363 Euro brutto für den Game-Coach

Benjamin, 29, trainiert Leute in einem Ego-Shooter-Spiel – obwohl er eigentlich Polizist ist.
Protokoll von Charlotte Bastam

Foto: privat; Illustration: jetzt

Das Game

Ich coache Menschen im Spiel „Apex Legends“ für den Computer. Das Game gehört zu den sogenannten „Battle Royal“-Spielen, bei denen viele verschiedene Spieler online in einem immer kleiner werdenden Spielfeld gegeneinander um den Sieg kämpfen. Es hat etwas von einem Ego-Shooter, da man Gegner auch umbringt. Das ist aber nicht das alleinige Ziel. Es ist kein reines Ballerspiel, sondern ein taktischer Shooter. Planung, taktisches Vorgehen und Strategie entscheiden über Sieg oder Niederlage. Und genau das will ich meinen Kunden beibringen. Ich biete meinen Unterricht über die Onlinedienstleitungsplattform fiverr an. Menschen aus der ganzen Welt können eine Stunde mit mir buchen. Ich verabrede mich dann mit ihnen zu einer bestimmten Uhrzeit. Ich coache die Spieler „ingame“ über den spieleigenen Beobachtermodus. Hierzu finden wir uns in einem Voice-Chat ein, damit ich gleichzeitig mit den Spielern reden kann. Die Coaching-Session streame ich selbst auf twitch. So können andere Zuschauer ebenfalls am Coaching teilnehmen – gratis quasi.

Zuerst aber kläre ich technische Dinge. Denn oft ist schon der Computer falsch eingestellt. Die Auflösung, die Hertzeinstellung oder die Maus machen schon einen riesen Unterschied. Dann beobachte ich, wie meine Kunden spielen. So sehe ich gleich, welche Fehler sie machen. Anschließend sprechen wir darüber und ich schlage konkret vor, wie es besser geht. Viele denken, die wichtigste Fähigkeit sei, wie man auf andere mit der Waffe zielt. Das stimmt aber nicht. Taktik ist viel entscheidender. Und die kann trainiert werden. Dazu muss man aber erst verstehen, wie man selbst spielt und welche Fehler vermieden werden können. Meistens reicht eine Stunde aus, damit ich meinen Kunden das Notwendigste beibringen kann und sie in die richtige Richtung lenke. Danach fangen sie an, ihr Spiel selbst anders zu analysieren und sich zu verbessern. Ein paar wenige buchen aber auch mehrere Sessions mit mir.

Die Kunden

Klar fragt manchmal ein Informatikstudent an – aber meine Kunden sind bei weitem nicht die verpickelten Jungs, die man sich vielleicht vorstellt. Ganz am Anfang hatte ich vollkommen zufällig vor allem Anwälte. Das fand ich richtig überraschend. Die meisten Kunden sind außerdem immer noch Männer. Viele wollen nicht an Wettbewerben teilnehmen, sondern Dampf ablassen oder einfach so besser werden. Das macht ja auch Spaß. Besonders schön sind die Anfragen von Menschen, die in das Spiel für ihre Liebsten einsteigen wollen. Zum Beispiel sind das oft Väter, die die Leidenschaft ihrer Kinder verstehen und miterleben wollen.

Das Geld

Für eine Stunde berechne ich 25 US-Dollar, ich gebe fast jeden Tag eine. Im Monat kommen dabei gerade ungefähr 400 Dollar, also circa 363 Euro brutto, herum. Davon kann ich natürlich nicht leben. Mein Hauptberuf ist Polizist. Aber es ist ein toller Nebenjob. Gerade die Stunden mit Kunden aus anderen Zeitzonen kann ich sehr gut mit meinem Schichtdienst kombinieren. Wenn ich nur noch Coach wäre, könnte ich wahrscheinlich mehr verdienen als bei der Polizei. Gerade am Anfang hatte ich richtig viele Anfragen und mehrere Sitzungen am Tag. Ich liebe aber meinen Job als Polizist viel zu sehr, um ihn aufzugeben.

Der Weg

Ich habe schon immer gerne mit Computern hantiert. Schon mit vier hat mir mein Vater einen geschenkt. Vor allem Strategiespiele haben mich immer fasziniert. In „Apex Legends“ bin ich so gut geworden, weil ich das Spielen als Sport betrachte: Ich habe viel Zeit darin investiert besser zu werden, gute Reflexe entwickelt und mich und andere Spieler analysiert. Dass ich dann aber zum Coach wurde, war Zufall. Ich habe auf fiverr entdeckt, dass Leute Game-Coaching anbieten. Ich habe mir dann ein Youtube-Video von einem Coach angesehen. Ich fand die Art und Weise, wie er vorgegangen ist, aber nicht besonders effektiv und dachte mir: Das kann ich besser. Schließlich habe ich auch eine Zeit lang auf Lehramt studiert. Dann habe ich mir auf fiverr einen Account angelegt und die erste Stunde zum Test für nur fünf Dollar angeboten. Das hat gleich super geklappt. Seitdem habe ich einfach weitergemacht. Bisher coache ich auch nur „Apex Legends“. Denn mit keinem anderen Spiel habe ich mich bisher so umfangreich befasst.

Die Vorurteile

In Deutschland führen wir eine sehr unaufgeklärte Debatte über Ego-Shooter. Immer wenn es zu tragischen Ereignissen wie Amokläufen kommt, sollen sie daran Schuld haben. Natürlich, wenn jemand bereits gewaltbereit ist, kann das durch solche Spiele tatsächlich noch verschärft werden. Doch Shooter sind nicht der Grund für Gewalt. Für andere Behauptungen gibt es auch keine wissenschaftlichen Belege. Ich glaube vielmehr, dass dadurch andere, viel dringlichere Gründe und Probleme nicht besprochen werden.

Eigentlich sollte die Gaming-Szene in Deutschland viel besser gefördert werden. Denn es ist definitiv ein Sport. Man braucht eine sehr gute Hand-Augen-Koordination, räumliche Wahrnehmung und Ausdauer. Turniere dauern schon einmal fünf bis sechs Stunden. In anderen Ländern ist das anders als in Deutschland: In Asien gibt es bereits riesige Turniere, wo die Teilnehmer mehrere Millionen Dollar gewinnen können. Ich selbst nehme an solchen Wettbewerben aber nicht teil. Denn das ist ein richtiger Beruf, der absolutes Engagement fordert.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Eigentlich spreche ich nicht mit vielen Menschen darüber, denn ich werde dann meistens total schockiert angeschaut. Es ist anscheinend schwer vorstellbar, dass ich sportlich bin, aber gleichzeitig so viel zocke. Dabei sind diese Stereotype über das Aussehen Quatsch. Ich kenne viele Gamer, die oft pumpen gehen, weil das Spielen so schlecht für die Muskulatur und den Rücken ist.

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