Horror-Nebenjob: In der Pampe-Fabrik

In dieser Serie erzählen wir von unseren schrägsten Nebenjobs. Diesmal: Wo das Zeug herkommt, das in anderem Zeug drin ist.
Von Kolja Haaf
horror nebenjob pampefabrik cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Horrorstufe: 9 von 10

Kolleg*in: Günni, der zum Freichristentum bekehrte Ex-Häftling (Name geändert)

Bezahlung: 12 € die Stunde

Erlernte Skills: Ekel überwinden

Die wenigsten Menschen wissen, wie wichtig Pampe ist. Pampe ist in so vielem: in Säften, Joghurts und Backwaren als Fruchtpampe, auf Tiefkühlpizza als Tomatenpampe, in Kräuterbutter als Kräuterpampe und so weiter. Diese Pampe wird den eigentlichen Herstellern dieser Produkte von der Pampe-Fabrik zugeliefert. Und in der Pampe-Fabrik habe ich einen Sommer lang gearbeitet. Und es ist an der Zeit, das Schweigen darüber zu brechen: Es ist ein Ort ohne Schönheit, ohne Glück, ohne Hoffnung. 

Um in der Pampe-Fabrik anfangen zu können, musste ich eine Leihgebühr an die Pampe-Fabrik zahlen – für einen Blaumann, riesige Gummistiefel, Ohrenschutz, Schutzhandschuhe, Haarnetz. Wenn ich alles angezogen hatte, ging ich über labyrinthische Treppensysteme und durch dröhnende Hallen voller Hitze und Dampf und vermummten Männern zu meinem Arbeitsplatz. Er bestand im Wesentlichen aus einer weiteren dröhnenden Halle voller Hitze und Dampf, in der aber keinerlei Pampe hergestellt oder abgefüllt wurde. Es fehlte hier völlig der Aspekt des Produktiven, es gab nur Elend. Die gewaltigen, zwei Meter hohen Stahltonnen nämlich, in denen die Pampe in die Welt geschickt wurde, kamen nach Entleerung zurück in die Pampe-Fabrik, zur Wiederauffüllung. Und bevor das geschehen konnte, mussten sie nach den kapriziösesten Lebensmittelgesetz-Hygienerichtlinien gereinigt werden, die je eine Zivilisation hervorgebracht hat. Es gab eine ganze Abteilung, die nur diesen Job hatte. Und für sieben Wochen war das auch mein Job. Bis sie mich wegen (angeblicher!) Faulheit rausgeworfen haben.

Es schoss ein gewaltiger Strahl aus verfaultem Püree auf mich zu

Es gab dort ein riesiges Laufband, auf dem die Tonnen verschiedene Stationen durchliefen:

1. Den Druck des durch Vergärung entstandenen Gases ablassen. 

Über ein kompliziertes, von der Decke hängendes System wurden zuerst die Ventile der U-Boot-Luke der Tonne geöffnet. Dabei zischte einem mit Hochdruck die Fäule der jeweiligen Pampe ins Gesicht, die in der Tonne gelagert worden war und deren Reste dort seit Tagen oder Wochen vor sich hinquollen. Es wurde gemunkelt, dass hierbei schon Arbeitern die Nase durch hochschießende Deckel gebrochen worden war.

2. Den Zapfhahn unten am Bauch der Tonne öffnen, um die Restpampe auslaufen zu lassen. 

Aus irgendeinem Grund waren in 80 Prozent der Tonnen noch riesige Mengen von Pampe, die nicht entleert worden war. Wenn man den Zapfhahn öffnete, passierte oft erstmal nichts. Dann musste man mit einem Hochdruck-Wasserstrahler in die Öffnung des Zapfhahns hineinstochern, was mir immer übergriffig vorkam. Dann löste sich der Propfen aus verdickter Pampe und es schoss ein gewaltiger Strahl aus abgelaufenem Püree auf einen zu: Auf den ganzen Körper, ins Gesicht, auf die Wände hinter einem. Die Pampen auf Fruchtbasis stanken von hefeartig und süßlich bis zu sauer-faulig – je nachdem, wie lange die Tonne schon auf die Säuberung wartete. Am schlimmsten waren aber die herzhaften Pampen. Und unter ihnen war die Lachspampe die gottverlassenste. Stellt euch einen dreimal ausgekotzten Räucherlachs mit Katzenfutter-Füllung vor, der einen Monat lang unterm Sofa liegen gelassen wurde. Nein, Moment: Lasst es lieber.

