450 Euro brutto für die Partysängerin

Foto: Privat, RotzFrech / Bearbeitung: jetzt

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Der Arbeitsalltag als Partysängerin

Am Auftrittstag selbst fahre ich mit meiner Band „Rotzfrech“ meist schon um acht Uhr morgens los. Nach der Ankunft besprechen wir den Ablauf und bauen mehrere Stunden unsere Bühnen auf. Bei Hochzeiten sind das bis zu vier Stück, weil wir neben der Hauptbühne auch ein eigenes Set-up für Sektempfang, Brautstehlen und die Trauung selbst brauchen. Bis wir nach der Feier alles zusammengepackt haben und wieder zurückfahren können, ist es meist schon drei Uhr morgens. Hinter den Auftritten stecken aber auch noch viele Stunden an Vorbereitung und Proben. Ich nehme Gesangsunterricht, um meine Technik beim Singen zu verbessern und übe mehrmals die Woche. Wir überarbeiten auch regelmäßig unser Programm und studieren spezielle Songwünsche unserer Kunden ein. Ein Brautpaar hat sich beispielsweise den Rausschmeißer-Song der Disko gewünscht, in der sie sich kennengelernt haben. Der war dann auch der Rausschmeißer ihrer eigenen Hochzeit. Ich kannte das Lied davor zwar nicht, aber die Idee fand ich super. Wir kümmern uns auch selbst um die Technik und müssen kontrollieren, welches Equipment wir brauchen und ob alles funktioniert. Ich pflege außerdem unsere Social-Media-Profile. Dazu kommt noch organisatorische Arbeit wie die Terminplanung oder Vorgespräche mit den Brautpaaren.

Welche Eigenschaften man als Partysängerin braucht

Es ist sehr wichtig, dass man kritikfähig ist und an sich arbeiten kann. Wenn mal was nicht perfekt läuft und man Vorschläge oder Kritik bekommt, darf man das nicht als persönlichen Angriff verstehen. Ich musste das am Anfang lernen, dass Kritik nicht automatisch meine Fähigkeiten als Sängerin infrage stellt. Auch Spontaneität und Stressresistenz sind sehr wichtig, da bei solchen Auftritten nicht immer alles nach Plan läuft. Zum Beispiel hatte eine Wirtin mal vergessen, die Tische rechtzeitig herzurichten, während die Hochzeitsgesellschaft schon ankam. Wir mussten dann spontan draußen für Unterhaltung sorgen, bis drinnen die Tische fertig gedeckt waren.

Das Gehalt einer Partysängerin 

Mein Einkommen durch die Band variiert je nach Jahreszeit stark. Meine Band hat sich auf Tanz- und Partymusik spezialisiert und spielt sehr oft auf Hochzeiten, die finden hauptsächlich von Mai bis August statt. Das ist dann unsere Hochsaison und wir sind mehrere Wochenenden in Folge gebucht. Dafür treten wir von Oktober bis Januar fast gar nicht auf. Ab Februar spielen wir dann wieder auf Faschingsbällen und eigentlich hätten wir jetzt im Frühling auch unsere ersten Auftritte auf Volksfesten gehabt.

Für einen Auftritt bekomme ich zwischen 50 und 450 Euro brutto, über das Jahr gerechnet ist das mit einem 450-Euro-Job zu vergleichen. Durch die Corona-Pandemie sind im vergangenen Jahr natürlich fast alle Auftritte ausgefallen, aber besonders Hochzeiten wurden einfach auf einen späteren Termin verschoben. Im Sommer haben wir auch noch einige Auftritte geplant. Das wird sich dann kurzfristig zeigen, ob die stattfinden dürfen.

