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Illustration: Daniela Rudolf

Jeder erzählt mal eine Notlüge. Oder reißt den Mund zu weit auf. Oder kriegt ihn nicht auf, wenn er eigentlich etwas sagen sollte. Meistens versucht man damit ja bloß, sich durch einen unangenehmen Moment zu retten: Man behauptet, man könne surfen, weil man sich vor den anderen am Strand keine Blöße geben will; erzählt den Mitbewohnern nicht, dass man die Miete nicht gezahlt hat, weil man sich vor den Konsequenzen fürchtet; oder lobt das Essen, das einem nicht schmeckt, weil man den Gastgeber nicht verletzen will. Doch wenn man kopflos durch einen unangenehmen Moment stürzt, um ihn möglichst schnell hinter sich zu lassen, macht man damit oft alles nur noch schlimmer. Löst eine unaufhaltsame Kettenreaktion aus oder verstrickt sich in eine Lügengeschichte.

Hier erzählen sechs Menschen, wie sie sich in eine Situation manövriert und dann nicht mehr herausgefunden haben. Und wie peinlich oder wie dramatisch es sein kann, wenn man merkt: Es gibt kein Zurück mehr.

Die Gemälde

Es ist nicht so, dass meine Eltern keine Kunst mögen nur eben keine Miró-Drucke. Leider haben sie verpasst, das meiner Oma zu sagen. Und so stand die mehrmals im Jahr mit einem großformatigen, gerahmten Bild von Joan Miró vor unserer Tür und war fest davon überzeugt, sie würde damit zur Wohlfühlatmosphäre unseres Wohnzimmers beitragen. Zu ihrer Verteidigung: Wir haben nicht nur nie versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen, wir haben sogar jedes Mal unsere Bilder ab- und ihre Drucke aufgehangen, wenn sie zu Besuch kam. Ich weiß noch gut, wie zu den üblichen Vorbereitungen der Stress des Wiederaufhängens kam. Das war vor allem schwierig, weil sich außer meiner Oma niemand so richtig erinnern konnte, wo das letzte Mal welcher Druck hing. Sobald meine Oma zurückfuhr, nahmen wir die Bilder wieder von den Wänden und stellten sie in eine Kellerecke bis zum nächsten Besuch.

Mit den Jahren sammelte sich eine regelrechte Miró-Armada im Keller an, deren Anbringung im ganzen Haus zwei Personen eine halbe Stunde beschäftigte. Oft schlugen wir neue Nägel in die Wände, weil es aus irgendeinem Grund immer mehr Bilder als Halterungen gab. Wenn Oma dann wieder da war, saß sie glücklich unter dem Bild mit dem Männchen, das wie eine lebende Schnullerflasche aussah, oder merkte stolz an, wie gut der fette, rote, asymmetrische Punkt auf einem anderen zu unserem Sofa passte. Und uns war klar, dass Joan Miró immer Teil unseres Wohnzimmers sein würde zumindest, wenn Oma kam. 

Kristin Höller

Der Rasierer

In einem Elektronikmarkt kaufte ich einen Langhaar-Rasierer, der mich endlich akkurat unrasiert aussehen lassen sollte. Zu Hause musste ich allerdings feststellen, dass der Rasierer nur drei Stufen hatte: zwei für sehr langbärtige Menschen und eine für solche, die sich direkt ins Gesicht schneiden wollten. Genervt säuberte ich das Gerät und legte es in die Verpackung zurück. Sah alles noch neu aus, war ja auch nur zehn Minuten ausgepackt.

An der Reklamationstheke erklärte mir ein junger Mann, dass Rasierer vom Umtausch ausgeschlossen seien. Hygiene und so. Nicht mit mir, dachte ich. Und sagte Sachen wie: Das kann doch nicht sein! und Ich hab den noch nicht mal ausgepackt! Das hielt ich so lange durch, bis es auch dem Mitarbeiter zu blöd wurde. Er nahm resigniert meinen Rasierer zurück. Ha!

Dann nahm er allerdings die Kappe ab. Sofort fielen Unmengen von Haaren heraus. Wie eine rhetorische Frage schwebte dieser kurze Moment zwischen uns. Während mein Gehirn noch alle Handlungsoptionen evaluierte, hatte mein Stolz schon entschieden, dass wir nicht mehr zurück können. Also volle Kraft voraus. 200 Prozent.