3. In die Grotte. 

Ein wichtiger Unterpunkt der Leerung und der würdeloseste Teil der Handlungskette (die selbst schon die würdeloseste in der ganzen Fabrik war) war, am Ende der Schicht hinunter zu steigen, in ein Katakombensystem unter den Fließbändern, in das durch Gullis Stinkelachs und seine Freunde abflossen. Diese Gänge waren 1,5 Meter hoch, sodass man gebückt durch kaum von oben erhellte Finsternis mit einem Wasserschlauch in der Hand alles abspritzen musste, während pausenlos Pampe auf einen runtertropfte und durch das Haarnetz sickerte. In die Grotte wurden grundsätzlich nur die Minijobber geschickt. Ich war der einzige Minijobber. Außer Günni (aber dazu später mehr).

4. Alles auseinandernehmen. 

Alle Kleinteile, also Ventile, Schrauben, Dichtringe, Deckel, mussten mit spitzen Eisenstangen gelöst und zur einer separaten Reinigungskette werden. Dabei machten die Schutzhandschuhe Sinn, weil man sich eigentlich jedes Mal an irgendwas verletzte. Alte Pampe in frischen Wunden. 

5. Die Tonne ausspülen und ausdampfen. 

Mit dem Strahler in die Tonne, Schmodder rausspülen. Dann kam ein anderer Deckel drauf, über den Dampf und Desinfektionsmittel automatisch in die Tonne gejagt wurde. Während dieses Vorgangs konnte man für fünf Minuten aufatmen und sich kurz hinsetzen. Zumindest glaubte ich das. 

6. Zum nächsten Laufband schleppen. 

Die Tonnen mussten von Hand irgendwie in die nächste Halle geschleppt werden, zu einem weiteren Laufband, auf dem sie in riesige Spülmaschinen gefahren wurden, die aber außerhalb meines Kompetenzbereichs lagen und immer ein Ort voller Geheimnisse für mich blieben. Die Tonnen waren scheiß schwer und nach acht Stunden in der Pampe-Fabrik hatte ich eine Woche Muskelkater.

7. Günni’s Bekehrungsgeschichte anhören. 

Am Ende der Schicht mussten sämtliche Hallen, Geräte, die Grotte, einfach alles mit den Hochdruckreinigern zu zweit abgespritzt werden. Dabei half mir meistens Günni. Günni (Name leicht geändert) war Ex-Häftling, bekehrter Christ und außer mir wie gesagt der einzige Minijobber. Wenn spät abends der Produktions- und Dampflärm aufgehört hatte, ließen sich die Ohrenstöpsel rausnehmen und man konnte sich über den Restlärm der Hochdruckreiniger laut unterhalten.

Günni erzählte mir dann jedes mal Variationen seiner Bekehrungsgeschichte. Er war ein kleiner, alter, stämmiger Mann mit vielen Tattoos und redete in breitem Bodensee-Alemannisch. Er hatte nach seiner Entlassung aus der Haft zur einer freichristlichen Gemeinde gefunden und meinte, ihm sei bis dahin gar nicht bewusst gewesen, wie sehr Jesus ihn eigentlich liebe. Er war sehr dankbar für den Job in der Pampe-Fabrik und wollte so lange sparen, bis er sich eine Reise nach Jerusalem leisten könnte: „Woisch, im Garte Gethsemane, do hätt’s Olivebäumle, die wo so alt sin, dass de Jäsus die no gsähe hätt.“ Er war ein netter Typ, der alle Arbeitsschritte übergenau nahm, weil er sein Leben nicht nochmal verpfuschen wollte. Ich mochte ihn und hatte gleichzeitig immer ein bisschen Schiss vor seiner gleichzeitig rauen und frommen Art.

Als ich am Ende des Sommers wieder einmal in voller Montur in die Reinigungshallen kam, wartete ein blasser Mann in Anzug auf mich, nahm mich zur Seite und meinte, ich müsse heute nicht arbeiten. Um genau zu sein, müsse ich gar nicht mehr arbeiten, man wolle sich nämlich von mir trennen. Aha, warum denn? Naja, es wurde ihnen weitergegeben, dass ich mich während der fünf Minuten, in denen die Tonnen ausgedampft werden, hinsetzen würde, obwohl ich in der Zeit eigentlich Dichtungsringe auf Restspuren prüfen könnte. Ich sagte, dass ich den Job eh nicht so toll fände und ging in die Halle, um mich noch knapp von den anderen zu verabschieden. Als ich Günni die Hand gab, gab er mir ein gütiges, wissendes Lächeln, wie um zu sagen: Es ist besser so.

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