2900 Euro brutto für den Polizeitaucher

Marcel, 28, über seinen ersten Leichenfund und die Fähigkeiten, die ein Polizeitaucher mitbringen sollte.
Protokoll von Nina Büchs

Foto: privat; Illustration: jetzt

Welche Frage wird dir oft gestellt, wenn du von deinem Beruf erzählst?

Meistens werde ich gefragt, ob ich schon mal eine Leiche gefunden habe. Ich antworte dann, dass dies regelmäßig zu unseren Aufgaben zählt, es aber tatsächlich zwei Jahre gedauert hat bis ich meinen ersten Leichenfund hatte. In der Regel handelt es sich bei solchen Fällen um Suizide oder Badeunfälle, Gewaltverbrechen kommen eher selten vor. An meinen ersten Leichenfund kann ich mich noch genau erinnern. Damals wurden wir gerufen, weil ein Matrose in einem Hafenbecken über Bord gegangen war. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie ich auf so eine Situation reagieren würde. Zwar hatten wir in der Taucherausbildung eine Unterrichtseinheit, in der eine Polizeipsychologin mit uns über diese Dinge gesprochen hat, aber man weiß nie genau, wie man mit derartigen Situationen umgeht, bis man sie selbst erlebt.

Tatsächlich war es dann aber gar nicht so belastend für mich. Vielleicht auch deswegen, weil ich relativ gute Sicht hatte und ich die Leiche schon aus einem Meter Entfernung sehen konnte. Das ist aber nicht immer der Fall, da wir oft in Gewässern tauchen, in denen man kaum etwas sieht und seine Umgebung nur mit den Händen ertasten kann. Inzwischen sind Leichenfunde für mich nichts Neues mehr, sondern gehören einfach zum Beruf dazu. Außerdem hat der Job auch etwas Positives: Schließlich können wir den Angehörigen endlich Gewissheit bringen, wenn wir eine tote Person im Wasser finden und der Vermisste identifiziert werden kann.

Wie bist du dazu gekommen, Polizeitaucher zu werden?

Bevor ich mich für die Weiterbildung zum Polizeitaucher entschieden habe, habe ich ein dreijähriges Bachelorstudium zum Polizeikommissar im gehobenen Dienst an der Polizeiakademie Niedersachsen absolviert. Nach dieser Ausbildung habe ich als Polizeikommissar bei der Bereitschaftspolizei im Einsatzzug gearbeitet und wurde beispielsweise bei Fußballspielen eingesetzt. Relativ schnell habe ich dann aber gemerkt, dass das dauerhaft nichts für mich ist. Daraufhin habe ich mich nach einer anderen, internen Stelle umgesehen. Zufällig saß die Technische Einsatzeinheit, bei der ich heute tätig bin, ein Stockwerk über meiner damaligen Abteilung. Da ich mich schon immer unter Wasser wohlgefühlt habe und auch im Urlaub schon oft getaucht oder geschnorchelt habe, kam mir der Gedanke, dass die Technische Einsatzeinheit, bei der eben auch Polizeitaucher eingesetzt werden, ja vielleicht der richtige Job für mich ist. Nach einer vierwöchigen Hospitanz habe ich dann gemerkt, dass mir diese Tätigkeit sehr gefällt und konnte zum Glück direkt dorthin wechseln.

Wie lief die Ausbildung zum Polizeitaucher ab?

Die Ausbildung fand im Rahmen eines zehnwöchigen Lehrgangs statt, bei dem wir das Tauchen an sich, aber auch theoretische Grundlagen, wie Gerätekunde oder Tauchmedizin, gelernt haben. Im Prinzip war dieser Lehrgang also ein ganz normaler Tauchkurs für Fortgeschrittene – bei dem aber auch relevante Fähigkeiten eines Polizeitauchers vermittelt wurden. Damit meine ich vor allem bestimmte Suchverfahren, denn wir tauchen das Gebiet immer systematisch, beispielsweise in einem bestimmten Halbkreis-Radius ab. Am Ende des Lehrgangs musste ich dann eine schriftliche, eine mündliche und eine praktische Prüfung ablegen. Dabei sollte ich in einem Hafenbecken nach einem Kanister tauchen, den die Prüfer vorher ins Wasser gelassen hatten.

Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen?