Das ist ja eine Unverschämtheit! hörte ich mich laut sagen. Den hat ja schon jemand benutzt! Was mir an Glaubwürdigkeit fehlte, versuchte ich mit Lautstärke zu kompensieren. Ich will den Manager sprechen! Irgendwann ging mir die Puste aus. Es war der leere Blick des Reklamationsmenschen, der mich bremste: Da war kein Zorn, nur noch die Müdigkeit, sich mit solchen Idioten wie mir herumschlagen zu müssen.

Ich hielt meine Rolle des empörten Kunden noch kurz aufrecht (wildes Gestikulieren!), aber am Ende blieb mir nur noch der Abgang, der Dank des zerlegten Geräts ungefähr so lange dauerte wie die traurigen Szene eines Roy-Andersson-Films, und den ich noch mit dem drohenden Kommentar krönte, mir so etwas nicht bieten zu lassen.

Den Rasierer benutze ich nun seit über 10 Jahren.

Johannes Uschebdy

Die Schulden

Das ging los, als ich das Auto gekauft habe. Bin dabei übel in den Dispo gerutscht. Aber anstatt im nächsten Monat kürzer zu treten, habe ich meinen Dispo eben erhöht. Das war der Anfang vom Ende.

Zwei Monate später war ich mit meiner damaligen Freundin in Paris, danach in Holland. Ich hatte meine Ausgaben überhaupt nicht unter Kontrolle. Nach sechs Monaten kündigte mir die Bank die Dispoerhöhung. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich aufgehört, meine Miete zu bezahlen. Aber ich erzählte niemandem was los war. Den Schein wahren, dass alles in Ordnung ist, war das Wichtigste. Ich war clever genug, um sicherzustellen, dass erst mal nichts passiert. Für diesen RTL-Schuldenberater wäre ich wahrscheinlich ein klassischer Fall gewesen.

Es summierte sich. Mein Handyvertrag wurde gekündigt. Wir bekamen eine Stromnachzahlung. Das Auto musste repariert werden. Auf meinem Schreibtisch stapelten sich unbezahlte Knöllchen. Die Mahngebühren stiegen und stiegen.

Und dann kam der Brief von der Vermieterin. Alles flog auf und mir um die Ohren. Ich versuchte einen Kredit aufzunehmen, was zum Glück nicht funktioniert hat. Ein paar Wochen später lag die fristlose Kündigung auf dem Tisch und einer meiner Mitbewohner, ein guter Freund, rief meine Mutter an. Meine Eltern haben sofort alle Schulden bezahlt, ungefähr 5000 Euro.

Mein Vater hat seitdem Zugriff auf mein Konto. Wenn ich mit Karte zahle, bekomme ich manchmal eine SMS von ihm: War lecker gestern bei Mäckes?

Michael Ritter (Protokoll: Boris Fichtlein)

Der Name 

Wenn ich irgendwo neu bin, stelle ich mich als Katharina vor. Häufig machen die Leute dann eine Kathi aus mir. Mit diesem Namen komme ich klar. Ich habe auch nichts gegen Kathrins nur bin ich eben keine von ihnen.

Als meine Chorleiterin das erste Mal Kathrin zu mir sagte, dachte ich, sie habe sich nur versprochen. Als es in der nächsten Chorprobe wieder passierte, war ich peinlich berührt, weil ich sie beim ersten Mal nicht korrigiert hatte, und hoffte, es habe keiner gehört. Als daraufhin die ersten Chormitglieder anfingen, mich mit Kathrin anzusprechen, wusste ich, dass ich endgültig den Moment verpasst hatte, um laut zu sagen, dass ich Katharina heiße.

Nachdem sich der Name im Chor etabliert hatte, fühlte ich mich hilflos und vor allem: selbst schuld. Ich wusste nicht, wie ich wieder zur Katharina werden konnte. Ich hätte die anderen nicht nur korrigieren, sondern zusätzlich eine Erklärung liefern müssen, warum ich so lange mit der Korrektur gewartet hatte. Und ich wollte nicht kleinkariert, kein pedantischer Verbesserer sein.

