Die Kinder meiner Eltern

Bruder ist nicht gleich Bruder und Schwester nicht gleich Schwester – neun neue Perspektiven auf das Leben mit Geschwistern.
Texte: jetzt-Redaktion, Illustrationen: Katharina Bitzl
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Illustration: Katharina Bitzl

1. Der Rollentauscher

Wenn der kleinere Bruder zum großen Bruder wird

Bis ungefähr zu meinem 15. Lebensjahr war das Verhältnis zwischen mir und meinem Bruder normal: Ich, zwei Jahre älter, erstgeboren und mit allen dazugehörigen Privilegien ausgestattet, war der Große. Meinen Bruder hatten meine Eltern, ohne mich bei dieser lebensentscheidenden Frage zu konsultieren, nachgereicht; er war der „Kleine“ und befand sich durch seine schlichte Existenz mir gegenüber in einer Bringschuld. Er lief mir nach, nervte mit feuchter Aussprache, bewunderte mich und war mir körperlich unterlegen. Seine sporadische Besserwisserei unterband ich regelmäßig mit roher Gewalt. Wer zu spät kommt, den bestraft eben das Leben. Meine Kindheit verlief in geregelten Bahnen. Das änderte sich mit der Pubertät. Während meine Noten sich von Jahr zu Jahr dem Attribut „versetzungsgefährdet“ annäherten, blieben die meines Bruders sehr gut. Ich bekam Verweise wegen Essens im Unterricht, mein Bruder wurde zum Klassensprecher gewählt. Ich klaute im Supermarkt eine Cola-Dose, mein Bruder lernte Latein-Vokabeln. Ich fing an zu rauchen, mein Bruder ging in den Schwimmverein. Was mich aber am meisten beunruhigte: Während meine Körpergröße gerade so auf Durchschnittsniveau stagnierte, wuchs mein Bruder immer weiter. Mit 17 war es so weit: Mein kleiner Bruder war größer als ich! Spätestens an diesem Punkt hatte sich unser Verhältnis ins Gegenteil verkehrt. Mein kleiner Bruder war zum großem Bruder geworden – mit all dem, was man küchenpsychologisch dem älteren Bruder zuschreibt: Er ist vernünftiger, solider und auch ein bisschen spießiger. Während ich dreimal das Studienfach wechselte, um mich schließlich für Philosophie zu entscheiden, studierte er Jura. Während ich von einer sinnlosen Affäre in die nächste stolperte, verlobte er sich. Ich stecke in einem kreativen, aber prekären Arbeitsverhältnis, er strebt eine Beamtenlaufbahn an. Mittlerweile haben wir uns mit diesem neuen Rollen arrangiert. Wenn wir zusammen ausgehen, bin ich immer der Besoffenere von uns beiden – er muss dann aufpassen, dass ich keinen Blödsinn mache. Ich finde, das ist nur fair so.

Text: Philipp Mattheis

2. Die Große

Wie es ist, wenn man ganz spät doch noch Schwester wird

Eigentlich sehe ich mich als Einzelkind – mit allen guten (selbstständig) und schlechten (egozentrisch) Eigenschaften, die Einzelkinder so haben. Dabei bin ich im Grunde schon seit zwölf Jahren keines mehr. Ich war 16 als mein erster Stiefbruder auf die Welt kam, 18 beim zweiten. Zu diesem Zeitpunkt hat man das tiefe Teenager-Tal schon längst durchschritten und ist einigermaßen gefestigt in seinen Ansichten und Charakterzügen. Mit diesem schreienden Truthahn namens Magnus konnte ich dementsprechend nicht besonders viel anfangen, schon gar nicht mit der Tatsache, dass ich meine Mutter und meinen Stiefvater jetzt teilen sollte. Zuvor stand ich im Mittelpunkt, jetzt war ich völlig abgemeldet. Mein Altersvorsprung war meine Crux. Ständig hallten Sätze wie „jetzt hab mal Verständnis, du bist doch schon groß!“ oder „nimm Rücksicht, du siehst doch, dass das jetzt wichtiger ist!“ durch unser Haus. Das kränkt. Und es verletzt tief. Auch wenn man schon so reflektiert ist, dass man weiß, dass es die Eltern nicht böse meinen, ist man doch immer noch Kind. Aber Herz und Verstand haben eben nicht unbedingt das gleiche Tempo, Dinge zu begreifen. Gefühle sind träge. Als mein zweiter Bruder Laurin auf die Welt kam, zog ich aus. Ich hatte sowieso den Eindruck, unsichtbar zu sein. Zwölf Jahre später sehe ich die Welt aus einer anderen Perspektive. Meine Brüder sind ein unglaubliches Geschenk. Auch wenn ich mehr eine Mischung aus Schwester und dritter Erziehungsberechtigter bin, kommt nichts zwischen uns. Ich verstehe ihre Diskussionen mit unseren Eltern, weil ich noch nah genug dran bin und kann vermitteln, wo es meinen Brüdern noch an Eloquenz fehlt. Wenn es zu anstrengend mit unseren Eltern oder der Welt an sich wird, stelle ich mich bewaffnet mit Armbrust und Schild dazwischen. Im Gegenzug spielen die beiden Chefkritiker bei meiner Berufs-, Männer- oder Kleidungswahl. Nichts ist unverblümter als kindliches infrage Stellen. Dass wir verschiedene Väter haben, war noch nie relevant. Und im Übrigen spielt der Altersunterschied mittlerweile auch keine Rolle mehr, wenn es um Dinge wie das letzte Stück Kuchen oder den besseren Platz im Riesenrad geht. Da können wir uns zanken als wären wir alle gleich alt. Uns gibt es nur zu dritt – oder eben gar nicht.

