3564 Euro brutto für die Streetworkerin

Felicitas, 26, hilft Obdachlosen auf der Straße. Viele sind dankbar, sie wurde aber auch schon bedroht.
Protokoll von Charlotte Bastam

Bildrechte: Privat; Bearbeitung: jetzt

Die Alltag

Ich arbeite als Sozialarbeiterin 50/50 auf der Straße und in unserem Tagesaufenthalt für Obdachlose in München. Der Tag auf der Straße startet früh - mitunter ab fünf Uhr morgens. Wir fangen beim Streetwork so früh an, da einige Leute ihre Schlafstätten früh verlassen. Oft müssen sie das auch, weil zum Beispiel Geschäfte, vor denen sie schlafen, früh öffnen. 

Unser Team für die Straße besteht aus drei Leuten. Zu zweit oder zu dritt suchen wir bekannte Plätze auf, an denen Obdachlose schlafen. Dort schaue ich nach, wer gerade hier ist und was so abgeht. Viele der Leute sind uns schon seit längerem bekannt, aber es gibt auch immer wieder neue Gesichter. Ich informiere dann, wo man gerade im Winter Kälteschutz findet, umsonst etwas zu essen oder zu trinken bekommt oder wo man Ärzte auch ohne Krankenversicherung aufsuchen kann. Natürlich berichte ich auch über unseren eigenen Tagesaufenthalt, der täglich von 14 bis 20 Uhr geöffnet ist. Mein Job auf der Straße ist es aber auch, nach der gesundheitlichen Verfassung der Menschen zu schauen und im Notfall einen Krankenwagen zu rufen.

Die Reaktionen auf uns sind sehr unterschiedlich: Manche freuen sich, uns zu sehen und sich mit uns zu unterhalten und finden unsere Angebote interessant. Aber es gibt auch einige, die überhaupt keine Lust auf uns haben und uns anschreien, dass wir uns verpissen sollen. Die Gründe dafür sind sehr individuell. Ich denke, es hat viel damit zu tun, welche Erfahrungen sie davor gemacht haben, wie sehr sie von anderen Menschen enttäuscht wurden und ob sie überhaupt noch die Kraft und Lust haben, etwas an ihrer Situation zu ändern.

Im Tagesaufenthalt, unserer Teestube „komm“, gibt es dann neben Kaffee, Tee und einem warmen Ort, auch die Möglichkeit sich mit uns und anderen auszutauschen. Vielen hilft das, weniger einsam zu sein. Neben einer Postadresse bieten wir auch zusätzliche Informationen. Hier kann ich die Menschen in persönlichen Terminen auch individueller beraten. Ich helfe zum Beispiel, Anträge für Arbeitslosengeld zu stellen oder eine Wohnung zu suchen. Oft sind die Probleme, die Menschen haben, aber dringlicher als eine Wohnung zu finden – gerade Schulden sind oft sehr belastend. Manche wollen auch gar nicht unbedingt eine Wohnung, sondern sind eher am Geldverdienen interessiert. Auch wenn unser vorderstes Ziel ist, Menschen von der Straße zu holen, höre ich immer individuell zu und schaue, was die Person jetzt gerade braucht. Denn die Sache mit dem eigenen Zuhause ist nicht einfach: Anträge auf Sozialwohnungen können Jahre dauern und auf dem freien Markt gilt: Wenn schon andere Menschen große Probleme haben eine Wohnung zu finden, dann ist es für einen Obdachlosen erst recht schwierig.

Der Weg

Ich habe nach dem Abi ein Praktikum in einer Wohnungseinrichtung für obdachlose Frauen gemacht. Dort habe ich gemerkt, dass ich weiterhin diese Arbeit machen will, allerdings nicht nur mit Frauen. Während meinem Soziale-Arbeit-Studium an der Katholischen Stiftungshochschule in München habe ich deswegen auch weiter in Hilfseinrichtungen für Wohnungslose gearbeitet. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber habe ich mich zuerst als Aushilfe beworben und wurde genommen. Studierende sind sowieso gerne gesehen als Aushilfen, besonders wenn sie schon Erfahrung mitbringen. Nach meinem Studium wurde ich als Vollzeitkraft übernommen. Wir sind insgesamt zehn festangestellte Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und, soweit ich weiß, die einzigen Streetworker, die sich gezielt nur um Obdachlose kümmern. Das ist für eine Stadt wie München schon sehr wenig.

Die Schicksale

Das klassische Schicksal gibt es nicht: Ich habe schon Ex-Firmenbesitzer, studierte und unausgebildete Leute sowie ehemalige Waisenkinder auf der Straße kennengelernt. Obdachlosigkeit kann tatsächlich fast jeden treffen. Die meisten Menschen sind allerdings Männer im mittleren Alter aufwärts – auch wenn es in letzter Zeit immer mehr junge Männer gibt. Auch sehe ich verstärkt Menschen aus anderen EU-Ländern, vor allem aus Osteuropa, die in ihren Heimatländern nur einen Bruchteil von dem verdienen, was hier theoretisch möglich wäre, und dort nicht davon leben können. In Ungarn wurde Obdachlosigkeit nun sogar illegalisiert. Mittlerweile kommen auch Geflüchtete hinzu, die einen Aufenthaltsstatus haben und deswegen nicht mehr in den Unterkünften leben dürfen, aber bei dem aktuellen Wohnungsmarkt keine Unterkunft finden. 

