Etwa 9000 Euro brutto für die Fluglotsin

Damaris, 26, erzählt, wie stressig ihr Beruf sein kann und warum sie nur zwei Stunden am Stück arbeiten darf.
Protokoll von Nina Büchs

Foto: privat Bearbeitung: jetzt

Der Weg

Obwohl ich schon ab und zu geflogen bin, hatte ich den Beruf Fluglots*in früher nie auf dem Schirm. Dass Menschen nötig sind, um den Luftverkehr zu regeln, kam mir erst später in den Sinn, als sich ein Mitglied aus meinem Orchester als Fluglotse bewarb. Zu Hause habe ich dann recherchiert und war von dem Beruf begeistert. Je nachdem, in welchem Bereich man eingesetzt wird, dauert die Ausbildung zum oder zur Fluglots*in drei bis vier Jahre. Bis ich meinen Ausbildungsplatz an der Akademie der Deutschen Flugsicherung (DFS) annehmen konnte, war es aber ein weiter und schwieriger Weg. Denn von rund 5000 Bewerber*innen bekommen nur etwa 100 einen Ausbildungsplatz.

Um zu den Zulassungstests eingeladen zu werden, müssen die Bewerber*innen einige Grundvoraussetzungen erfüllen. Zum Beispiel darf man zum Zeitpunkt der Bewerbung maximal 24 Jahre alt sein, muss sein Abitur haben und über sehr gute Englischkenntnisse verfügen. Während des Verfahrens werden dann Tests durchgeführt, um bestimmte Grundfertigkeiten, die ein*e Fluglots*in unbedingt mitbringen muss, zu prüfen. Darunter fallen eine hohe Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne, hohe Stressresistenz, Belastbarkeit, Verantwortungsgefühl, Reaktionsgeschwindigkeit und Teamfähigkeit. Außerdem werden die Bewerber*innen zum Fliegerarzt geschickt, um die medizinische Tauglichkeit festzustellen. Zum Beispiel müssen Fluglots*innen ein ausgezeichnetes Seh- und Hörvermögen haben und sich einem Belastungs-EKG unterziehen. Grundsätzlich wird beim Auswahlverfahren mehr Wert auf die Grundfertigkeiten als auf einen hohen Notenschnitt gelegt. Denn aufgrund des hohen Stresslevels muss man als Fluglots*in mit besonders fordernden Situationen entsprechend umgehen können.

Bekommt man dann einen Ausbildungsplatz, findet im ersten Jahr zunächst theoretischer Unterricht und im Laufe der Zeit ein immer höherer Anteil an Simulationsstunden statt. Im theoretischen Teil hatte ich Fächer wie Meteorologie, Navigation und Luftfahrtkunde. Außerdem haben wir gelernt, wie ein Flugzeug überhaupt fliegen kann und welche Flugzeugtypen es gibt. Der praktische Teil der Ausbildung, auch „on the job training“ genannt, folgt nach der Theorie und unterscheidet sich, je nachdem ob man im Tower oder im Center eingesetzt wird.

Der Tower und die Kontrollzentrale

Von den gut 2200 Fluglots*innen arbeiten an den 16 internationalen deutschen Flughäfen etwa 500 im Tower und etwa 1700 in einer der vier Kontrollzentralen. Im Tower ist man für die Flugzeuge im Nahbereich zuständig, also für Flugzeuge, die starten oder landen. Als Fluglots*in der Kontrollzentrale bin ich dafür zuständig, Flugzeuge sicher von einem zum anderen Flughafen zu lotsen. Dabei stelle ich beispielsweise sicher, dass die Flugzeuge auf ihrer Route die Abstände einhalten und sich nicht in die Quere kommen. Außerdem habe ich auf meinem Radarbildschirm eine gute Übersicht, welche Flugzeuge sich im Luftraum befinden und kann den Pilot*innen die Höhen- und Geschwindigkeitsanweisung durchgeben oder ihnen eine alternative Route zuweisen, wenn sich ein Gewitter anbahnt oder sich im Luftbereich zu viele Flugzeuge befinden.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Nur wenige Leute kennen meinen Beruf und können sich darunter etwas vorstellen. Eine Frage, die mich hin und wieder schmunzeln lässt, ist zum Beispiel: „Ist das im Winter nicht ziemlich kalt?“ Denn tatsächlich denken viele, dass Fluglots*innen draußen auf der Landebahn stehen und dort Flugzeuge einweisen. Andere nehmen an, ich sitze in meinem Türmchen, schaue aus dem Fenster und trinke Kaffee.

