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Foto: Stella Männer

Tim Hartmann will raus. Raus aus seinem Heimatdorf Mittelrode, rein ins Abenteuer Großstadt. Im Januar 2015 zieht er von Niedersachsen nach Hamburg. In der Medienstadt will er als Web-Designer Karriere machen. Das Landei in der Hansestadt – das klingt witzig, das klingt aufregend. Tim nimmt sich vor, über sein neues Leben zu bloggen. Drei Jahre später wird er knapp 21.000 Follower haben, er wird sich verlieben und einen eigenen Online-Shop betreiben. Doch seine Posts werden ihn an dem Flüsschen Seseke, nicht an der Alster zeigen. Er wird über Feuerwehrfeste schreiben statt über Hipstercafés, Erdbeeren essen statt Chiabowls. Tims Geschichte beginnt, als sein Traum von Hamburg endet.

Sein Scheitern hatte sich angekündigt. Schon während seiner Umzugsvorbereitungen hatte Tim bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Keine Vorfreude, keine Aufregung, nichts. Zur Sicherheit hatte er sich erstmal für ein möbliertes Zimmer entschieden. Statt mit vollbepacktem Umzugswagen reiste er lieber mit Koffer nach Hamburg. Sollte er wirklich Freunde und Familie aufgeben, nur für den beruflichen Erfolg?

In der Mittagspause seines dritten Arbeitstages gibt Tim auf. Er ruft seine Schwester an und sagt „Ich mach’ das hier nicht weiter, ich will das nicht“ –„Willst du dem Ganzen nicht noch eine Chance geben?“, fragt sie. Am Ende des Telefonats hat Tim seine Entscheidung getroffen: Er will zurück nach Mittelrode. Nach der Pause geht er zu seinem Chef und bittet um einen Aufhebungsvertrag.

Für die meisten zählt nur eins: rauskommen, in die hippe Großstadt ziehen

Zurück im Elternhaus hat Tim viel Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Soll er studieren, sich selbstständig machen, wieder einen Job in Pendelweite suchen? Als er eines Nachmittags an seinem Schreibtisch sitzt und den Schafen auf der Weide vor dem Fenster zuguckt, merkt er, wie viel ihm diese Landidylle gibt. Er merkt, wie sehr er es liebt, ein Dorfkind zu sein. Schade nur, dass ihn so wenig junge Leute verstehen. Für die meisten zählt nur eins: rauskommen, in die hippe Großstadt ziehen. Vielleicht müsste jemand das Dorf von seinen negativen Klischees befreien? An diesem Nachmittag entscheidet sich Tim, dieser jemand zu werden. Er gründet seinen Blog DorfstattStadt. Er möchte der Welt zeigen, warum er nach Mittelrode zurückgegangen ist.

In den nächsten Wochen erlebt er immer wieder Momente, in denen ihm auffällt, was er am Dorfleben schätzt: das Gespräch mit dem Nachbarn, der ihn kennt, seitdem er laufen kann, die Freiwillige Feuerwehr, in der er Mitglied ist, seit er neun Jahre alt ist. Die Tatsache, dass er mit jedem Stein im Dorf eine Geschichte verbindet. In diesen Momenten nimmt er sein Handy aus der Hosentasche, notiert sich seine Gedanken oder macht ein Foto. Er lädt sie auf Facebook und seinen Blog hoch, einige Monate später auch auf Instagram. An manchen Tagen kann er seine Dorfkind-Momente in einem Satz auf den Punkt bringen. Für diese Momente erstellt er eine eigene Rubrik: Sprüche, die mit „Leben auf dem Dorf ist...“ beginnen. „Leben auf dem Dorf ist: Du kennst Wege, die nicht mal Google Maps kennt“. „Leben auf dem Dorf ist: Dein Freibad heißt Bach und kostet keinen Eintritt“.

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Mittlerweile wohnt Tim in Heeren - denn Dorf bleibt Dorf, oder?

Foto: Stella Männer

Dann passiert, womit Tim nicht gerechnet hat. Er gewinnt Fans. Als er im Juli 2015 500 Follower hat, ist er so begeistert, dass er seine Freunde zu einem Grillfest einlädt. Für den Abend hat er extra T-Shirts anfertigen lassen. „DorfstattStadt“ steht auf ihnen. Der Name von Tims Blog wird zum Motto der Party. Ein paar Tage später ergänzt er seinen Blog um einen Youtube-Kanal. Das erste Video ist ein Zusammenschnitt der Party. Spätestens jetzt kann jeder Follower Tims Dorfstolz sehen.

Täglich folgen ihm mehr Leute, die auch stolz darauf sein wollen, ein Dorfkind zu sein. Als er die Facebook-Nachfragen nach seinem T-Shirt nicht mehr beantworten kann, gibt er eine Großbestellung in Auftrag und eröffnet einen Online-Shop. Auf einmal bekommt er Mails von fremden Menschen, die ihm Fotos von sich in seinem T-Shirt oder Sprüche für seine „Leben auf dem Dorf ist...“-Rubrik schicken. Eine von ihnen ist Jana.