Die Leute, die mich schon länger kannten, starteten eine Hilfsaktion: Überdeutlich sprachen sie meinen richtigen Namen aus. Mit Erfolg! Einige im Chor adaptierten Kathi. Die Chorleiterin allerdings nicht. Als ich ankündigte, dass ich in eine andere Stadt ziehen würde, verabschiedete sie mich als Kathrin. 

Katharina Häringer

Der Kuchen 

Vor einigen Jahren habe ich länger in Südfrankreich gelebt, davon zwei Jahre im Wochenendhaus einer französischen Familie. Direkt nach unserem Kennenlernen luden sie mich zum Essen ein. Als Nachtisch gab es selbstgemachten Schokoladenkuchen. Ich kann Schokolade überhaupt nicht ausstehen, aber da ich natürlich höflich sein wollte, machte ich der Mutter ziemlich überschwängliche Komplimente für ihre Backkünste. Als die Familie am nächsten Wochenende wieder ins Haus kam, gab es: Schokoladenkuchen.

Sie waren irrsinnig nett und hatten mich direkt so herzlich aufgenommen, dass ich es einfach nicht übers Herz brachte, etwas zu sagen. Von diesem Moment an bekam ich fast jedes Wochenende Schokoladenkuchen. Der war auch sehr gut, glaube ich. Wenn man Schokolade mag.

Und dann, nach etwa eineinhalb Jahren, gab es plötzlich einen Aprikosenkuchen. Wahnsinnig lecker! Als die Mutter des Hauses das nächste Mal einen Kuchen backen wollte, habe ich ganz unauffällig gefragt, ob man nicht wieder Aprikose statt Schokolade machen könnte. Da schallte ein lautes Lachen des Vaters aus dem Wohnzimmer, der sagte: Schatz, stell dir mal vor, wie absurd das wäre, wenn Quirin keine Schokolade mögen würde!

Quirin Rohleder (Protokoll: Johannes Uschebdy)

Die Prahlerei 

Ich habe eine große Klappe. Die hatte ich auch im Sommer 2006. Zumindest zuerst und dann habe ich sie im richtigen Moment nicht mehr aufgekriegt. Oder besser: wollte sie nicht aufkriegen.

Ich war mit einer Freundin in Südfrankreich. Wir schnupperten Freiheit und Surferluft. Um uns herum standen lauter VW-Busse. Jeden Morgen verschwanden deren braungebrannte Fahrer mit Surfboards zum Strand. Das wollten wir auch. Vor dem lässigen Lehrer und den hübschen Jungs beim Boardverleih gaben wir uns selbstsicher als erfahrene Surferinnen aus.

Dann kam der Moment, in dem wir das beweisen mussten. Wir liehen uns Surfbretter aus. Der Surflehrer fragte noch: Seid ihr sicher, dass ihr das könnt? Wahrscheinlich hielten wir die Bretter schon falsch. Das wäre der richtige Moment gewesen, um unsere kleine Notlüge doch noch aufzuklären. Aber irgendetwas in mir weigerte sich, immerhin standen da die ganzen Surferjungs um uns herum. So schwer wird das schon nicht sein, dachte ich. Und sagte: Klar können wir das!

Stimmte natürlich nicht. Die Strömung zog uns sofort aufs offene Meer. Unsere letzte Chance, wieder zum Strand zu gelangen, waren die Wellen. Ständig schluckte ich Salzwasser, wusste nicht, wo oben und unten ist. Irgendwie schafften wir es, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Voller Scham brachten wir die Boards zurück zum Surflehrer, der sich natürlich vor Lachen schüttelte.

Unser sicheres Auftreten war total überflüssig. Hätten wir nicht so geprahlt, hätten wir uns einige blaue Flecken und geprellte Rippen ersparen können. Allerdings bin ich so wenn auch schmerzhaft zu einem neuen Hobby gekommen. Heute reise ich den Wellen hinterher, wann immer ich kann, und werde nach wie vor manchmal von ihnen verprügelt. Aber immerhin weiß ich jetzt, wie ich sicher zurückkomme. 

Mirja Hellwig

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