 

Die Motivation

Besonders faszinierend finde ich, dass ich nie genau weiß, was an dem Tag auf mich zukommt, man immer einen Plan B oder C braucht und ich mich immer wieder auf neue Situationen einstellen muss. Beispielsweise muss ich, wenn es neblig ist, dafür sorgen, dass die Flugzeuge im Landeanflug einen größeren Abstand einhalten als sonst. An Tagen, an denen es schneit, kann es hingegen vorkommen, dass die Landebahn auch mal eine halbe Stunde komplett gesperrt wird und die Flieger eventuell Warteschleifen drehen müssen. Oder es gibt einen medizinischen Notfall an Board und ich muss beim Lotsen beachten, dass der Krankenwagen schnell zum geparkten Flugzeug kommen kann. Außerdem finde ich es toll, mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Das Betriebsklima ist sehr angenehm, da es hier weder strikte Hierarchien noch Konkurrenzdenken gibt.

Das Gehalt

Je nachdem, in welchem Bereich man arbeitet und wie hoch die Belastung und Komplexität in diesem Bereich ist, fällt das Gehalt der Fluglots*innen unterschiedlich aus. Beispielsweise verdient ein*e Fluglots*in im Tower am Flughafen Erfurt weniger als ein*e Fluglots*in im Tower am Flughafen Frankfurt. Ich verdiene ein monatliches Basisgehalt von etwa 9000 Euro brutto. Das ist auch so ungefähr das Einstiegsgehalt, das viele Lots*innen nach der Ausbildung bekommen. Natürlich variiert auch das, je nachdem wo man eingesetzt wird. Später kann man mit einem Basisgehalt von bis zu 120 000 Euro brutto im Jahr rechnen, zuzüglich extra Vergütungen für Schichtdienst oder Wochenendarbeit.

Der Stressfaktor

Das Stresslevel ist in meinem Beruf sehr hoch. Das liegt daran, dass man während der Arbeit immer sehr konzentriert sein muss, damit einem keine Fehler unterlaufen und im Flugverkehrsraum kein Chaos ausbricht. Aus diesem Grund ist auch vorgeschrieben, dass wir nur etwa zwei Stunden am Stück arbeiten dürfen. Danach müssen wir eine Pause machen. Manche lesen dann, schlafen eine Stunde oder powern sich in unserem internen Sportcenter aus. Erst in der Pause fällt dann auch die Anspannung von mir ab. Wenn ich arbeite und konzentriert bin, dann funktioniere ich einfach. In besonders stressigen Situationen, wenn man eine Luftnotlage hatte und beispielsweise ein Triebwerk ausgefallen ist, kann diese Anspannung besonders hoch sein. Dann hilft es, in den Pausen mit jemandem darüber zu sprechen. Für extreme Fälle gibt es außerdem die Möglichkeit, das CISM (Critical Incident Stress Management) Programm in Anspruch zu nehmen. In dem Programm arbeitet man die Situation mit erfahrenen Psycholog*innen auf und spricht darüber, woran es lag, dass das kritische Ereignis eingetreten ist, um sich nicht zu sehr dadurch zu belasten und die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Glücklicherweise war ich aber noch nie in so einer Situation und habe bisher keine großen Katastrophen erlebt.

 

Das Privatleben

Als Fluglots*in arbeitet man im Schichtdienst und muss daher auch flexibel sein. Bei einer wöchentlichen Bruttoarbeitszeit von durchschnittlich etwa 33 Stunden arbeiten wir nicht nur von Montag bis Freitag, sondern auch am Wochenende und haben Früh-, Spät oder Nachtdienst, damit die Kontrollzentrale rund um die Uhr besetzt ist. Da wir den Schichtplan aber schon zwei Monate im Voraus bekommen, kann ich mein Privatleben gut mit meinem Beruf vereinbaren und weiß schon zwei Monate vorher, ob ich zu einer Geburtstagsparty von Freund*innen kommen kann oder nicht.

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