Böhmermann schlägt sich in US-Talkshow souverän

Und disst nach Erdoğan den nächsten Staatschef im Fernsehen.
Von Christian Fahrenbach
Screenshot: NBC

Von Anfang an sitzen die Umlaute: „Jan Böhmermann is here tonight“, sagt Seth Meyers. Ein deutscher Moderator mit eigener Late Night, „this is very exciting for us.“ Kurz vor halb zwei nachts ist es dann soweit: Nach freundlichen Interviews mit den Schauspielern Jason Sudeikis und Andrea Martin ist Böhmermann der dritte Gast in der „Late Night with Seth Meyers“ – oft der Slot, den Meyers für den politischsten Gast vorgesehen hat.

Unter dem Applaus des Studiopublikums betritt Böhmermann die Bühne, geht zögerlich auf Meyers zu und schüttelt ihm mit Trump-typischem Gezerre die Hand. Zuerst übernimmt Böhmermann die Initiative: „Wie geht’s denn soweit?“ „Alles ist wirklich großartig in Amerika“, sagt Meyers und lacht. „Danke der Nachfrage!“ Dann übernimmt der 43-Jährige und fragt, was Böhmermann in den USA so treibe. 

Viel gedreht habe das Team, die Leute hätten oft gefragt, wie das überhaupt möglich sei, ein deutscher Comedian? „Es gab ein Referendum, es war sehr eng“, sagt Böhmermann und grinst. Unklar, ob alle im Publikum die Anspielung auf die Abstimmung in der Türkei verstehen. Aber es ist sicher das Thema, für das ihn die US-Amerikaner am ehesten kennen. Allein die New York Times hat die Affäre um das Schmähgedicht zu Recep Erdoğan mit einem halben Dutzend Artikeln begleitet,  am Freitag war er sogar mit Redakteurin Carol Giacomo eine halbe Stunde bei Facebook Live online.

Mit “America First, Germany Second”, einem eigenen Wahlkampftrip und dem Talkshow-Auftritt jetzt unterstreicht Böhmermann, wie wichtig ihm die Arbeit in den Vereinigten Staaten ist. Schon einmal hätte er bei Meyers auftreten sollen, der Termin war aber wegen der Erdoğan-Affäre verschoben worden. Kein anderer deutscher Entertainer ist so stark auf die USA ausgerichtet, kein anderer ist dort so sichtbar.

In der Show nutzt er das Spiel mit den nationalen Klischees zu seinem Vorteil. Ironie gäbe es praktisch nicht in Deutschland. “Die eine Sache sagen und eine andere zu meinen ist immer noch illegal”, beschwert er sich. “Hier gilt das als staatsmännisch!”, sagt Meyers und erntet Lacher über Trump. 

 

Dann wendet sich Böhmermann den Gegebenheiten im US-Fernsehen zu: Er habe dort immer schon etwas Unhöfliches sagen wollen, damit er einmal überpiepst werde. “Nur ein Wort, ein kleines Experiment. Was, wenn ich sage *bleep* oder *bleep*? Aber, wenn ich sage ‘*bleep* Hitler’ – was blenden sie dann aus?”, erkundigt er sich. “Na, sie werden sagen: Hooray, Abraham Lincoln!”, spöttelt Meyers.

 

Es ist einer der leicht politisch unkorrekten Gags, für die Meyers seit der Wahl in den USA bekannt ist. Das frühere Ensemblemitglied von Saturday Night Live ist ein Sonderfall der Late-Night-Welt: Er bekommt viel Lob dafür, dass seine Show unter Donald Trump politischer und wütender wurde. Auch für sein unbequemes Interview mit der inzwischen weitgehend von der Bildfläche verschwundenen Trump-Beraterin Kellyanne Conway hatte es viel Beifall gegeben. Und auch am Dienstag war Meyers politisch gestartet und hatte im Monolog Gags über Marine Le Pen und Donald Trump geliefert, bevor es um Barack Obamas ersten öffentlichen Auftritt seit Trumps Amtsantritt und dessen miserables 100-Tages-Jubiläum ging.

 

“Ich muss vorsichtig sein. Trump könnte mit dem nächsten Tweet einen Weltkrieg starten”

 

Doch anders als beispielsweise bei Stephen Colbert oder den noch politischeren Wochenformaten von John Oliver und Samantha Bee schlägt sich der schärfere Humor bei Seth Meyers noch nicht in großen Quotengewinnen nieder. Seine stets gegen 0.30 Uhr laufende Show verfolgen rund 1,6 Millionen Menschen am Schirm, hinzu kommen einige hunderttausende Aufrufe in seinem YouTube-Channel.

 

Dennoch versucht er es auch bei Böhmermann: Was denn die Deutschen nun über Trump dächten, will Meyers wissen. “Ich muss da vorsichtig sein. Er könnte mit dem nächsten Tweet einen Weltkrieg starten”, antwortet der Deutsche. “Stimmt, riskier nichts!”, meint Meyers und wendet sich dem Merkel-Besuch bei Trump zu. Ob es ein Problem gewesen sei, dass Trump ihr nicht die Hand geschüttelt habe? Böhmermann landet den am besten auf Englisch funktionierenden Gag: Als die Kanzlerin zur Reise aufgebrochen sei, hätten sich alle gefragt: “Oh my God, is he going to grab her by the pussy? And we were pretty surprised that he didn’t even grab her by the hand!” Großes Gelächter vom Studiopublikum, das sich überhaupt die komplette Zeit ordentlich über den Schlagabtausch der beiden freut. 

 

Zum Abschluss räumt Böhmermann noch ein, dass er angesichts der deutschen Vergangenheit aber doch eher schlecht anderer Länder politische Führer beurteilen könne - und schon ist der sechsminütige Auftritt beinahe vorüber. Gut und souverän hat Böhmermann auf Englisch seine Gags gelandet - und damit einmal mehr bewiesen, dass sein Humor auch außerhalb Deutschlands ankommt. 

 

Meyers möge auch bei Neo Magazin Royale vorbeikommen, bittet er, und der antwortet mit deutsch-englischem Wortspiel grinsend: “Yeah! I’ll be FEIN!”

 

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