„Pflege ist mehr als ein Assistenzberuf“

In Bremen kann man Pflege studieren. Was das für den Job bedeutet und wie wir den Pflegenotstand bekämpfen können, erklärt die Professorin Henrikje Stanze.
Interview von Nadja Schlüter

Henrikje Stanze hofft, dass die Studierenden Ideen und kreative Ansätze  aus ihren Auslandssemestern mitbringen, die sich dann auch in der Pflege in Deutschland umsetzen lassen – damit die Situation für Pflegekräfte und Patient*innen besser wird.

Foto: Katrin Kutter

Die Corona-Pandemie hat es nochmal sehr deutlich gemacht: Pflege ist ein harter und wichtiger Job, der schlecht bezahlt wird. Henrikje Stanze kämpft dafür, dass er aufgewertet und wertgeschätzt wird: Die 38-Jährige ist frisch berufene Professorin an der Hochschule Bremen. Dort gibt es seit dem Wintersemester 2019/2020 Deutschlands ersten international anerkannten Vollzeit-Pflegestudiengang. Im internationalen Vergleich ist Deutschland spät dran damit, Pflege zu einem akademischen Beruf zu machen. 17 Studierende sind aktuell in Bremen immatrikuliert, Platz gibt es für 60. Wenn alles gut läuft, schließen sie nach acht Semestern mit dem „Bachelor of Science“ ab, der zur Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege qualifiziert. Das Studium umfasst Theorie- und Praxisphasen und ein verpflichtendes Auslandssemester. Die dreijährige Ausbildung zur examinierten Pflegekraft wird es weiterhin geben. 

Henrikje hat selbst eine Ausbildung zur Pflegekraft gemacht, bevor sie ein Studium angeschlossen und promoviert hat. Im Interview erklärt sie, warum es ihrer Meinung nach so wichtig ist, dass man Pflege studieren kann, wie sich die Hierarchien in den Krankenhäusern durch die neuen Absolvent*innen verändern könnten, was in anderen Ländern besser läuft als hier – und woran man sehen kann, was in Deutschland priorisiert wird (Spoiler: Fußball).

jetzt: Pfleger*innen in Deutschland kämpfen schon lange für eine Akademisierung, also dafür, dass man den Beruf nicht nur in einer Ausbildung erlernen, sondern auch studieren kann. Warum ist euch das so wichtig?

Henrikje Stanze: Es ist etwas komplexer, das zu erklären, da muss ich in die Geschichte gehen. 

Dann los!

Als erstes hat sich die Pflege in den USA emanzipiert. Während des Zweiten Weltkriegs kamen die Mediziner*innen dort mit der Versorgung der Verletzten nicht hinterher und gaben darum Tätigkeiten an Pfleger*innen ab. Als sich nach dem Krieg wieder die alte Hierarchie einstellte – Pflege als Assistenzberuf der Ärzt*innen – haben die Pfleger*innen klargestellt: „Unser Job ist eigenständig und hat eigene Aufgabenbereiche!“. In den USA ist Pflege darum schon lange ein akademischer Beruf.

Und wann ist die Bewegung in Deutschland aufgekommen?

Erst in den Achtzigerjahren. Ärzt*innen haben damals oft Aufgaben auf die Pflegekräfte übertragen, zum Beispiel Blut abnehmen, die wurden dafür aber nicht bezahlt. Darum sind sie in die sogenannten „Spritzenstreiks“ getreten. Dadurch kam auch hier die Diskussion in Gang: Pflege ist mehr als ein Assistenzberuf, nämlich ein eigenständiger Berufsstand mit eigenen Kompetenzbereichen – und sie braucht eine eigene Wissenschaft und eine Akademisierung. 

Kannst du diese Kompetenzbereiche der Pflege genauer beschreiben? 

