Macht, Hochmut, Neid, Schuld und Scham

Unsere Autorin hasst dünne Instagram-Models – und schaut sie sich trotzdem immer wieder an. Warum?
Foto: birdys / photocase.de

Dieser Text handelt von etwas, das ich im Geheimen mache. Abends vorm Einschlafen, schon unter der Bettdecke. Wenn ich sogar zu müde bin, um zu lesen oder eine wenig gehaltvolle Serie anzuschauen, aber noch zu rastlos, um zu schlafen. Dann scrolle ich mechanisch auf meinem Handy rum, zum Beispiel auf Instagram. Und dann auch immer wieder auf dieser „Vorschlag-Seite“ mit lauter beliebten Beiträgen irgendwelcher fremder Menschen. Viele von diesen fremden Menschen sind Frauen. Frauen, die posen, ihren Körper vorm Spiegel verbiegen, die anstrengende Fitness-Diät-Programme in ihrer Timeline dokumentieren und ziemlich oft ziemlich wenig anhaben. Frauen, deren ausgeprägte Oberschenkellücke ich sehen kann, aber ihr Gesicht häufig nicht, weil sie erst vom Hals abwärts auf dem Foto sind. 

Ganz viel, wenn nicht sogar alles an diesen Fotos finde ich falsch. Trotzdem schaue ich sie mir immer wieder an. Und gerate so, abends, unter meiner eigenen Bettdecke, in ein moralisches Dilemma. Damit der Leser es besser versteht, gestehe ich meine Gefühle am besten der Reihe nach, so, wie sie durch mich hindurchlaufen, während ich mich durch die Timelines der mageren Möchtegern-Models scrolle:

1. Macht

Diese Frauen zeigen sich halbnackt und damit auf eine gewisse Weise verletzlich vor der Kamera. Das funktioniert leider immer als Blickreiz. Gleichzeitig kann ich oft erkennen, dass sie in ihrem Schlafzimmer oder Wohnzimmer oder Badezimmer stehen, ich habe also noch dazu Einblick in ein fremdes Privatleben. Das alles gibt mir ein Machtgefühl, weil ich selbst so sicher und unbeobachtet daheim im Bett liege. Weil ich in deren Leben reinschauen und mir ein Urteil über sie bilden kann, ohne selbst beurteilt zu werden. Im Alltag ist das anders, denn als Frau bin ich es gewöhnt, selbst angeschaut und beurteilt zu werden. Aber beim Anschauen der Instagram-Bilder habe ich selbst den „männlichen Blick“, den man aus der Filmtheorie kennt. Die Menschen, die ich da anblicke, werden unter meinem Blick zu Objekten. Sie sind ihm ausgeliefert. Ich könnte jetzt zum Troll werden und posten, was Trolle so posten: fiese sexistische Kommentare, Beleidigungen, gemeine Witze. Und ich käme damit davon.

2. Hochmut

Da ich jetzt mächtig bin, denke ich als nächstes: „Ihr habt euch da hingestellt und -gesetzt und -gelegt und diese Fotos gemacht oder machen lassen und ich halte das für falsch, weil ich es als Frau aus Prinzip für falsch halte, wenn Frauen sich selbst zu Objekten machen. Ich habe das nicht gemacht und darum habe ich Recht!“ Wenn ich diese Fotos anschaue, dann aus einem ähnlichen Grund, aus dem andere Menschen „Unterschichten-Fernsehen“ schauen: Ich kann mich überlegen fühlen. Und zwar mit all meinen Unzulänglichkeiten. Dass ich nicht dünn genug bin, um irgendein Schönheitsideal zu erfüllen, ist plötzlich etwas Gutes. Es lässt mich besser, stärker, selbstbewusster dastehen als jene, die für Fotos hungern oder sich verbiegen. Ich kann mich auf der guten, richtigen, feministischen Seite fühlen.

3. Neid

Erstens höre ich jetzt in meinem Kopf plötzlich das, was alle immer sagen, wenn man etwas ganz grundsätzlich ablehnt: „Du bist ja bloß neidisch!“ Und zweitens kann ich mich in Wahrheit natürlich nicht ganz von Schönheitsidealen freimachen. Das Bild des „perfekten Frauenkörpers“ beeinflusst mich, ob ich das will oder nicht. Ich habe ihn nicht und werde ihn auch nie haben. Also bin ich nach dem ganzen Hochmut erstmal neidisch. Muss zugeben, dass ich in Wirklichkeit auch gerne so aussehen würde. Dass ich insgeheim glaube, dass dann vieles leichter wäre. Ich sähe zumindest immer hübsch aus, ich würde zumindest dafür immer Bestätigung bekommen! Ich weiß, dass ich mir hier selbst widerspreche. Aber hey, schon mal was von Es und Ich und Über-Ich gehört? Ja? Gut.

4. Schuld und Scham

Wenn ich das Handy endlich weglege, fühle ich mich schuldig und ich schäme mich. Weil ich schlecht über fremde Menschen gedacht habe und das unfair ist. Weil ich mich über sie erhoben habe, und das noch unfairer ist. Weil ich sie verurteilt habe, aber selbst kein bisschen besser bin. Weil ich so wahninnig inkonsequent bin und Bilder anschaue, die ich für falsch halte.

Ich bin eine Frau und ich bin gegen das Abbilden und Reproduzieren irgendwelcher weiblicher Schönheitsideale. Ich bin fest davon überzeugt, dass es sehr viele Frauen und Mädchen unter extrem großen Druck setzt, wenn sie überall im Fernsehen und auf Werbeplakaten und im Internet Frauen und Mädchen sehen, die sehr schlank bis mager und an jeder Stelle ihres Körpers sehr glatt und sehr straff sind. Ich will, dass das aufhört. Ich will nicht, dass Frauen und Mädchen, die unter diesem Druck stehen, ihm in dem Maße nachgeben, dass sie erstens: hungern und zweitens: Fotos von ihren runtergehungerten Körpern auf Instagram veröffentlichen, um Bestätigung dafür zu bekommen. Ich will, dass niemand diese Fotos anschaut und liket, weil die geringere Nachfrage dann vielleicht das Angebot verändert. Weil diese Frauen und Mädchen, wenn sie keine Bestätigung fürs reine hübsch Aussehen und dünn Sein bekommen, vielleicht aufhören zu denken, sie müssten hübsch aussehen und dünn sein.

Das alles finde ich. Und darum sollte ich endlich anfangen, diese Accounts oder sogar gleich das ganze Netzwerk zu boykottieren. Wahrscheinlich sollte ich sogar irgendeinen mutigen, aktivistischen Gegen-Account gründen. Aber das Schlimme ist, dass das Anschauen dieser Bilder all diese niederen Instinkte und Gefühle bedient, die ich eben aufgezählt habe. Und wenn ich das nächste Mal müde unter der Bettdecke liege, zu müde für ein Buch oder eine Serie, werde ich wieder scrollen.

Dieser Text stammt aus der jetzt-Redaktion. Weil die Gefühle unserer Autorin Privatsache sind (und weil ja wenigstens ein bisschen geheim bleiben sollte, was man daheim im Geheimen macht) möchte sie anonym bleiben.

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