Text: Michele Loetzner

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Illustration: Julia Schubert

3. Die Diplomatin

Wie es ist, immer vermitteln zu müssen

Zwei Stunden bevor meine Eltern aus dem Urlaub zurückkamen, musste bei uns zu Hause ein Schlachtfeld beseitigt werden. Wir waren vier Kinder, ich war die Zweitälteste. Als Zweitälteste hatte ich eine besondere Funktion, die sich in den zwei Stunden vor Ankunft meiner Eltern so abzeichnete: Die große Schwester glänzte durch Abwesenheit beim Aufräumen und die beiden jüngeren drückten sich getreu dem Motto, „wer sich zuerst rührt, verliert“ vor jeder Arbeit. Diese Situation erforderte von mir viel Diplomatie, unermüdliches ins Gewissen reden und einen militärischen Befehlston. Weil ich auch vor Drohungen nicht zurückschreckte, gelangen solche Saubermach-Aktionen dann doch immer irgendwie. Abgesehen von den vertrockneten Geranien hatten meine Eltern nichts zu klagen. Wenn sich die ältere Schwester ständig auf Konfrontationskurs befindet, keinem Konflikt aus dem Weg geht, und ihren Launen gerne mal freien Lauf lässt – Problem. Wenn der kleine Bruder sich in einem nie enden wollenden Wettstreit mit der noch kleineren Schwester befindet, wer denn nun der blödere Mensch von beiden ist – Problem. Dann bleiben für die Sandwichschwester, also mich, nicht mehr viele Möglichkeiten. Es bleibt der undankbare Job des Schlichters und Vermittlers. Bei all dem Beschwichtigen und emsigen Entwickeln ausgeklügelter Streitvermeidungsstrategien schienen mich gelegentlich Anfälle von Selbstüberschätzung zu überkommen. Dann hielt ich mich für eine moralische Instanz, eine unfehlbare obendrein. Diese Illusion wussten mir meine Geschwister zu nehmen. Sie nannten mich dann „Schleimerin“ und „Lieblingstochter“. Ich zuckte dann die Schultern. Diplomaten sind nicht immer beliebt.

