250 Euro für den Dschungel-Guide in Indonesien

Jimmy, 24, wird oft gefragt ob er sein ganzes Leben im Dschungel verbringen möchte.
Protokoll von Matias Kamp
jobkolumne dschungelguide cover

Foto: Privat / Bearbeitung:jetzt

Was macht ein Dschungel-Guide?

Als Dschungel-Guide in einem der größten Regenwälder der Welt ist es meine Aufgabe, Natur und Touristen gleichermaßen zu schützen. Bei den oft mehrtägigen Wanderungen durch den Gunung Leuser Nationalpark in Nord-Sumatra passe ich auf die Touristen auf, helfe so gut es geht beim Klettern und Durchqueren von Flüssen, bereite Nachtlager vor und  Mahlzeiten zu. Außerdem informiere ich die Gäste über die Natur und Tiere im Nationalpark. Mit dem Orang-Utan lebt eine sehr selten gewordene Art in den Wäldern dort. Viele kommen, um die Tiere in freier Wildbahn zu erleben. Die meisten Touristen interessieren sich aber auch für die Natur an sich. Dann sehe ich es als meine Pflicht an, den Interessierten die ökologischen Zusammenhänge der Tropen näherzubringen, auch in Verbindung mit dem Klimawandel. Der Regenwald auf Sumatra ist, wie jeder andere Regenwald, ein wichtiger Sauerstoffproduzent. Er reinigt unsere Luft, und ist enorm wichtig für den Wasserkreislauf. Wenn er abgeholzt wird, würde sich das Klima drastisch verändern.

Wie bist du Guide geworden? 

Ich wurde in Bukit Lawang, einem 2600-Einwohner-Dorf, geboren. Hier leben sehr viele Menschen vom Tourismus. Auch mein Vater und mein Onkel waren Guides im Nationalpark, mein Onkel ist es immer noch. Trotzdem war mir lange nicht klar, was ich einmal werden möchte. Nachdem ich mit 17 mit der Schule fertig war und keinen Job hatte, habe ich gesehen, wie einige meiner Schulfreunde anfingen, im Dschungel als Guides zu arbeiten. Dann bekam ich Interesse an dem Job. Zuerst begleitete ich meinen Onkel in den Wald und lernte von ihm viel über die Orang-Utans und andere Primaten, wie Gibbons und Makaken. Zudem machte er mich mit dem Ökosystem vertraut, zeigte mir Zusammenhänge von Tieren, Pflanzen, Licht, Wasser und Wärme. Außerdem gab es einen offiziellen Trainer von der Regierung. Er hat mich bei der Ausbildung begleitet und ich musste mich nach zwei Jahren einer Abschlussprüfung unterziehen.

Welche Herausforderungen bringt dein Job mit sich?

Mein Englisch war nicht sonderlich gut, also fiel es mir schwer, auf mögliche Gefahren aufmerksam zu machen. Heute ist mein Englisch deutlich besser. Zu Schwierigkeiten kommt es außerdem, wenn ich ältere oder körperlich eingeschränkte Gäste habe. Die Wege im Wald sind schmal und nicht befestigt. Sie brauchen beim Klettern natürlich mehr Unterstützung als die jungen Backpacker. Vor allem in der Regenzeit aber ist es für alle, mich eingeschlossen, eine Herausforderung, den Regenwald unbeschadet zu durchqueren. Die Pfade sind meistens nass und rutschig, dann muss ich dauerhaft hochkonzentriert sein und nach festen Stellen und Lianen zum Festhalten suchen. Niemand soll sich bei einem Sturz verletzen.

Auch Orang-Utans selbst können eine Gefahr sein. Von Natur aus sind die Tiere eigentlich sehr friedlich und zurückhaltend, mit einer gewissen Vorsicht gegenüber Menschen. Einige unerfahrene Guides füttern jedoch unerlaubt die Affen, damit sie den Touristen näher kommen. Probleme machen uns häufiger die kleinen Makaken, die unseren Proviant stehlen. Das versuchen wir immer zu verhindern, weil die Affen ihr natürliches Verhalten beibehalten sollen, dazu gehört auch die Nahrungssuche. Im Gunung Leuser Nationalpark leben einige sehr selten gewordene Tiere, die hier einen letzten Rückzugsort finden. Vor allem der Orang-Utan ist durch die Abholzung der Regenwälder auf Sumatra und Borneo vom Aussterben bedroht. Dazu kommt das Problem der illegalen Jagd nach den Tieren. Aber hier verdienen die Menschen mit dem Wald ihr Geld, nicht durch seine Ausbeutung.

Die Arbeit und das Privatleben

Manchmal bin ich tagelang im Dschungel unterwegs, kümmere mich mehr oder weniger 24 Stunden am Tag um meine Gäste. Dazwischen ist immer Zeit für Erholung und Familie. Das hat Vor- und Nachteile. Wenn ich tagelang unterwegs bin, habe ich beispielsweise kaum Kontakt zu meiner Freundin. Sie wohnt in Deutschland und ich habe sie hier beim Trekking kennengelernt. Wir führen eine Fernbeziehung und da ist es vor allem im Dschungel schwer, erreichbar zu sein. Zur Hochsaison in den Monaten Juli, August und September ist es echt hart. Da bin ich fast jeden Tag im Einsatz. Ich sehe meine Familie dann weniger, weil ich teilweise nur noch zum Schlafen nach Hause komme. Trotzdem komme ich damit ganz gut zurecht. Freunde treffe ich dann eher beim Wandern im Wald. Sie führen dann auch Touristen. Abends sieht man sich oft an den Rast- und Campingplätzen. Dann können wir, wenn sich die Gäste ausruhen, zusammen Karten spielen und abhängen.

