3 360 Euro brutto für die U-Bahnwache

Nicole, 37, erzählt, warum sie bei der Arbeit eine scharfe Waffe trägt und ob sie als Frau in diesem Beruf ernst genommen wird.
Protokoll von Raphael Weiss
jobkolumne ubahnwache cover

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Warum bist du eine U-Bahnwache geworden?

Mein Traum war früher immer, zur Berufsfeuerwehr zu gehen. Das war meiner Mutter aber zu gefährlich und sie hat mich nicht gelassen. Ich habe dann eine Ausbildung zur Landwirtin gemacht, konnte den Beruf aber eine Zeit lang nicht ausüben und habe dann eine Anzeige in der Zeitung gesehen, für die Ausbildung zur U-Bahnwache. Bis dahin wusste ich noch nicht mal, dass München eine U-Bahn hat. Ich bin ein ziemliches Landei. In der Beschreibung stand, dass man viel mit Menschen zu tun hat und Menschen helfen kann. Das war es, was mich vor mittlerweile fünf Jahren überzeugt hatte und ich bin bis heute froh, dass ich die Ausbildung begonnen habe.

Wie läuft die Ausbildung zur U-Bahnwache ab?

Grundvoraussetzungen für die Ausbildung ist mindestens ein Hauptschulabschluss, Führerschein Klasse B, Deutschkenntnisse in Wort und Schrift, ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung, wenn man unter 25 Jahre alt ist. Die Ausbildung dauert viereinhalb Monate. Man bekommt die Ausbildung zur Sicherheitsfachkraft, hat Psychologie-Kurse, Rechtskunde, macht den gelben Gürtel in Jiu Jitsu und einen Waffenschein. 

Wie sieht der typische Arbeitstag aus?

Unser Einsatzgebiet sind die U-Bahnen selbst und die Bahnhöfe. Am Anfang jeder Schicht wird einem ein Gebiet und Aufgaben zugeteilt: Präsenz zeigen an U-Bahnhöfen mit Baustellen, Toiletten kontrollieren, mit der Bahn fahren, nachts die U-Bahnhöfe abschließen und vorher schauen, ob niemand ins Gleis gefallen ist. Bei jeder Schicht sind im ganzen U-Bahn-Netz mehrere Streifen á zwei Personen unterwegs. Was dann tatsächlich während der Schicht passiert, kann niemand genau vorhersagen. Manchmal passiert ganz wenig, dann zeigen wir Fahrgästen den Weg, geben Auskunft über die Linien und Bauarbeiten und kontrollieren Personen, die sich in unseren Augen auffällig verhalten. Am meisten freut es mich, wenn wir Haustiere oder Kinder, die sich verlaufen haben, wieder zurück zu ihren Besitzern oder Eltern bringen. Wenn man abends am Wochenende arbeitet, ist es eigentlich vorprogrammiert, dass  man auch mal körperlich eingreifen muss, also Streithähne voneinander trennen, überwältigen und mit Handschellen fixieren muss, bis die Polizei kommt. 

Was war dein gefährlichster Einsatz? 

Es ging eigentlich ganz harmlos los, wie meistens in den brenzligen Situationen. Ich habe mit meinem Kollegen einen Mann nach dem Fahrschein gefragt. Der Mann stand vollkommen unter Drogen. Der ist sehr schnell sehr aggressiv geworden. Plötzlich ist er aufgesprungen, wollte weglaufen und als ich ihn festgehalten habe, hat er mir versucht, ins Gesicht zu schlagen. Er hat sich dann losgerissen und ist weggelaufen. Mein Kollege hinterher und ich auch, weil ich ihn in so einer Situation nicht alleine lassen kann. Wir haben den Mann dann wieder eingefangen, aber er ließ sich nicht bändigen und irgendwie hat er im Gemenge mein Pfefferspray in die Hand bekommen. Zum Glück hat er es nicht geschafft, es zu benutzen, und uns „außer Gefecht“ zu setzen. wir mussten ihn zu dritt fixieren und haben es nicht geschafft, die Handschellen anzubringen. Drogen können wahnsinnige Kräfte in Menschen freisetzen. Die spüren einfach nichts mehr. 

Tragen U-Bahnwachen scharfe Waffen?

In München: Ja. Kaliber 38. Wir tragen die Waffen, weil wir auch häufig Einsätze gemeinsam mit der Polizei haben und wir dann von der Ausrüstung gleich aufgestellt sein müssen. Die Waffen sind ausschließlich für Notwehr- und Nothilfesituationen da, in denen es verhältnismäßig ist. Ich persönlich habe noch nie meine Waffe im Ernstfall benutzt und auch die meisten Kollegen nicht. Einen Schusswaffeneinsatz gegen Menschen gab es bei uns zum Glück noch nie. Auf Hunde mussten Kollegen aber bereits schießen.

Hat man als weibliche U-Bahnwache mit Vorurteilen zu kämpfen?

Am Anfang schon. Die ersten Monate haben mir die Kollegen nicht wirklich vertraut. Ich verstehe das auch. Man muss sich auf seinen Partner zu 100 Prozent verlassen können, vertraut ihm auch sein gesundheitliches Wohl an. Viele dachten wohl, dass ich, wenn es gefährlich wird, mich umdrehe und weglaufe. Nach ein paar Monaten wussten aber alle Bescheid, dass sie sich auf mich verlassen können. Dass ich nicht zurückschrecke und zur Not auch zupacken kann. Der Beruf generell ist eine ziemliche Männerdomäne. Ich bin aktuell eine von zehn weiblichen U-Bahnwachen, von circa 130 insgesamt.

Wie hat sich die Arbeit während der Corona-Krise verändert?

Sie ist schwieriger geworden. Die Einsätze wegen Auseinandersetzungen und Pöbeleien sind deutlich häufiger. Es gibt neue Hot-Spots wo Jugendliche feiern, da müssen an den U-Bahnhöfen Streifen sein, weil es, wie zum Beispiel am Gärtnerplatz, oft Reibereien gibt, wenn die Menschen nach Hause gehen. Und natürlich müssen wir kontrollieren, ob die Menschen Masken aufhaben. Meistens haben die Leute ohne Maske einfach vergessen, eine aufzusetzen. Die sagen dann „Ach stimmt. Danke, Entschuldigung“ und damit ist die Sache erledigt. Aber natürlich gibt es die Menschen, die sich weigern. Die haben meistens eine sehr extreme Meinung und lassen sich davon auch nicht mehr abbringen. Da müssen wir sie bitten, dass sie ihren Weg an der Oberfläche fortsetzen. Falls sie sich dann weiterhin weigern, ist das Hausfriedensbruch.

Was verdient man als U-Bahnwache?

Ich verdiene monatlich 3 360 Euro brutto. Das kann sich aber noch erhöhen durch Überstunden, Wochenend- Nacht- oder Feiertagszuschläge.

Was wirst du am häufigsten auf Partys gefragt?

Eine Frage, die ich auch auf Partys aber vor allen Dingen von meiner Oma immer gehört habe, war, ob ich Angst habe, wenn ich arbeiten gehe. Aber wer Angst hat, ist in diesem Job absolut fehl am Platz. Mir ist bewusst, dass es gefährlich werden kann, aber Angst habe ich nicht.

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