Text: Katharina Bitzl

4. Die Freundin

Wie es ist, wenn aus Geschwistern irgendwann Freundinnen werden

Ich sehe meine Schwestern nicht oft. Wir telefonieren auch nicht jede Woche. Aber mit guten Freunden muss man ja auch nicht jede Woche telefonieren. Weil es mit ihnen, egal, wie lang man sich nicht nicht gesehen und gehört hat, sofort wieder so ist, wie es immer war. Und seit wir unter verschiedenen Dächern in verschiedenen Städten wohnen, sind auch meine Schwestern mehr so etwas wie gute Freunde, aber Freunde mit einem entscheidenden Unterschied zu allen anderen Freunden: Sie sind die Kinder meiner Eltern, sie haben dort gelebt, wo ich fast 20 Jahre lang gelebt habe, sie kommen aus dem gleichen Umfeld, sind mir ähnlich, aber älter als ich – wer könnte mir besseren Rat geben als diese beiden? Eine der größten und wichtigsten Gemeinsamkeiten, die wir haben, sind unsere Eltern. Das wird immer wichtiger, je älter wir werden und vor allem je älter sie werden. Denn irgendwann brauchen sie vielleicht unsere Hilfe und Pflege. Ein Gedanke, der einem kommt, wenn man selbst erwachsen ist und die Hilfe und Pflege der Eltern selbst nicht mehr so sehr braucht wie noch als Kind. Meine Schwestern sind in der gleichen Situation wie ich und ich weiß, dass ich diese Verantwortung nicht alleine tragen muss. Ich begreife jetzt auch, dass es schon immer gut war, jemanden zu haben, der diese Menschen, die eigenen Eltern, denen man auf eine so spezielle Art und Weise nah ist, genauso gut und auf die gleiche Art kennt wie ich. Als Kind bedeutete Schwestern haben oft einfach: „Deine Eltern haben noch zwei weitere Töchter“. Wenn man erwachsen wird bedeutet es: „Deine Eltern haben zum Glück noch zwei weitere Töchter“. Meine Schwestern sind der Grund, warum ich später einmal mehr als nur ein Kind haben will – damit es kein Einzelkind sein muss.

Text: Nadja Schlüter

5. Das Nesthäkchen

15 Gründe, warum es toll ist, die Jüngste zu sein

  • Du hast immer so viele Kleiderschränke mehr zur Verfügung, wie du Geschwister hast. Das gilt analog für das CD-, das DVD- und das Bücherregal.
  • Du kennst schon mit 13 gute Tricks, wie du am Türsteher vorbeikommst: Volljährige bei der Ausweiskontrolle vorschieben und Autoschlüssel demonstrativ in der Hand halten. Da sparen sich viele Wächter die Kontrolle.
  • Deine Geschwister beschützen dich vor jugendlichen Verfehlungen. Selbst wenn du zu Grundschulzeiten echt gerne die Kelly Family gehört hättest, bist du im Nachhinein froh, dass sie es dir verboten haben.
  • Du musst weniger kämpfen. Deine große Schwester hat sich früher jedes Wochenende mit deinem Vater gestritten, ob, wann und wie oft sie abends weggehen darf. Bei dir ist dein Vater schon so genervt von der Diskussion, dass er schnell nachgibt. Schließlich musste die Ältere am Ende immer seine Bedingungen erfüllen: Trink nicht soviel! / Komm nicht so spät heim! / etc.
  • Deine Eltern zwingen deine Geschwister dazu, mit dir zu spielen und dir bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen.
  • Du lässt dir von deinem großen Bruder den Mai Thai holen, den dir der Barkeeper nicht verkaufen wollte.
  • Deine Mutter gibt dir den größten Pudding („Du musst ja noch wachsen!“) und steckt dir Euro zu („Verdienst ja noch nix.“)
  • Bei Auseinandersetzungen mit deinen Eltern gilt das Totschlag-Argument: „Aber die anderen haben das auch gedurft!“ Geeignet für Reitstunden, Festivalbesuche und den ersten Urlaub ohne Eltern.
  • Wenn dich auf einer Party ein Typ blöd anmacht, kannst du deinen großen Bruder holen.
  • Der Typ, für den deine Freundinnen schwärmen, ist der beste Kumpel deines Bruders und geht bei dir daheim ein und aus.
  • Wenn deine Geschwister ausgezogen sind, bist du der uneingeschränkte Herrscher.
  • In den neu eröffneten Filialen der Familie in anderen Städten hast du Kost und Logis frei. Frische Socken auch.
  • Die Großen sind schuld. Deine Mutter glaubt deinen älteren Brüdern jedenfalls nicht, dass du die Tafel Schokolade aufgegessen hast: „Sie weiß erstens gar nicht, wo ich die Schokolade versteckt habe. Und zweitens kommt sie gar nicht an das Regal da oben ran!“
  • Deine Lehrer übersehen dich beim Ausfragen, weil sie glauben, dass du sowieso alles weißt. Deine ältere Schwester hat schließlich immer nur Einsen gekriegt.
  • Deine ältere Schwester lädt dich oft ein, wenn ihr zusammen unterwegs seid. Sie verdient Geld, während du von den Erträgen schlecht bezahlter Ferienarbeit lebst.