Was lernst du durch deinen Beruf fürs Leben?

Ich lerne viel über andere Sitten, Bräuche, Regionen und Weltansichten. Anfangs war es für mich beispielsweise etwas befremdlich, wenn sich europäische Paare vor mir geküsst haben. Wir küssen uns hier nicht in der Öffentlichkeit, nicht mal im Dschungel, wenn noch andere Leute dabei sind. Aber je mehr Menschen ich aus anderen Kulturen treffe, desto besser versteh ich sie. Durch meinen Beruf habe ich auch meine Freundin kennengelernt, mit der ich bereits in Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden unterwegs war. Man könnte also sagen, ich lerne mit jedem Gast unsere Welt ein bisschen besser kennen. Meist sind es junge Leute wie Backpacker oder Pärchen, die die anstrengenden Wanderungen mitmachen. Aber auch Familien mit kleinen Kindern und ältere Besucher wagen sich mit mir in den Dschungel. Meistens kommen sie, wenn nicht aus Indonesien, aus westlichen Ländern. Deutsche Gäste haben wir am häufigsten. 

Wie viel verdienst du?

Ein festes Gehalt habe ich nicht. Ich werde pro Trekking von der Organisation, mit der ich arbeite, bezahlt. In der Regenzeit ist „low-season“, da verdient man durchschnittlich nicht mehr als 100 Euro pro Monat, was hier übrigens immer noch gut zum Leben ausreicht. Zwischen Regenzeit und Hauptsaison kommen etwas mehr Touristen, die ich begleiten kann. Dann verdiene ich bis zu 250 Euro im Monat. Zur Hauptsaison kann ich fast jeden Tag arbeiten. Es gibt viel zu tun, das ist aber auch sehr anstrengend. Dann komme ich meist auf 700 Euro im Monat. Zu dieser Zeit ist mein Job sehr kräftezehrend und ich muss abwägen, was mir wichtiger ist: meine Gesundheit, die aufgrund von Erschöpfung auf dem Spiel steht, oder das Geld. Ich mache dann immer einmal mehr eine Pause, da mir meine Gesundheit wichtiger ist. Nachher verletze ich mich noch und kann gar nichts mehr verdienen.

Es ist schwer, einen Durchschnittsbetrag fürs ganze Jahr zu nennen, ich denke, das wären 250 Euro pro Monat. Viele Büroarbeiter in Indonesien verdienen ähnlich viel und es ist mehr als genug zum Leben, deshalb bin ich damit zufrieden. Zurzeit bekomme ich aber den großen Nachteil zu spüren, von Touristen abhängig zu sein. Durch die Corona-Krise ist mein Einkommen fast vollständig weggebrochen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise aus?

Ein Großteil der Bewohner Bukit Lawangs verdient seit Jahren ihr Geld durch den Tourismus. Ähnlich wie mir und meinen Freunden geht es Hunderten, die nun Angst um ihre Zukunft haben. Viele mussten ihre Einnahmequelle wechseln und leben jetzt von der Landwirtschaft. Einige finden gar keinen Job und können nichts tun. Viele Familien leiden unter Existenzängsten und müssen schauen, wie sie sich ernähren können. Die Trekking-Organisation, für die ich arbeite, hat deshalb eine Spendenkampagne gestartet, mit der wir zusammen mit unseren ehemaligen Gästen schon einige Tausend Euro gesammelt haben. Wir konnten vielen Familien Nahrungsmittel für die nächste Zeit zukommen lassen.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Das ist wohl die Frage nach meinen Zukunftsaussichten. Möchtest du für immer ein Guide sein? Wird das Trekking nicht auf Dauer langweilig?

Ich erkläre dann immer zuerst, dass mein Job nicht langweilig werden kann. Ständig lerne ich neue und aufgeschlossene Menschen kennen. Wir unterhalten uns und lernen voneinander.  Auch für mich gibt es im Dschungel noch immer Neues zu entdecken. Die extrem scheuen Tiere wie Tiger, Elefanten oder Nashörner habe noch nicht mal ich als Guide bisher zu Gesicht bekommen. Trotzdem möchte ich das nicht mein ganzes Leben machen. Der Job ist körperlich extrem belastend. Mit 24 Jahren ist das noch kein Problem für mich, aber irgendwann wird es schwerer,die Hänge hinauf zu klettern, Wege zu finden und Stunden durch die Hitze zu laufen. Einige machen das noch in einem fortgeschrittenen Alter, wie mein Onkel. Ich kann mir aber vorstellen, in ein paar Jahren das Berufsfeld zu wechseln. Vielleicht gehe ich an die Universität und studiere etwas völlig anderes, wie IT oder Informatik.

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