Horror-Urlaub: Die Mähdrescher-Attacke

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von Katja Lewina

Illustration: Julia Schubert

Urlaubszeit: Juli 2002

Urlaubsziel: Italien

Mitreisende: Der damalige Freund

Horror-Stufe: 7 von 10

Sich drei Wochen in Italien treiben lassen, per Anhalter natürlich, schlafen unterm Sternenhimmel, kochen auf dem Campingkocher — das würde der romantischste Urlaub werden, den die Welt je gesehen hat. Wer braucht schon Luxus, wenn er Liebe hat? Also steckten mein damaliger Freund und ich 200 Euro ein und machten uns auf den Weg in Richtung Autobahn.

Alles, was in den folgenden Tagen passierte, hätte mein heutiges, älteres Ich genauso prophezeit. „Du hasst sogar Campen auf den Tod! Und dann willst du einen auf Landstreicher machen?“, hätte es gesagt. Aber ich war gerade siebzehn geworden und voller Idealismus. Ich hätte ohnehin auf niemanden gehört.

Mit dem Trampen hatten wir zumindest Erfahrung, schließlich war das für uns Kölner Kids die einzige Möglichkeit, kostenlos nach Holland zu kommen und billig Gras einzukaufen. Je weiter wir nach Süden kamen, umso einfacher wurde es, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Was das draußen Schlafen anging, griffen wir hingegen schon in der ersten Nacht

komplett daneben. Etwas abseits der Raststätte, bei der wir rausgelassen worden waren, suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen am Rande eines Feldes. Dort kochten wir unsere Tütensuppe auf dem Campingkocher und rollten danach unsere Schlafsäcke in dem Bewusstsein aus, hier ein großes Abenteuer zu erleben.

„Ich wachte alle halben Stunden auf in der Gewissheit, irgendetwas Schreckliches würde passieren“

Gefühlt mitten in der Nacht wurde ich allerdings von einem fürchterlichen Lärm geweckt. Meine Augen bekam ich kaum auf, so sehr blendete das Licht, das direkt auf uns zukam. Ein Mähdrescher! Augenblicklich sprang ich aus meinem Schlafsack. Mein Freund schlief einfach weiter. „Wach auf!“, schrie ich, und gab ihm einen Tritt. Innerhalb von Sekunden hatten wir unsere Sachen unter den Armen und retteten uns an den Waldrand, wo wir uns bis zum Sonnenaufgang zitternd aneinander klammerten. Was, wenn ich nicht so schnell aufgewacht wäre? Hätte der Bauer uns von sich aus bemerkt?

Von nun an wurde draußen Schlafen unmöglich. Egal, wie sorgsam wir unseren Schlafplatz aussuchten, ich wachte alle halben Stunden auf in der Gewissheit auf, irgendetwas Schreckliches würde passieren. Nach drei Tagen war ich ein absolutes Wrack. Alles nervte mich: Das ziellose Herumgestreune, das Waschen in den Raststättenklos, das immer gleiche Essen vom Campingkocher. Und am Meer waren wir auch immer noch nicht angekommen.

Ich, das schwächste Glied in unserer Zweierkette, brauchte dringend ein sauberes Bett und eine Dusche, um wieder zu mir zu kommen. So viel war uns beiden klar. Also suchten wir auf der Landkarte nach irgendeiner leicht zu erreichenden Stadt am Meer, am besten mit einem klangvollen Namen. Wir fanden: Savona.

„Das war nun unser Urlaub: Schnarchende Zimmergenossen in einer hässlichen Stadt“

Dort angekommen, stellten wir fest, dass wir uns von dem schönen Klang hatten in die Irre führen lassen. Von der malerischen Schönheit anderer italienischer Küstenorte hatte Savona, eine Industrie- und Hafenstadt, rein gar nichts. Immerhin fanden wir in einem mittelalterlichen Kastell eine Jugendherberge, die bereit war, uns aufzunehmen. Nicht, dass wir

uns hätten ein Doppelzimmer leisten können, sogar der Zehn-Mann-Schlafsaal riss bereits ein Loch von überirdischen Ausmaßen in unser Budget. Trotzdem waren wir enttäuscht.

Das war nun unser Urlaub: Schnarchende Zimmergenossen in einer hässlichen Stadt statt glühender Vereinigungen am Strand und unterm Sternenhimmel. Nach der zweiten Nacht im Kastell mussten wir einsehen: Wir waren gescheitert. Die Entscheidung, mit dem restlichen Geld einfach den Zug zurück nach Hause zu nehmen, fiel uns nicht mehr schwer. Zum Abschied gönnten wir uns eine Cola im Café auf der Piazza, danach sah uns Italien für viele, viele Jahre nicht wieder.

Draußen schlafen ist mir immer noch ein Graus. Und auch wenn Erwachsensein massive Nachteile mit sich bringt, dieser eine Vorteil macht in romantischer Hinsicht vieles wieder wett: Ich kann mir endlich richtige Hotelzimmer leisten.

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