Text: Johanna Kempter

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Illustration: Julia Schubert

6. Das Eigentlich-Einzelkind

Wie es ist, Geschwister zu haben und doch keine Geschwister zu haben

 

Dicker als Wasser sei das Blut, heißt es in den Lobreden auf die Familie. Aber manchmal ist das Wasser groß, zwei Ozeane voll. Ich bin nicht zusammen mit meinen Geschwistern aufgewachsen, weder zur gleichen Zeit noch am gleichen Ort. Denn während ich aufwuchs, hatten meine Geschwister das schon längst hinter sich. Meine Schwester hörte auf, „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ zu gucken, als ich anfing, mit Lego zu spielen. Mein Bruder verließ die Uni, als ich das Gymnasium betrat. An 350 Tagen des Jahres war ich Einzelkind, an Weihnachten und wenn die beiden zwischendurch zu Besuch waren, nicht. Meine Geschwister sind mir keineswegs egal, aber für das innige, jede Lebensweltdifferenz transzendierende Gefühl, das andere ihren Brüdern und Schwestern entgegenbringen – und das, glaube ich, auch meine Geschwister füreinander empfinden –, dafür waren die 15 Tage Geschwisterzeit zu wenig und auch die 16 in den Schaltjahren. Meine Mutter wirft mir manchmal vor, ich würde mich zu wenig für die Familie interessieren. Sie hat sicher recht. Aber mich zu interessieren fällt mir nicht immer ganz leicht: Blut allein, so dick es auch sein mag, bedeutet doch eigentlich nichts. Was etwas bedeutet, das ist das, worauf ich mich dann versuche zu konzentrieren: die Zeit, die man gemeinsam verbracht hat und das schon so lange, wie man sich überhaupt zurückerinnern kann. Dann stellt sich zumindest für einen Moment diese unauflösliche geschwisterliche Verbindung her, obwohl mir gerade am Telefon wieder nichts einfällt, worüber ich mich mit meiner Schwester unterhalten könnte. Franny und Zooey sind wir beide damit noch lange nicht, aber mir wird zumindest klar, dass ich diesen Text lieber nicht mit meinem Namen unterzeichne. Weil meine Schwester traurig wäre, läse sie ihn.

 

Text: Anonymus

 

7. Der Nachmacher

Wenn die älteren Brüder zu den einzigen Vorbildern werden

 

Der Mensch wird das, was er wird, weil er sich Sachen von anderen abschaut. Ich habe mir viel von meinen älteren Brüdern abgeschaut, die sieben und neun Jahre mehr als ich auf dem Buckel haben. Der eine fing an, Autogramme zu sammeln, ich machte es ihm nach. Der andere lernte auf dem Gymnasium Französisch, ich machte es ihm nach (auf dem selben Gymnasium). Der eine ging jeden zweiten Samstagabend zu Basketballspielen, ich saß neben ihm. Selbstverständlich habe ich mir auch den Musikgeschmack von den Herren servieren lassen, was dazu führte, dass ich mit 13 alle Lieder der „Fürstenfeld“-Band STS aus Österreich auswendig plärren konnte, die gerne mal von Männern in der Midlife-Crisis handelten. Meine Brüder hatten damals eben so eine Phase, also hatte ich sie auch. Dann aber der Bruch. Als ich das Ausgeh-Alter erreicht hatte, wollte ich mich abends zu den beiden ins Auto setzen und mit ihnen zu Musik und Bier düsen. Ich sah Skepsis in den Augen der Herren. Hatten sie ihre Vorbildrolle in den Jahren vorher noch genossen, war ich nun dabei, in ihre Erwachsenenwelt einzudringen. Das fanden sie zu privat (wg. Mädchen) und uncool (wg. Kumpels). Heute bin ich froh über den Bruch. Der Mensch soll ja keine Kopie werden.

 

Text: Peter Wagner

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Illustration: Julia Schubert

8. Die Geltungssüchtige

Was passiert, wenn die jüngere Schwester süßer ist als man selbst

 

