4560 Euro brutto für die promovierte Meeresbiologin

Julia, 29, war zuletzt auf einer Expedition auf dem Pazifik unterwegs und erzählt, welche Erfahrungen sie dabei gemacht hat.
Protokoll von Nina Büchs
jobkolumne meeresbiologin cover

Foto: Privat / Illustration: jetzt

Wie sieht dein Alltag als Meeresbiologin aus?

Meiner Erfahrung nach scheinen einige Leute eine sehr romantische Vorstellung von meinem Beruf zu haben, denn wir schwimmen weder mit Delfinen, noch tauchen wir nach Seesternen oder verbringen unseren Berufsalltag größtenteils auf einer karibischen Insel. Tatsächlich bin ich nur sehr selten an der frischen Luft, zum Beispiel, wenn ich auf Forschungsexpedition gehe. Das kommt in meinem Fall aber nur circa ein- bis zweimal im Jahr vor. Wie oft man tatsächlich unterwegs ist, hängt von dem jeweiligen Forschungsprojekt ab. Die meiste Zeit verbringe ich im Labor und untersuche Gesteins-, Sediment- oder Wasserproben, tüftle an einem wissenschaftlichen Problem oder sitze vor dem Computer, um Daten auszuwerten, Grafiken zu erstellen, Präsentationen vorzubereiten und an den Veröffentlichungen zuschreiben. Zusätzlich bin ich ab und zu auch als Dozentin für Masterstudenten tätig, betreue Forschungsarbeiten von Studenten, gebe Führungen für Gäste an unserem Institut und schreibe wissenschaftliche Artikel für Schüler, um ihnen das Leben auf dem Meeresgrund näher zu bringen. Außerdem besuche ich regelmäßig Fachkonferenzen, um zu netzwerken und mich über neue Forschungsarbeiten auszutauschen.

Einen Berufsalltag gibt es also nicht wirklich. Das macht den Job umso abwechslungsreicher. Natürlich gilt das nicht für alle Meeresbiologen, sondern ist unter anderem sehr stark vom jeweiligen Forschungsprojekt abhängig. Abgesehen von der Arbeit an Universitäten oder Forschungseinrichtungen, können Meeresbiologen, mit den entsprechenden beruflichen Voraussetzungen, aber auch in anderen Bereichen eingesetzt werden. Unter anderem arbeiten einige von ihnen für die UNO und EU-Ämter, Umweltverbände, Meeresmuseen, in industriellen Bereichen, beispielsweise in der Fischerei oder in der Pharmazie.

Wie bist du Meeresbiologin geworden?

Ursprünglich wollte ich Archäologin werden. Damals habe ich ein Praktikum in einem Archäometriezentrum gemacht, in dem mit naturwissenschaftlichen Methoden alte Knochenproben analysiert wurden. Dieses Vorgehen fand ich sehr spannend und daraus ist schließlich meine Faszination für Naturwissenschaften entstanden.

Daraufhin habe mich für ein Grundlagenstudium der Biologie an der Universität Heidelberg entschieden und gemerkt, dass dieser Bereich sehr vielseitig ist und viele Schnittstellen zu anderen naturwissenschaftlichen Fächern, wie der Chemie, Physik, der Geo- oder auch Umweltwissenschaft, hat. Tatsächlich hilft mir der große Überblick über diese Fachgebiete nun auch sehr bei meiner täglichen Arbeit, zum Beispiel, wenn wir mit unterschiedlichen Wissenschaftlern, wie Ozeanographen oder Geochemikern, auf einer Ausfahrt sind und im Team zusammenarbeiten. Durch das breit gefächerte Studium und den Einblick in verschiedene Bereiche kann ich nun viel besser verstehen, welche Daten die anderen Wissenschaftler brauchen und wie sie bei der Datenerhebung und -auswertung vorgehen.  

Im Masterstudium habe ich mich dann auf das Gebiet der Mikrobiologie spezialisiert. Dieser Teilbereich beschäftigt sich mit den Einflüssen von Mikroorganismen und deren Stoffwechselprozessen auf verschiedene Lebensräume. Anschließend habe ich promoviert. Während meiner Doktorandenzeit hatte ich dann auch die ersten Berührungspunkte mit dem Meer, als ich für meine Doktorarbeit an der Ostseeküste Sedimentproben entnommen habe. Währenddessen habe ich gemerkt, wie spannend ich das Meer, also die im Ozean ablaufenden biogeochemischen Prozesse und die Suche nach unerforschtem Leben und Lebensräumen finde. Als Bewohner auf dem Land weiß man meist gar nicht, wie bunt und vielseitig das Leben auf dem Meeresgrund ist. Nach meiner Doktorarbeit bin ich also ans Meer, genauer gesagt nach Bremen gezogen. Dort arbeite ich jetzt als Postdoktorandin an zwei Instituten, im Bereich Tiefseeforschung und Marine Mikrobiologie. Bis man dann tatsächlich fertig ausgebildet ist, vergehen in der Regel acht bis zehn Jahre. Daher ist es nützlich, ein gutes Stipendium oder eine Familie zu haben, die einen finanziell unterstützt. Außerdem sollte man viel Durchhaltevermögen, Abenteuerlust und Flexibilität mitbringen, wenn man als Meeresbiologin arbeiten möchte.

