Finn gewachsen, betrat sie wieder auf eigene Faust die Wohnung. Finn hatte mittlerweile den Mietvertrag einer anderen Wohnung unterschrieben. Und ich war heilfroh, dass meine Zeit in der WG bald zu Ende war und ich wieder in meine eigene zurückkonnte.

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