Erstmal natürlich die Körperhygiene, die ist sehr wichtig für einen gesundenden Menschen und für das Wohlbefinden. Dann prophylaktische Tätigkeiten, damit Patient*innen zum Beispiel keine Lungenentzündung oder kein Druckgeschwür vom Liegen bekommen. Therapeutisches Arbeiten: Ein Schlaganfall muss medizinisch behandelt werden, damit sich das Blutgerinnsel im Gehirn auflöst – aber wenn der Patient oder die Patientin eine halbseitigen Lähmung hat, kommt die Pflege zum Zug. Sie kann zum Beispiel bei der Körperpflege oder Ganzkörperwaschung basal stimulieren und Wahrnehmungen fördern, also durch therapeutische Konzepte aktivieren und kommunizieren. Pflegekräfte können auch Diagnosen stellen, die über den Fachbereich des behandelnden Arztes oder der Ärztin hinausgehen – niemand sieht die Patient*innen ja so lange und kennt sie so gut wie die Pflegenden. Oder auch einfach: Verbandswechsel. Das lernen Mediziner*innen ja gar nicht im Studium. Das Problem ist: Weil die Pflege ein Assistenzberuf ist, müssen die Ärzt*innen fast alles erstmal abnicken.

„Ich darf einem Patienten ohne ärztliche Anweisung nicht mal eine Ibuprofen geben“

Auch den Verbandswechsel?

Ja, auch der muss vom Arzt oder der Ärztin angeordnet werden. Ich darf einem Patienten ohne ärztliche Anweisung nicht mal eine Ibuprofen geben, obwohl ich genau weiß, dass er keine Nierenprobleme hat, das Medikament verträgt und ich in der Ausbildung Medikamentenkunde hatte – und obwohl sich jede*r Ibuprofen selbst in der Apotheke kaufen kann. 

Werden die studierten Pflegekräfte in Zukunft unabhängiger von den Mediziner*innen sein?

Das ist zumindest das Ziel. 

Dann würde sich aber in der Hierarchie der Krankenhäuser ziemlich viel ändern. Glaubst du, dass Mediziner*innen immer so einfach Kompetenzen an die studierten Pfleger*innen abgeben werden? 

Natürlich nicht. Wobei ich merke, dass es aktuell schon einen Generationenwechsel gibt, sowohl bei den Pflegekräften, als auch bei den Mediziner*innen. Gerade bei der Grundversorgung fragt eine Ärztin auch mal eine Pflegerin, wie sie die Patientin beurteilt. Es kommt aber auch auf die Station an: Auf der chirurgischen wird sich das sicher schleppender durchsetzen als auf der internistischen oder auf den Intensivstationen.

Wie ist es mit der anderen Richtung: Könnte es nicht Probleme geben, wenn die ausgebildeten Pflegekräfte auf einmal studierten unterstellt sind?

Ich würde mir wünschen, dass nicht die Hierarchieebenen, sondern die Verantwortungsbereiche andere sind. Die studierten Pfleger*innen könnten auf den Stationen zum Beispiel Teamleader-Funktionen übernehmen und ein Sprachrohr für die anderen Pflegekräfte sein. Und sie könnten, im kollegialen Austausch, die Entscheidungen treffen. Wer Pflege studiert, will mehr Verantwortung übernehmen. Das heißt nicht, dass Pfleger*innen mit Ausbildung das nie wollen – aber unter ihnen gibt es viele, die ihren Beruf lieben, und es trotzdem besser finden, wenn ihnen die konkreten Entscheidungen abgenommen werden. Und das ist ja auch völlig in Ordnung so.

Bei neuen Studiengängen fürchten Kritiker*innen oft eine „Über-Akademisierung“: dass zu viele Menschen studieren und die Ausbildung dadurch abgewertet wird. Oder, dass anschließend viele nicht praktisch arbeiten wollen und, im Fall der Pflege, dann bei den Patient*innen fehlen. Wie siehst du das?

Ich glaube, die Gefahr besteht bei der Pflege nicht. Bei dem neuen Studium geht es ja ganz klar um die Aufwertung des praktischen Berufs. Der Studiengang hat sehr viele praktische Anteile, deswegen ist er ja auch an einer Hochschule und nicht an der Uni angesiedelt.

„Mein Wunsch ist, dass der Pflegenotstand zum Wahlkampfthema wird“

Glaubst du, dass durch das Studium auch der Pflegenotstand in Deutschland behoben werden kann? Weil der Job dadurch attraktiver wird?

