Horror-Urlaub: Der Affenbiss

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. Diesmal: bloß nicht Doktor Google fragen!
Von Nina Büchs

Illustration: Julia Schubert

Urlaubszeit: Juli 2015

Urlaubsort: Bali, Indonesien

Horror-Stufe: 9 von 10

Grüne Reisfelder, kleine, bunte Stände und prächtige Tempel erwarteten uns, als wir voller Tatendrang und Euphorie in Ubud, dem „kulturellen Zentrum“ Balis ankamen. Nach vielen „Ahs“ und „Ohs“ beschlossen meine Freundin Alex, die auf Bali gerade ein Auslandssemester machte, und ich, dem beliebten Affenwald „Ubud Monkey Forest“ einen Besuch abzustatten.

Mit meinem Smartphone in der Hand ging es los. Ein Foto hier, ein Foto da – schließlich musste ich meinen Instagram-Followern ja auch mitteilen, dass ich ein echter Traveller bin. Und Fotos von niedlichen Affenbabys machen sich immer gut. Als wir an einem Stand mit Bananen vorbeikamen, kaufte ich welche, um damit die niedlichen Affen anzulocken und ein besonders schönes Foto zu schießen.

Ich schrie erschrocken auf, als sich seine Zähne in meine Hand bohrten

Wer hätte gedacht, dass diese Entscheidung so weitreichende Folgen haben würde. Denn kurze Zeit später witterte ein ausgewachsenes Affenmännchen den Leckerbissen in meiner Hand. Zack, schon saß der Affe plötzlich auf meinem Arm. Kreischend griff er nach der Banane und bleckte seine spitzen, gelben Zähne, als wollte er sagen: Her mit meinem Futter, dumme Touristin!

Als ich gerade dabei war, ihm die Banane zu reichen, damit er schnell wieder das Weite suchen konnte, passierte es. Der Affe verfing sich mit seinen Händchen in meinem Haar, kreischte und wurde panisch. Ich schrie erschrocken auf, als sich seine Zähne in meine Hand bohrten. Hektisch versuchte ich, den Affen von meinen Haaren zu befreien. Hilfesuchend blickte ich zu meiner Freundin Alex, doch sie lachte nur und der Affe verschwand im Gebüsch.

Sofort inspizierte ich die Stelle, an der mich der Affe gebissen hatte, doch glücklicherweise konnte ich keine Wunde entdecken. Als wir uns ein paar Stunden später auf den Rückweg zu Alex’ Unterkunft machten, wurde ich ziemlich schlapp. Mein Magen grummelte und es fühlte sich an, als würde meinem Körper jede Kraft und Muskelmasse entweichen. Ich eilte zur Toilette und blieb dort eine ganze Weile sitzen.

Kaum googelte ich das Schlagwort "Affenbiss", las ich schon mein Todesurteil

Völlig fertig, mit Fieber und Schweißausbrüchen, Übelkeit und Kopfschmerzen legte ich mich ins Bett und griff zum Handy. Keine gute Idee! Denn kaum googelte ich das Schlagwort „Affenbiss“, las ich schon die ersten Tollwut-Artikel und damit mein wahrscheinliches Todesurteil: „Binnen 24 Stunden gelangen die Tollwutviren über die Nervenbahnen ins Gehirn. Der Tod ist damit unvermeidbar.“ FUCK!!!

Ich spürte, wie ich mich immer mehr in das Thema hineinsteigerte, die Panik in mir hochstieg und mich lähmte. Vor meinem Abflug nach Bali hatte mir mein Hausarzt zwei Impfungen gegen Tollwut gespritzt. Die dritte Ration konnte allerdings nicht mehr verabreicht werden, weil ich mich kurz vor meinem Abflug schlimm erkältet hatte. Aggressive Menschen mit blutunterlaufenen Augen und Schaum vor dem Mund kamen mir in den Sinn – wie in einem Horrorfilm. In 24 Stunden kann also alles vorbei sein. Das war’s dann. Wie werde ich beerdigt werden? Wie werden meine Eltern reagieren? Und werde ich Schmerzen haben?

Obwohl man in diesen Fällen umgehend einen Arzt aufsuchen sollte, beschloss ich, mich erst nach dem morgigen Heimflug  in Deutschland behandeln zu lassen, nachdem auch nur ein blauer Fleck und keine Bissspur oder eine Verletzung durch eine Wunde oder die Schleimhaut vorlag. „Das war sicherlich das Nasi Goreng von gestern, das wir am Strand gegessen haben“, beruhigte mich Alex, als sie mich am nächsten Morgen auf wackeligen Knien zum Flughafen brachte. Eine Stunde und zwei Notfallsituationen auf der ekelhaften Flughafentoilette später begann endlich das Boarding.

„Fühlen Sie sich denn reisebereit?“, fragte die Stewardess, als ich sie bat, mich in eine freie Sitzreihe neben die Toilette zu setzen. „Ich denke schon“, erwiderte ich, während ich meine Durchfalltabletten, die ich zuvor in einer Apotheke gekauft hatte, in meiner Tasche umklammerte.

Als das Flugzeug schließlich über das Rollfeld und ich auf die viel zu enge Flugzeugtoilette raste, schloss ich erschöpft meine Augen und sehnte mich nach meiner Heimat, in der Affen nur im Zoo und nicht in freier Wildbahn anzutreffen sind. Und als mein Hausarzt wenig später einen gewöhnlichen Magen-Darm-Virus diagnostizierte, schwor ich mir, in Zukunft auf Selfies mit wilden Tieren und unnötige Panikattacken zu verzichten.

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