Bis zu 5000 Euro brutto für einen Offizier auf einem Frachtschiff

Birand, 26, aus Balikesir in der Türkei, durfte während der Corona Krise vier Monate lang nicht von Bord.
Protokoll von Matias Kamp
jobkolumne frachtschiffoffizier cover

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Wie bist du Schiffsoffizier geworden?

Ich wusste schon relativ früh, dass ich keinen Bürojob haben möchte. Mich hat der Gedanke gereizt, in See zu stechen und damit mein Geld zu verdienen. Ich bin deshalb auf ein technisches Gymnasium gegangen, um mir frühstmöglich Fachwissen und Kompetenzen für die Logistik in der Schifffahrtsbranche anzueignen. Nach meinem Abschluss schrieb ich mich Istanbul bei einer Universität ein und habe „Maritime Transportation and Management Engineering“ studiert. Dort habe ich immer wieder mit längeren Praktika auf Frachtern Erfahrungen sammeln können, und wurde nach und nach für den Offiziersjob ausgebildet. Das fing mit Matrosenarbeiten an. Da hatte ich einfache, aber körperlich anstrengende Dinge zu erledigen. Zum Beispiel haben sich auf einem Frachtschiff die Ladeluken nicht richtig bewegt. Ich musste täglich viel Kraft aufbringen, um sie zu öffnen. Mit der Zeit wird man dann an komplexere Aufgaben herangeführt. Sicherheitschecks, Papierkram und Wachen auf der Brücke gehören dazu. Vor einem Jahr war mein Studium dann beendet und ich habe mich einer Firma vertraglich verpflichtet. Das Studium qualifiziert einen für den Posten des dritten Offiziers.

Wie sieht die Arbeit eines Dritten Offiziers aus?

In der Firma, für die ich tätig bin, läuft das so, dass ich immer für vier Monate auf ein Schiff geschickt werde, um dort als dritter Offizier zu arbeiten. Meistens vier Monate durchgehend, ohne freie Tage. Ich arbeite auf bis zu 250 Meter großen Frachtschiffen und Tankern mit einer Besatzung von ungefähr 25 Mann. Wir sind häufig im Mittelmeer unterwegs, aber haben auch schon den Atlantik nach Kanada oder den Indischen Ozean durchquert. Meine Aufgaben bestehen zum einen aus der Wache auf der Brücke für insgesamt acht Stunden am Tag. Zum anderen bin ich für die Sicherheit an Bord verantwortlich. Oft werden Hochsicherheitsladungen, also giftige Stoffe, häufig Dieselöl oder Gas, transportiert. Da muss ich immer kontrollieren, ob alles richtig verstaut und verschlossen ist. Ich habe monatelang also kaum Freizeit und wenig Sozialleben. Sobald ich meine vier Monate abgearbeitet habe, bekomme ich drei Monate lang Urlaub. In der Zeit kann ich dann zuhause bei meiner Familie entspannen und privat viel reisen. Durch Erasmus konnte ich beispielsweise letztes Jahr in meinen langen Ferien den Balkan erkunden.

Wie hat sich dein Job durch Corona verändert?

Einer der größten Vorteile an dieser Arbeit ist es, dass man die Welt kennenlernt. Ich konnte bereits bei mehrtägigen Pausen in den Häfen von Montreal, Hong Kong und Amsterdam die Städte erkunden. So etwas ist in den letzten Monaten nicht möglich gewesen. Ich musste ganze vier Monate ununterbrochen auf dem Schiff bleiben. Zum Glück haben Offiziere eine Einzelkabine, mit einem recht konfortablen Bett, einer eigenen Dusche und Toilette.

Außerdem gibt es Internet, dann kann ich mit Freunden und Familie skypen, das bringt etwas Abwechslung. So konnte ich mich in Momenten, in denen mir die Situation zu viel wurde, sammeln und entspannen. Trotzdem kann einem die Enge auf dem Schiff auf die Nerven gehen. Ich habe immer ein Bild von meiner Mutter in meinem Portemonnaie und trage einen Ring, den sie mir geschenkt hat, als ich auf die Uni gegangen bin. Diese Dinge sind mir extrem wichtig und sie geben mir ein Gefühl von Geborgenheit.

Was sind für einen Dritten Offizier wie dich die größten Herausforderungen?

Die Abgeschiedenheit auf dem Schiff ist teilweise wirklich hart. Als vor zwei Jahren meine Mutter plötzlich gestorben ist, konnte ich nicht zu ihrer Beerdigung und mit meiner Familie in der Heimat trauern. Das war für mich das Schlimmste und ab da war mir bewusst, dass egal wie viele Länder ich bereise und egal wie viel Geld ich mit meinem Job verdiene, dieser Aspekt der Abgeschiedenheit niemals ausgeglichen werden kann. Das erlebe ich auch immer wieder mit Beziehungen. Keine meiner Freundinnen hatte Verständnis für meinen Beruf und meine Lage, deshalb hat bisher noch keine Fernbeziehung geklappt.

Eine weitere praktische Herausforderung ist es, wenn es zu einem Sturm kommt. Wir haben eigentlich sehr moderne GPS- und Radarsysteme und die zuständigen Küstenwachen funken uns an, wenn ein Unwetter naht. Aber manchmal lässt sich es nicht vermeiden, dass man in solche Wetterfronten gerät. Letztes Jahr hatten wir im schwarzen Meer einen sehr starken Sturm, mit bis zu acht Meter hohen Wellen. Zum Glück waren alle Mitarbeiter auf ihren Posten in Sicherheit, und die Ladung gut verstaut. Als Sicherheitsoffizier hätte ich im Notfall, also wenn die Ladung verrutscht oder ein Matrose über Bord gegangen wäre, eingreifen müssen.

Wie viel verdienst du im Monat?

Zurzeit verdiene ich 4000 bis 5000 Euro brutto pro Monat, je nachdem, wie viele Tage ich auf See bin. Dafür, dass ich monatelang quasi 24/7 für die Firma lebe, finde ich das ziemlich angemessen. Als Chefoffizier verdient man dann etwa 6000 bis 8000 Euro und als Kapitän dann 9000 bis 11 000 Euro pro Monat. In westeuropäischen Ländern bekommt man wahrscheinlich etwas mehr, aber genau weiß ich das nicht.

Welche Frage wird dir häufig auf Partys gestellt?

Meistens werde ich nach meinen Aufgaben an Bord gefragt und ob das Ganze nicht nach Monaten eintönig und langweilig wird. Als Sicherheitsbeauftragter hat man eine hohe Verantwortung und ich betone dann immer, dass diese harte Arbeit keine Langeweile aufkommen lässt. Wie kann einem langweilig werden, wenn man für die Sicherheit und sogar das Leben der Besatzung verantwortlich ist? Ferner werde ich auch manchmal gefragt wie das mit dem Umweltaspekt ist. Containerschiffe stehen wegen dem hohen Schadstoffausstoß oft in der Kritik. Aber es gibt immer höhere Auflagen zur Minimierung von Schadstoffen, beispielsweise haben wir moderne Filtersysteme, die nur 0,1 Prozent der Schadstoffe durchlassen.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Die nächsten Schritte sind eigentlich schon vorgeschrieben. In sechs Jahren möchte ich Kapitän sein. Irgendwann später kann ich mir dann vorstellen, ins Küstenmanagement zu gehen oder einen organisatorischen Beruf bei einer Schiffscharter- Firma zu übernehmen. Für diese Jobs braucht man das Wissen und die Erfahrung eines Seemannes.

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