Das Geld

Ich bekomme 3564 Euro brutto. An sich kann ich davon in München gut leben. Ich habe allerdings auch keine Kinder oder andere hohen Kosten. Doch es geht mir auch ums Prinzip: Man wird in Berufen, die mit Menschen zu tun haben, einfach zu schlecht bezahlt in Deutschland. Damit meine ich sowohl Sozialarbeiter, als auch Pflegekräfte und viele andere Berufe. Denn mein Job ist sehr belastend und fordernd und es wäre schön, wenn das auch finanziell angemessen entlohnt werden würde. 

Die Probleme

Alkohol zum Beispiel ist ein großes Problem. Ich muss des Öfteren deswegen Krankenwägen rufen oder werde von Betrunkenen angeschrien und angepöbelt. Gleichzeitig kann ich es irgendwie verstehen. Müsste ich jeden Tag auf der Straße verbringen, würde ich wahrscheinlich auch saufen. Schließlich gehen viele von uns „normal“ arbeitenden Menschen auch einen trinken, wenn es ihnen schlecht geht. Auch tötet Alkohol das Hungergefühl ab, wärmt im Winter und er macht vor allem taub gegen die Blicke, die man  zugeworfen bekommt. Wenn mich also jemand fragt, ob er Obdachlosen Geld geben soll, aber befürchtet, dass sie das eh nur für den Suff ausgeben, dann sage ich: Wer bin ich oder wer bist du, darüber zu urteilen? Der Alkohol kann tatsächlich auch lebensrettend sein. Das klingt vielleicht erst paradox, aber ein kalter Entzug kann für die Menschen schlimme Folgen haben und sogar zu Organversagen führen. Das heißt nicht, dass ich es gut finde, dass die Menschen so viel trinken und stehe, wenn möglich, immer helfend zur Seite, um etwas an der Situation zu ändern. Aber erwachsenen Menschen kann ich am Ende nichts vorschreiben und ich fühle mich auch gar nicht in der Position dazu. Ich handle beratend, was die Risiken angeht, mehr kann ich nicht tun. Außerdem würden uns vielleicht einige meiden, wenn wir Ihnen nur sagen, was sie falsch machen. 

Es gibt aber auch vermeintliche Probleme, die für unsere Arbeit eigentlich irrelevant sind –  Bettlerbanden zum Beispiel. So etwas sehen wir eigentlich nie. In München weiß ich genau von einer. Bei größeren Gruppen handelt es sich tatsächlich oftmals um Familien. Das größere Problem sehe ich viel mehr in der Schwarzarbeit, wo Menschen stundenlang für kaum etwas schuften. Die Leute dahinter sind die wirklichen Abzocker.

Wer helfen will, der soll das auch tun. Ganz besonders, wenn es sich um einen medizinischen Notfall handelt. Dann unbedingt einen Krankenwagen rufen. Mehr können meine Kollegen und ich auch nicht tun. Und wenn man direkt für jemanden etwas tun möchte, dann kann man einfach fragen, was derjenige gerade braucht.

Die Belastung

Natürlich ist es sehr belastend, täglich so viele traurige und schwierige Schicksale zu sehen. Aber am Ende muss ich mir sagen, dass ich eben tue, was gerade möglich ist. Ich kann die Gesamtsituation nicht ändern und auch nur sehr bedingt Menschen persönlich helfen. Denn die Umstände sind nun einmal sehr schwierig und es kommt auch auf den Willen der Leute an, ihr Leben zu ändern. Es ist also sehr wichtig, dass ich mein privates Leben davon trennen kann. Wenn ich nach Hause gehe, versuche ich, den Tag hinter mir zu lassen. Das ist gerade jetzt im Winter bei der Kälte sehr schwer, wenn ich weiß, dass die Menschen nun frieren werden. Aber dennoch müssen wir die Teestube um 20 Uhr schließen und nach Hause gehen. Zum Glück ist mein Freund auch Sozialarbeiter und hat sehr viel Verständnis. Auch arbeite ich mit tollen Kollegen zusammen, die immer zuhören und Ratschläge geben.

Aber es gibt auch die sehr schönen Momente, die Kraft geben. Vor ein paar Tagen hat einer meiner Lieblingsklienten nun endlich eine Wohnung gefunden. Da habe ich mich riesig gefreut und werde ihm nun helfen, sie einzurichten. Auch sind die Menschen toll, die in der Teestube mit anpacken. Ich erwarte keine Dankbarkeit, aber es ist toll, wenn uns ein friedliches Miteinander gelingt. Sowohl die schlechten wie auch die guten Erlebnisse zeigen mir, dass ich meinen Job liebe und wie wichtig es ist, dass ich ihn mache.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Eine Frage, die oft kommt und mich manchmal auch nervt lautet: „Ist das nicht gefährlich? Du bist doch so eine kleine und zierliche Person!“ Ja ich bin schmal, das heißt aber nicht, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen wäre. Ich habe es bisher immer geschafft, meinen Standpunkt klarzumachen. Und ja, ab und zu sind die Situationen heikel -  wir werden durchaus immer mal wieder bedroht. Zum Glück ist es aber bisher noch zu keinen tätlichen Übergriff gekommen, dennoch haben wir vorsichtshalber Security angestellt, um vorbereitet zu sein. Angst habe ich aber nicht, Obdachlose sind schließlich keine triebtätigen Kriminellen.

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