Horror-Urlaub: Magendarm in Indien

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von Eva Hoffmann

Illustration: Julia Schubert

Urlaubszeit: Sommer 2015

Urlaubsziel und -begleitung: Hampi, Indien, allein und sightseeingwütig

Horrorstufe: 10 von 10

Schuld war der Mango Shake. Oder das dreifach frittierte Gemüsesandwich. Oder der Fisch. Was auch immer es war, es machte sich pünktlich zur Abreise vom Bahnhof in Delhi bemerkbar. 30 Stunden Fahrt lagen vor mir und mein Magen kündigte mir mit einem ersten Grummeln an, dass sie sehr lang würden. Während der Zug durch die indischen Megastädte Richtung Süden schlich, braute sich das Rumoren in meinem Bauch zu einem ausgewachsenen Vulkan zusammen, der jeden Moment auszubrechen drohte. Ich ahnte schnell: Er würde nicht warten, bis wir am Ziel ankämen.

In meinem Kopf lief währenddessen das Mantra besorgter Pauschaltouristen: „Im Ausland kein rohes Gemüse essen.“ Leider hatte ich mich nicht daran gehalten. Ich hatte nicht nur rohes Gemüse gegessen. Ich hatte alles gegessen. Von den frittierten Krabben, die eine runzlige Frau auf einem selbstgebauten Holztisch anbot, bis zu Softeis aus rostigen Metallbehältern, verkauft von Jugendlichen, die dafür noch zu jung waren. Es war nicht so, dass mir das Risiko nicht bewusst gewesen wäre. Aber die Neugier war einfach größer. Jede Straßenecke bot einen neuen kulinarischen Orgasmus, der nur darauf wartete, von mir entdeckt zu werden. Meine Gier überlagerte das Risiko. Und wie sollten Dinge, die so lecker sind, schlecht für mich sein?

Auf der Suche nach einer Toilette quetschte ich mich durch die überfüllten Waggons, kletterte hochkonzentriert über sitzende Passagiere bis zu einem Kabuff, das scheinbar nachträglich in den Zug gebaut wurde. Darin: Ein Loch im Boden. Die Spuren daneben waren ein Hinweis auf die Aussichtslosigkeit, dieses während der Fahrt zu treffen. Ein Mitfahrer erläuterte mir, dass sich die Nase nach sieben Minuten an jeden Geruch gewöhnt. Als wir endlich Goa ankamen, hatte ich 30 Stunden damit verbracht, mich abwechselnd in der Kloschlange anzustellen und es zu blockieren. Ich fühlte mich wie eine Rosine: ausgetrocknet.

„Am Ende der Tour hatte ich sechs Kilo verloren“

Für die Regeneration gab ich mir einen Tag. Schließlich sollte die Tour weitergehen nach Hampi, eine berühmte Tempelstadt im Süd-Westen des Landes. Ich nahm ein beliebiges Breitbandantibiotikum, für das man in der Apotheke vor Ort kein Rezept brauchte. Es war nicht für Magenerkrankungen bestimmt, im Gegenteil: Viele Antibiotika greifen die Magenschleimhaut sogar noch zusätzlich an. Für meine Naivität bestrafte mich der indische Magendarm-Virus mit drei Wochen Ausnahmezustand.

Loperamid, ein Mittel, das künstliche Verstopfung produziert, wurde mein engster Verbündeter auf dem Weg in die Tempelstadt. Zwar musste ich damit den Busfahrer nicht mehr alle zehn Minuten bitte anzuhalten, um mich dann im Flutlicht seiner Scheinwerfer in die Büsche zu schlagen, dafür fühlte sich mein Bauch jetzt an, als hätte ich einen Betonklotz verschluckt.   

Entschlossen, mir das Sightseeing nicht vermiesen zu lassen, ernährte ich mich die folgenden drei Wochen nur noch von Reis und trockenem Brot. Es half nicht. Am Ende der Tour hatte ich sechs Kilo verloren. Ich bewegte mich nur noch an Orte, an denen es sicher eine Toilette gab und verpasste den Großteil der Abende in Bars auf der Kloschüssel – wenn es dann eine gab. Ich habe noch nie ein Kind geboren, aber so müssen sich drei Wochen Dauerwehen anfühlen.   

Erst mit dem Rückflug nach Deutschland und einem Besuch beim Tropeninstitut entspannte sich die Lage. Die Ärztin fand einen seltenen Virus und ein passendes Gegenmittel. Durch den Dauereinsatz von Antibiotika war mein Magen ruiniert und meine Trockenfutter Therapie noch nicht vorbei. Erst an Weihnachten, ein halbes Jahr nach dem ersten Vulkanausbruch, wagte ich eine normal gewürzte Mahlzeit. Und vergewisserte mich trotzdem, wo zur Not das nächste Klo wäre.  

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