Sie hat braune Knopfaugen, ich trage eine schwarze Hornbrille. Meine kleine Schwester ist süß. Ich bin es nicht. Schon als Kind war ich neidisch auf ihre Korkenzieherlocken. Und auf die Kuscheltiere, die sie zu Weihnachten geschenkt bekam und ich nicht. Mir thronte damals schon ein rosarotes Brillengestell auf der Nase. Außerdem hatte ich raspelkurze Haare und eine ziemlich große Zahnlücke. Um davon abzulenken, lernte ich Einrad fahren und Blockflöte spielen. In Schulaufsätzen erzählte ich die tollsten Geschichten und las sie am Mittagstisch laut der Familie vor. Am Wochenende organisierte ich Zirkus-Aufführungen im Kinderzimmer. Ich jonglierte, meine Schwester stand tollpatschig daneben. Es half nicht viel: Die Große erhielt den Applaus, die Kleine gewann die Herzen. Gut möglich, dass das meinen Ehrgeiz zusätzlich anstachelte. Obwohl ich aussah wie ein kleiner Junge, machte ich Ballett und drei Mal die Woche Rhythmische Sportgymnastik. Als ich mich bei meinem ersten Wettkampf im Seil verhedderte und auf die Nase fiel, stand ich auf und turnte stolz weiter. Meine Schwester hätte in dieser Situation der Realität ins Auge geschaut und blitzartig die Tanzfläche verlassen. Ich hingegen wollte kämpfen. Irgendwann bekam ich Kontaktlinsen. Später hatte ich ziemlich viele Sportpokale in der Kinderzimmer-Vitrine stehen und einen dieser wahnsinnig erwachsenen Jungs aus der Raucherecke als Freund. Meine kleine süße Schwester muss das alles ziemlich eingeschüchtert haben. Zumindest ging sie nie ohne ihre Mädels-Clique aus dem Haus und dann meistens ins Kino. Sie verausgabte sich weder im Sportverein noch in den Betten fremder Männer. Manchmal klaute sie mir Klamotten aus dem Schrank, ansonsten versuchte sie gar nicht erst, in meine Fußstapfen zu treten. Sie war zufrieden, mit dem was sie hatte: Kulleraugen und Kuscheltiere sind kein schlechtes Kapital. Aufmerksamkeit bekam sie, ohne danach zu suchen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die Fehler beging und sie daraus lernte. Dieses Jahr macht sie ihr Jura-Examen. Ob sie jemals neidisch auf mich war, habe ich sie nie gefragt. Nur einmal, vor sehr langer Zeit, da fand ich mein Tagebuch aufgeschlagen unter ihrem Kopfkissen.

 

Text: Anna Kistner

 

9. Die Wahlschwester

Wie es ist, Freunde als Geschwister zu haben

 

An meinem ersten Schultag habe ich die gleichaltrige Lisa und ihre drei Jahre jüngere Schwester Johanna kennengelernt. An den beiden hing auch Daniel dran, sie nannten ihn liebevoll „Bruder“, obwohl er einfach nur im selben Haus wohnte und so alt war wie Lisa. Lisa und ich saßen vom ersten Schultag bis zur 11. Klasse nebeneinander. Gemeinsam mit Daniel gingen wir jeden Morgen zur Schule und danach wieder heim. Ich wohnte eine Straße weiter. Unsere Eltern verstanden sich gut, sie waren berufstätig und wechselten sich beim Mittagessen-Zubereiten und bei der Hausaufgabenbetreuung ab. Wir verbrachten den Nachmittag miteinander, spielten zusammen und fuhren sogar manchmal gemeinsam in den Urlaub. Das Gute war für mich, dass ich nach einem Streit immer in unsere Wohnung gehen konnte. Ich war nie dem Neid der kleineren Schwester bedingungslos ausgesetzt, ich musste mich nie vor den Frechheiten eines älteren Bruders schützen, der neben mir im Zimmer wohnt. Natürlich werde ich deshalb auch die Verbundenheit, von der Geschwister immer sprechen, nie zu spüren bekommen. Und doch habe ich eine Ahnung von dieser Verbundenheit. Johanna wurde neulich von ihrem Freund beschimpft und ich war dabei. Ich habe sie in Schutz genommen. Nach dem Streit hat sie sich zu mir ins Bett gelegt und mir gesagt, dass ich wie eine große Schwester für sie sei. Sie sagte, dass sie das Gefühl habe, sie könne mit mir über Sachen sprechen, über die sie mit Lisa nicht so offen sprechen könne. Ich fühlte mich geehrt und überlegte: Als echte große Schwester kann man es sich nicht aussuchen, man muss immer da sein. Ich kann es mir aussuchen, wann ich bei Johanna bin. Mit Lisa, die mittlerweile in Hamburg wohnt, telefoniere noch immer jede Woche zweimal. Daniel zieht bald wieder nach München und ich überrede ihn gerade, in meine Nähe zu ziehen. Wir sind aufeinander eingeschworen.

 

Text: Judith Kampl

 

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