„Männliche Erzieher stehen von Tag eins schon unter Generalverdacht“

Wickelverbot und Vorurteile: Womit Till bei seiner Arbeit in Kitas und Horten zu kämpfen hat.
Protokoll von Anna Sophia Merwald

Illustration: Julia Schubert

Till Engel, 27 Jahre alt, ist staatlich anerkannter Erzieher. Er hat in Kitas, Krippen und Horten gearbeitet. Seit diesem Jahr ist er als Schulbegleiter tätig, unterstützt also Kinder mit Schwierigkeiten im Schulalltag. Weil Till ein Mann in einem als „weiblich“ angesehen Beruf ist, ist er immer wieder mit Misstrauen konfrontiert. Auf seinem YouTube-Kanal spricht er auch mit anderen Erziehern über ihre Erfahrungen.

„Ich bin davon überzeugt, dass es Vorurteile gegenüber Männern in Kitas und Horten gibt. Schon der physische Kontakt von männlichen Erziehern mit Kindern wird oft sehr kritisch betrachtet, sowohl von Seiten der Eltern als auch der Erzieherinnen. Dass eine Erzieherin ein Kind am Arm zieht, gehört einfach dazu, wenn Kinder rumschreien oder um sich schlagen. Eine Kollegin wird dafür ausgesprochen selten kritisiert, ein männlicher Kollege kann in Teufels Küche kommen.

Einmal musste ich einen Jungen am Pullover festhalten, um zu verhindern, dass er ein anderes Kind ernsthaft verletzt. Er hatte daraufhin an seinem Hals eine kleine rote Spur. Seine Mutter machte – obwohl die Druckstelle nach Minuten wieder verschwunden war – so einen Aufstand, dass es zu einem Gespräch mit der Schulleitung kam. Dabei ging es nicht um das Benehmen des Jungen, sondern darum, wie ich mich ihm gegenüber verhalten habe. Seine Mutter forderte, mir den Kontakt zu ihrem Kind zu verbieten. Das ist im Arbeitsalltag sehr unrealistisch und die Leitung hat es zum Glück abgelehnt. Ich habe noch keine einzige Kollegin erlebt, die sich jemals für einen physischen Kontakt vor Eltern oder Kollegen rechtfertigen musste. Als Mann wird mir unterstellt, dass ich diesen Beruf gewählt habe, um leicht und schnell Zugang zu Kindern zu bekommen. Männliche Erzieher stehen von Tag eins schon unter Generalverdacht.

Foto: privat

Auch das Küssen und Knuddeln von Kindern ist nicht erlaubt, in der Praxis kommt es jedoch bei Kolleginnen ab und zu vor: Sie nehmen Kinder auf den Schoß oder geben ihnen einen Kuss auf den Kopf. Kein männlicher Erzieher würde das wagen, weil er sonst höchstwahrscheinlich seinen Job verlieren würde.

In manchen Kitas und Krippen gibt es ein Wickelverbot für Männer

Die Leitungen von Betreuungseinrichtungen müssen generell Übergriffe verhindern. Da mit zweierlei Maß zu messen, ist diskriminierend. Während meines FSJ in einem Hort habe ich selbst Kinder noch auf den Schoß genommen, da ich mir das bei meinen Kolleginnen abgeguckt habe. Daraufhin hat mich ein Vater total zur Sau gemacht und seitdem bin ich deutlich vorsichtiger.

In manchen Kitas und Krippen gibt es ein Wickelverbot für Männer. Ich war noch nicht damit konfrontiert, habe mich aber bisher auch nie um das Wickeln gerissen. In unserer Gesellschaft ist der Gedanke verankert, dass von Männern eine höhere Gefahr für sexuelle Übergriffe ausgeht. Um diesem Vorwurf vorzubeugen, kann ich als Mann das Wickeln in vielen Einrichtungen verweigern. Das Wickelverbot will Männer vor dem Vorwurf sexueller Übergriffe zu schützen, diskriminiert sie aber gleichzeitig. Diese Regelungen gibt es nur, weil Männer generell häufiger sexuell übergriffig sind. Diese Annahme ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da Missbrauch durch Frauen bisher kaum erforscht ist, wie der Bundesbeauftragte für sexuellen Kindesmissbrauch sagt.

Die Angst von Eltern vor sexuellen Übergriffen war mir schon bewusst, als ich meine Ausbildung begonnen habe. Es gibt aber andere Probleme, mit denen ich nicht gerechnet habe. Ich habe zum Beispiel den Eindruck, dass meine pädagogischen Standpunkte oder Themenvorschläge weniger ernst genommen werden und ich mich mehr dafür rechtfertigen muss. Im Hort hatte ich eine Kollegin, die eine Spielplatz-AG anbot. Meinen Vorschlag, eine Fußball-AG zu machen, musste ich lange verteidigen und rechtfertigen. Wenn ich aber eine Upcycling-AG anbiete, also kein klassisch „männliches“ Thema, musste ich das bisher nicht erklären. Das finde ich schade. Denn wenn Aktivitäten fehlen, die eher Jungs ansprechen, sollte man sich doch über entsprechende Gegenvorschläge freuen.

Es gibt auch positive Vorurteile gegen Männer

Es gibt auch positive Vorurteile gegenüber Männern, die einem Vorteile verschaffen. An meinem ersten Tag in der Kita in Berlin haben mir viele Mütter gesagt, wie schön sie es fänden, dass ihre Söhne jetzt einen Mann zum Spielen hätten. Sie erwarten, dass Männer einen anderen Kontakt zu Jungs herstellen können als Frauen. In der ersten Woche habe ich mit den Kindern eine Sandburg gebaut. Das fanden die Kolleginnen super. Das ist eines der Vorurteile, die männlichen Erziehern zugute kommen: Wir werden häufig als die gesehen, die mehr zupacken und handwerkeln.

Als ich im Hort angefangen habe, hatte ich zum ersten Mal männliche Kollegen. Es hat sich nicht mehr angefühlt wie ein 'Ich gegen alle' wie in der Kita oder Krippe. In einem meiner früheren Horte war die Verteilung von Männern und Frauen gleich, da gab es ein viel größeres Bewusstsein für den Umgang miteinander. Das wünsche ich mir für alle Horte.

Mein Eindruck ist auch, dass in Horten Kolleginnen Männer für wichtiger halten als in Kitas oder Krippen. In Krippen überwiegt die Sorge um Missbrauch: 'Der ist nur hier, um mit den kleinen Mädchen zu spielen'. In der Arbeit mit älteren Kindern gibt es dieses Vorurteil weniger.

Ich kenne auch männliche Erzieher, die wegen der Diskriminierung ihren Beruf aufgegeben haben. Ihre Stimmen wurden im Team nicht gehört, ihre Positionen nicht wirklich wahrgenommen. Ich weiß jetzt, dass der Beruf für Männer ein paar Gefahren birgt, die mir vorher nicht bewusst waren. Trotzdem macht er mir immer noch Spaß.“

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