 

„Mein Name ist Jana, ich bin 21 Jahre alt und lebe seit diesen 21 Jahren in demselben Dorf“

Als Jana im Oktober 2016 ihr Studium in Münster schmeißt, möchte sie eigentlich nur allein sein. Doch in ihrem Heimatdorf Heeren in Nordrhein-Westfalen ist das unmöglich. Ständig trifft sie auf der Straße Leute, die sie fragen, wie es ihr gehe. Das ist es doch auch, was das Dorfleben besonders macht, denkt sie und schreibt auf Facebook eine Nachricht an DorfstattStadt . „Mein Name ist Jana, ich bin 21 Jahre alt und lebe seit diesen 21 Jahren in demselben Dorf. Ich bin mit Leib und Seele Dorfkind“, schreibt sie.

Die Beiden kommen ins Gespräch. Sie schreiben über Janas abgebrochenes Studium und über ihren Wunsch, ein Leben lang in Heeren wohnen zu bleiben. Tim erinnert Janas Geschichte an sein Scheitern in Hamburg. Etwas verbindet sie. Im Dezember 2016 fährt er die 180 Kilometer, die ihn von Jana trennen. Auf dem Weihnachtsmarkt haben sie sich zu einem Glühwein verabredet. Ein paar Wochen später zeigen sie sich gegenseitig ihre Dörfer. Als Jana Mittelrode besucht, kommt es zum ersten Kuss. Von da an fährt Tim die Strecke regelmäßig. Auf Instagram schreibt er: “Leben auf dem Dorf ist: Was zwei Dorfkinder verbindet, kann nicht mal die schlechte Infrastruktur trennen“.

Ein Jahr später, ein neues Bild auf Instagram: Jana und Tim im DorfstattStadt- T-Shirt, er küsst ihre Schläfe. In der Bildunterschrift steht: „Ich ziehe von zu Hause aus und gehe, der Liebe wegen, nach Heeren. Es bleibt weiterhin ländlich. Weiterhin Dorf“. Diesmal soll alles anders werden. Diesmal reist Tim nicht mit Koffer an, diesmal kommt er mit seinem Vater und verlegt in der neuen Wohnung Laminat. In Münster, nicht weit von Heeren, hat er einen neuen Job als Web-Designer gefunden. Beim Landwirtschaftsverlag waren sie so begeistert von seinem Blog, dass sie ihn direkt eingestellt haben. Auf seinem Blog veröffentlicht Tim einen Artikel: „So kommst du als Zugezogener im Dorf an: Gehe zu Dorfveranstaltungen, trete einem Verein bei, lade zu einem Umtrunk ein, unterhalte dich mit den Leuten, zeige dich erkenntlich – die Geste zählt“.

Trotz der Vorbereitung, trotz Jana und der Tatsache, dass Heeren ein Dorf ist, fällt Tim der Neuanfang schwer. Wenn er mit Jana an der Seseke, dem Dorfbach, entlang spaziert, ist sie es, die Anekdoten erzählen kann. Als Kind ist sie einmal mit ihren Gummistiefeln im Matsch des Bachbetts stecken geblieben. Drei Leute brauchte es, um sie wieder raus zu ziehen. Ein halbes Jahr nach seinem Umzug steht der Eintritt in die Freiwillige Feuerwehr Heeren-Werve immer noch auf Tims To-Do-Liste. Er vermisst seine alten Freunde. Was, wenn sich sein Dorfgefühl nicht umziehen lässt?

Doch DorfstattStadt hilft Tim, dass Heeren kein zweites Hamburg wird. Um seinen Blog und seinen Instagram-Account weiter am Leben zu halten, muss er in seiner neuen Heimat nach Landgeschichten suchen. Für neue Blog-Posts lernt er den örtlichen Erdbeerbauern kennen und besucht den Stricktreff im Wollladen. Für neue Instagramfotos fragt er in Janas Freundeskreis nach Unterstützung. Langsam lernt Tim die Heerener kennen und findet Freunde. Er merkt, dass sein Ankommen vor allem davon abhängt, wie er es gestaltet. Eine Erkenntnis, die ihm Kraft gibt.

Im Oktober lernt er über einen Arbeitskollegen Max kennen. Obwohl Max kein Dorfkind ist, sondern Finanzberater in einer Kleinstadt, verstehen sich die beiden auf Anhieb. Sie teilen ihre Leidenschaft viel Zeit in berufliche Projekte zu stecken. Am 21.November schreibt Tim auf Instagram: „Nach 25 Jahren Landleben folgt auf die Silberhochzeit ein Podcast“. DorfstattStadt gibt es nun auch als wöchentlichen Podcast.

Der Umzug nach Heeren hat Tim verändert - und er hat ihn auf neue Ideen gebracht. Statt Blog-Posts und Online-Shop will er sich jetzt auf Instagram und den Podcast konzentrieren. Auch beruflich wagt Tim einen neuen Schritt. Nächstes Jahr will er sich als Web-Designer selbstständig machen. Den Wunsch dazu hatte er schon damals in Mittelrode, doch ein unsicheres Einkommen machte ihm bisher Angst. „Durch all die Herausforderungen im letzten Jahr, habe ich gemerkt, wie viel ich kann“, erzählt er. „Jetzt vertraue ich, dass mein Lebenstraum klappt“.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin Pronx - Bock auf Provinz, dem 45. Klartext-Magazin der Deutschen Journalistenschule

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