Dieses Thema muss vor allem politisch angegangen werden. Während der Corona-Pandemie sehen wir doch wieder, was die Prioritäten sind: Vor ein paar Wochen wurde noch auf den Balkonen für das Krankenhauspersonal geklatscht – und jetzt werden Fußballspieler häufiger getestet als Pflegekräfte. Da läuft doch was schief! Mein Wunsch ist, dass der Pflegenotstand zum Wahlkampfthema wird.

Trotzdem: Wird der Pflegejob durch das Studium attraktiver? Werden studierte Pflegekräfte zum Beispiel mehr Gehalt bekommen? 

Der Studienabschluss ermöglicht zumindest, dass man im Tarifsystem direkt auf einer höheren Stufe einsteigt. 

In Deutschland gibt es aber bisher keinen bundesweiten Tarifvertrag für die Pflege.

In der Altenpflege gibt es die einheitlichen Tarifverträge nicht, in der Gesundheits- und Krankenpflege schon. Es gibt aber momentan Bestrebungen, auch bei den Krankenkassen, für Tariflösungen in der Altenpflege. Das Umdenken muss wie gesagt auf politischer Ebene stattfinden. Und auf gesellschaftlicher. Uns allen muss klar sein, dass eine gute Versorgung Geld kostet. Wir alle müssen verlangen, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden. Und weil wir in einem Sozialstaat leben, müssen wir alle unseren Beitrag dazu leisten.

Aktuell wird vor allem versucht, den Notstand mit Pflegekräfte aus dem Ausland zu beheben. 

Das kann nicht die Lösung sein, denn in anderen Ländern gibt es doch genauso einen Pflegenotstand – und außerdem brauchen wir nicht nur mehr Pflegekräfte.

Sondern?

Auch mehr und andere Hilfsmittel, die die Arbeit erleichtern, damit die Mitarbeiter*innen gesund bleiben. Da profitieren wir natürlich von ausländischen Pflegekräften, die neue Ideen mitbringen. Genauso sehe ich die Chance, dass unsere studierenden Pflegekräfte aus ihren Auslandssemestern neues Wissen mitbringen und dann in ihren Jobs als Teamleader*innen sagen können: „Ich führe das hier auf der Station ein.“

Kannst du ein paar Beispiele nennen?

Ich habe mal eine Zeit lang in Australien gearbeitet und in dem Krankenhaus dort gab es  „Lifter“, das sind Kräne, mit denen man Patient*innen mobilisieren kann, sie also zum Beispiel umbetten oder ihnen beim Hinsetzen oder Aufstehen helfen kann. Hier in Deutschland müssen Pfleger*innen das teilweise alleine machen! Natürlich lernen wir die Techniken dafür – aber das hilft nicht viel, wenn mir jemand wegrutscht, ich hinterher greife und dabei eine Bandscheibenvorfall habe. In Australien gibt es auch „slide sheets“, also Rutsch-Decken für die Patient*innen. Damit kann man selbst übergewichtige Patient*innen gefühlt mit zwei Fingern von einem Bett ins andere schieben, während wir sie in Deutschland manchmal rüberheben müssen. Sogar Rollstühle im Krankenhaus zu bekommen ist hier fast unmöglich! 

Apropos Ausland: Mit dem neuen Abschluss wird man auch außerhalb Deutschlands arbeiten können, oder?

Ja, und wir werden aufpassen müssen, dass unsere studierten Pflegekräfte uns nicht abgeworben werden. Auch darum müssen wir den Beruf in Deutschland attraktiver machen. Dass unser Studiengang international angelegt ist, bedeutet aber auch, dass ausländische Studierende ihn gut absolvieren können. Im Moment haben wir zum Beispiel Studierende aus Kamerun. Darin sehe ich eine große Chance: Wenn sie hier ausgebildet werden, lernen sie direkt die Sprache und kultursensibles Pflegen, was in einem multikulturellen Land wie unserem sehr wichtig ist. Und wenn sie danach hier bleiben und arbeiten, wäre das doch perfekt!

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