 

Kannst du deinen Beruf mit deinem Privatleben vereinbaren?

Als Meeresbiologe und Wissenschaftler sollte man sich bewusst sein, dass man sein Privatleben meist nach dem Job richten muss. Zum einen hängt das mit den regelmäßigen Überstunden zusammen. Denn in den Hochphasen, zum Beispiel wenn ein zeitlich befristetes Experiment durchgeführt werden muss, kommt es vor, dass man etwa zwölf Stunden am Tag arbeitet. Es gibt aber auch wieder ruhigere Phasen, in denen man dann einen normalen Tagesablauf hat.

Neben Überstunden kommt außerdem der ständige Ortswechsel hinzu, denn in der Regel sind auch Umzüge in meinem Beruf üblich. Momentan lebe ich in Norwegen, ungefähr alle zwei bis drei Jahre muss ich meine Sachen packen und wieder an einen neuen Ort ziehen. Meiner Meinung nach muss man seinen Beruf schon sehr lieben oder einfach gerne viel unterwegs sein, um damit zurechtzukommen. So kennt man zwar nach einiger Zeit fast überall auf der Welt Leute. Andererseits kann es einigen aber manchmal auch schwerfallen, sich auf einen Ort und neue Menschen einzulassen, wenn man weiß, dass man nicht lange bleiben wird. Für mich persönlich gehört das aber einfach dazu. Und weil ich es sehr wichtig finde, soziale Kontakte zu pflegen, bin ich auch an meinen freien Wochenenden regelmäßig unterwegs, um meinen Freund, Freunde und meine Familie zu besuchen.

Wie läuft das Leben auf dem Schiff?

Bei meiner letzten Forschungsfahrt waren wir zwei Monate im Pazifik unterwegs, um die Auswirkungen des Tiefseebergbaus von Manganknollen auf die mikrobielle Gemeinschaft und generell auf den Lebensraum in der Tiefsee zu untersuchen. Dazu muss man wissen, dass es in der Tiefsee viele Metalllagerstätten gibt, die wichtige Metalle und seltene Erden enthalten, die für die Herstellung von Tablets, Elektroautos oder Smartphones verwendet werden. Da die Weltbevölkerung immer mehr zunimmt, wächst auch die Nachfrage nach diesen Rohstoffen und der Tiefseebergbau wird für einige Länder und viele industrielle Unternehmen immer lukrativer.

Auf dem Forschungsschiff „Sonne“ waren wir insgesamt 80 Leute, die Hälfte davon Wissenschaftler, die andere Hälfte Crew-Mitglieder. Diese Zeit war mit schönen und spannenden, aber auch mit anstrengenden Situationen verbunden. Anstrengend war, dass man mit sehr wenig Schlaf auskommen musste. Nach nur wenigen Stunden hat mein Wecker geklingelt, da die Tiefseegeräte die ganze Zeit Proben entnehmen und diese dann zeitnah untersucht werden müssen. Außerdem hatte man auf dem Boot kaum Privatsphäre. Man teilt sich zu zweit eine Kabine und ist rund um die Uhr mit seinen Kollegen aus verschieden wissenschaftlichen Bereichen zusammen. Das hat aber auch etwas Gutes: Denn über diesen langen Zeitraum schließt man sehr enge Bindungen, da man die Menschen auf dem Boot sehr gut kennenlernt und viel gemeinsam unternimmt. Zum Beispiel saßen wir abends oft zum Karten spielen zusammen, haben mit dem Koch Ostereier gefärbt, Filmabende und Kicker-Turniere veranstaltet und auch Geburtstage gemeinsam gefeiert. Das hat uns als Team sehr zusammengeschweißt.

Wie viel verdienst du?

Als Postdoktorandin arbeite ich derzeit an zwei Forschungsinstituten im Bereich Tiefseeforschung und Marine Mikrobiologie. Meine Bezahlung erfolgt nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes. Gerade befinde mich in der Entgeltgruppe 13 und verdiene mit meiner aktuellen Doktorandenerfahrung monatlich 4560 Euro brutto. Nach einigen weiteren Jahren Berufserfahrung kann ich bis zur Forschungsgruppenleiterin aufsteigen. Damit wäre ich dann in der Entgeltstufe 15 und würde an meinem Institut monatlich etwa 6000 Euro brutto verdienen.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Wenn ich von meinem Beruf als Meeresbiologin erzähle, werde ich häufig gefragt, ob ich auch oft tauche. Tatsächlich musste ich in meinem Job aber noch nie selbst tauchen. Stattdessen sitzen wir auf dem Schiff und schicken Tiefseeroboter mit eingebauter Kamera und steuerbaren Armen auf den Meeresgrund, die wir, gemeinsam mit den Technikern, vom Schiff aus lenken. Diese Roboter entnehmen auch die Proben, zum Beispiel die metallreichen Manganknollen, Sedimente oder Tiere wie Seesterne, die am Meeresgrund leben. Die Proben lagern wir dann in speziellen Kühllaboren auf dem Schiff, untersuchen sie unter dem Mikroskop oder machen kleine Experimente an Bord. So spannend die Biologie ist, so überraschend, komplex und unvorhersehbar kann sie auch sein.

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