Das macht den Job besonders

Das Spannende an der Arbeit ist, dass man bei jedem Auftritt eine andere kleine Welt betritt, weil natürlich auch die Feiergesellschaften unterschiedlich sind. Durch die Musik möchte ich auch immer eine kleine Blase schaffen, in der sich die Leute fallen lassen können. Bei manchen Gesellschaften ist das sehr einfach und man hat nach ein paar Liedern schon fast ein freundschaftliches Verhältnis. Bei anderen Partys ist es etwas schwieriger, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. Am Ende sind wir auch abhängig davon, dass die Leute mit uns interagieren und klatschen, lachen, weinen oder tanzen. Mit einem Song bekommen wir aber jede Gesellschaft auf die Tanzfläche: „Narcotic“ von Liquido. Da der Text einfach ist und auch alle die Melodie kennen, weiß jeder sofort, was zu tun ist: Du springst und grölst einfach durch von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Der Weg zur Partysängerin

Das war bei mir eine Verstrickung unfassbar glücklicher Zufälle. Ich habe schon immer gerne gesungen, wurde aber in der Schule nicht als Solistin des Chors genommen. Deswegen habe ich mich stattdessen der Schulband als Sängerin angeschlossen. Sogar als ich dann auf eine andere Schule gewechselt bin, bin ich in der Band meiner alten Schule geblieben. Der Schulband-Leiter kannte den Keyboarder von „Rotzfrech“ und hat so mitbekommen, dass die gerade eine neue Sängerin suchen. Er hat mich dann überredet, zum Vorsingen zu gehen. Ich habe lange überlegt, ob ich mich das traue. Jetzt bin ich seit fast sieben Jahren Teil der Band. Am Anfang hatten wir nur circa zwei Gigs im Jahr, mittlerweile sind es mindestens 30.

Das Privatleben

Wenn nicht gerade Pandemie ist, treten wir im Sommer fast jedes Wochenende auf und dadurch muss ich auch häufig auf Geburtstage, Junggesellinenabschiede oder Ausflüge im Freundeskreis verzichten. Natürlich ist es schade, dass ich bei vielen privaten Events fehle, aber da die Auftritte mit der Band auch eine große Leidenschaft für mich sind, fällt das nicht so stark ins Gewicht. Mit meinem Lehramtsstudium ist der Job mit ein bisschen Vorausplanung aber gut vereinbar.

Realität vs. Vorstellung

Viele Leute denken, wir fahren auf eine Hochzeit, bauen eine halbe Stunde unser Zeug auf, spielen ein bisschen und schlagen uns dann die Mägen mit dem Hochzeitsmenü voll. Natürlich steckt da aber sehr viel Arbeit dahinter. Die Musik ist ein wichtiger Teil jeder Party und wir als Band tragen dann auch eine gewisse Verantwortung, dass die Gäste eine gute Zeit haben. Abgesehen von der ganzen Vorarbeit für einen Auftritt ist aber auch der Auftrittstag an sich viel Arbeit für uns. Wir sind bis zu 20 Stunden unterwegs, bauen unsere Bühne selbst auf und müssen dann auf den Punkt abliefern. Als Sängerin muss ich auch sehr auf meine Stimme achten. Kalte Getränke und Kohlensäure sind an dem Tag tabu für mich, da das den Stimmbändern schadet und ich mir Heiserkeit bei einem Auftritt nicht erlauben kann. Ich trinke dann nur lauwarmes Wasser und manchmal auch ein lauwarmes Radler, wofür ich oft ausgelacht werde.

Obwohl die Auftritte für uns sehr anstrengend sind, erleben wir auch wirklich witzige Dinge auf den Partys: Als wir nach einer Hochzeit früh am Morgen unser Equipment abgebaut haben, kam auf einmal ein Gast von der Toilette und hat sich gewundert, wo die anderen Gäste sind - die Party war da schon seit fast zwei Stunden vorbei. Er war auf der Toilette eingeschlafen und wurde vergessen.

Welche Frage man als Partysängerin auf Partys oft hört

Wenn ich von der Band erzähle, werde ich oft aufgefordert, mal was vorzusingen. Wenn das gerade eine ausgelassene Runde ist und vielleicht gerade noch jemand eine Gitarre dabei hat, mache ich das auch gerne. Mein Standardnummer ist dann immer „What’s up“ von 4 Non Blondes, weil der Song mich schon ewig begleitet und wir ihn auch tatsächlich bei jedem Auftritt spielen. In manchen Momenten habe ich aber auch keine Lust, etwas vorzusingen und lehne dann ab. Hin und wieder kommt es vor, dass Leute trotzdem nicht lockerlassen – das finde ich dann schon unangenehm.

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