Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

„Dieser Mix aus billigen Süßigkeiten ist respektlos“

Screenshot: Twitter @HeartlessCrone

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

In der Corona-Krise hat sich weltweit viel verändert, auch, was Jobs betrifft: Denn während viele plötzlich weniger oder gar keine Arbeit mehr haben, haben andere durch die Krise eine deutlich höhere Belastung im Job. „Systemkritisch“ – so nennt man die betroffenen Berufe inzwischen, die auch in Zeiten der Pandemie unverzichtbar sind. Darunter: Polizist*innen und Reinigungskräfte, Mediziner*innen und Pflegekräfte sowie Menschen, die im Einzelhandel, bei der Müllabfuhr oder bei der Post arbeiten. Seit Monaten gibt es daher in vielen Ländern Forderungen, diese Jobs grundsätzlich besser zu bezahlen oder die Menschen zumindest finanziell für das Risiko der Ansteckung mit dem Coronavirus zu entschädigen.

Was viele Arbeitende stattdessen bekommen, sieht man nun aber in einem Twitter-Thread. Diesen startete die US-amerikanische Twitter-Nutzerin „Milkvamp“, die sich selbst als Linke und Sozialistin beschreibt. Sie schrieb am vergangenen Sonntag in einem Tweet: „Mein bester Freund arbeitet bei Walmart. Das ist, was er gerade bekommen hat – anstelle von mehr Geld.“ Auf zwei Bildern sieht man dann einige Süßigkeiten und einen Dankeszettel, auf dem das Management des Ladens unterschrieben hat. 

Viele Menschen im Netz empört die magere Ausbeute, mehr als 157 000 Menschen likten den Tweet innerhalb von zwei Tagen. Seither sammeln sich wütende Kommentare darunter. Eine Nutzerin schreibt beispielsweise: „Dieser Mix aus billigen Süßigkeiten ist respektlos. Es ist eher ein Zeichen, das sagt: ‚Dein Leben ist mir egal‘, als ein Zeichen der Wertschätzung.“

Doch manche verteidigen das Vorgehen des Managements auch heftig. Denn auch die Manager*innen einzelner Walmart-Märkte hätten es gerade alles andere als leicht, sie bekämen schlicht keine Unterstützung von den obersten Chef*innen beim Unternehmen. Man solle sie eher dafür loben, dass sie die Süßigkeiten wahrscheinlich selbst bezahlt hätten und sich überhaupt in irgendeiner Form bei ihren Mitarbeiter*innen bedankten.

Viele Beiträge im Thread kommen zudem von Leuten, die Fotos ihrer eigenen „Dankesgeschenke“ teilen. Darunter: Gummiarmbänder mit dem Satz „I am Essential“ darauf, eine Urkunde und noch mehr Süßigkeiten.

Einige bekamen die Geschenke ihrer Arbeitgeber*innen allerdings nicht, weil sie gerade so besonders viel arbeiten. Sondern, weil sie seit der Pandemie nicht mehr arbeiten dürfen – und daher auch nicht bezahlt werden. Ein zerschmolzenes Osterei kann darüber aber wohl nicht einfach so hinwegtrösten.

Was US-Amerikaner*innen in diesem Thread teilen, kennt man so ähnlich auch aus Deutschland: Für Pflegekräfte wurde über Wochen hinweg von Balkonen geklatscht, Mitarbeiter*innen im Supermarkt bekamen hin und wieder Pralinen von Kund*innen geschenkt, bei vielen Arbeitnehmer*innen bedankten sich Menschen für ihren Einsatz. Doch die wenigsten systemkritischen Berufe werden während der Pandemie besser bezahlt. Eine Ausnahme ist hierbei beispielsweise die Einmalzahlung von bis zu 1000 Euro, die Pflegekräfte in Deutschland für ihre Leistung während der Pandemie bekommen haben oder noch bekommen sollen. Viele kritisierten diese Prämie allerdings auch als zu niedrig oder als eine Art Trick der Regierung, um keine längerfristigen Gehaltserhöhungen einführen zu müssen.

Manche ärgern sich nach Wochen der Krise auch über die Gesten der Dankbarkeit. Denn auch, wenn Kuchen, Pizza und Dankesbriefchen sicher gut gemeint sind – gegen Unterbezahlung, Überstunden und Ansteckungsgefahr helfen sie dann ja doch nicht.

lath

  • teilen
  • schließen