Um diesen Job ausüben zu können, sollte man sich unter Wasser wohlfühlen und sich zutrauen, auch unter schweren Bedingungen zu tauchen. Denn Polizeitaucher kommen meist dort zum Einsatz, wo sonst niemand tauchen möchte. Oft kommt es zum Beispiel vor, dass wir in sehr dunklen Gewässern tauchen, in denen man nicht einmal die eigene Hand sehen kann. In solchen Fällen muss man dann einen guten Tastsinn entwickeln, um seine Umgebung wahrnehmen zu können. Mit der Zeit entwickelt man aber ein Gespür dafür, wie sich bestimmte Gegenstände, wie beispielsweise Holz, anfühlen. Manchmal tauchen wir auch in Gewässern, in denen es eine starke Strömung gibt. Eine gute körperliche Fitness ist daher unerlässlich. Und auch im Winter kommen Taucheinsätze vor, man sollte daher ebenso gut mit der Kälte zurechtkommen, denn obwohl wir einen Neoprenanzug, beziehungsweise einen „Trockentauchanzug“ tragen, fangen Hände und Füße nach einiger Zeit zwangsläufig zu frieren an. Außerdem kann es passieren, dass man sich im Wasser verheddert oder sich, in seltenen Fällen, auch mal verletzt, da in solchen Gewässern manchmal Gefahren, wie scharfkantige Gegenstände lauern können. Sollte ein Taucher verletzt werden, gibt es aber immer einen ausgebildeten Taucherrettungssanitäter vor Ort. In all diesen Situationen muss man unbedingt einen kühlen Kopf bewahren. Manche kommen damit jedoch nicht gut zurecht und merken sogar schon am Anfang, bei den Übungen im Schwimmbadbecken, dass der Job nichts für sie ist.

Wie viel verdient ein Polizeitaucher?

Ich bin in der Besoldungsstufe A9 und verdiene monatlich 2900 Euro brutto. Zusätzlich dazu gibt es auch Zuschläge, wenn man am Wochenende oder nachts arbeiten muss. Für das Tauchen wird uns manchmal auch eine Erschwerniszulage gezahlt, deren Betrag sich nach Tauchzeit, Tiefe und besonderen Beschwernissen richtet. Als Taucher wird man zwar nicht reich, da ich jedoch verbeamtet bin, bleibt mir wesentlich mehr Netto von meinem Bruttogehalt. In meinem Fall sind das etwa 2400 Euro netto. Nicht zu vergessen ist auch die Sicherheit, die man als Beamter hat, schließlich ist man Beamter auf Lebenszeit und muss sich keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Das finde ich schon sehr schön. Mit etwas mehr Berufserfahrung kann ich außerdem noch bis zum Tauchergruppenführer oder Tauchlehrer aufsteigen. Damit wäre theoretisch ein Aufstieg bis in die Besoldungsstufe A11 möglich, in der ich bis zu 4500 Euro brutto verdienen würde.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Mein Tag beginnt um 7 Uhr morgens und endet um 15.30 Uhr. In dieser Zeit ist man entweder auf einer Fortbildung und bereitet Einsätze vor oder nach. Manchmal werden wir spontan zu Einsätzen gerufen – in der Regel werden sie aber bereits einige Tage im Voraus geplant. In meiner technischen Einheit sind wir außerdem nicht nur für Taucheinsätze zuständig, sondern werden immer dann hinzugerufen, wenn wir Polizeibehörden mit unserem technischen Know-how unterstützen sollen. Das heißt wir werden immer dann eingesetzt, wenn technische Geräte notwendig sind, um Ermittlungen voranzubringen. An Land können das unter anderem Ermittlungen zu Brandursachen sein oder Einsätze, bei denen Metallsuchgeräte verwendet werden.

Bei Taucheinsätzen, die bei uns in Oldenburg relativ oft stattfinden, fahren wir in der Regel mit acht Beamten an den Einsatzort. Je nach Größe des Gewässers können aber auch mal weniger oder mehr Polizeitaucher eingesetzt werden. Am häufigsten tauchen wir nach Beweismitteln. Das können beispielsweise Diebesgut oder Tatwaffen, wie Pistolen oder Messer, sein. Tresore oder Geldkassen ziehen wir sogar beinahe bei jedem Einsatz aus dem Wasser – auch, wenn wir nicht direkt danach suchen. Einmal wurden wir gerufen, um unter einer Brücke nach einem gestohlenen Tresor zu tauchen. Zwar haben wir den gesuchten Tresor nicht gefunden, aber tatsächlich acht andere Tresore, an der gleichen Stelle aus dem Wasser gezogen. Der Grund, warum wir so oft Tresore finden, ist ganz einfach zu erklären: Diebe wollen ihr Diebesgut natürlich nicht zu Hause aufbewahren, sondern beseitigen dieses eben da, wo in der Regel niemand danach sucht.

Wie werden unter Wasser Spuren gesichert?

Wie man sich vielleicht vorstellen kann, ist es relativ schwer, unter Wasser Spuren zu sichern. Das, was wir unter Wasser aber machen können, ist, die Auffindesituation zu dokumentieren. Vorausgesetzt, die Sicht ist gut. Mit einer Unterwasserkamera fotografieren oder filmen wir also, wie wir den Gegenstand oder die Wasserleiche vorgefunden haben. Danach bergen wir die Leiche oder den Gegenstand vorsichtig, um keine wichtigen Spuren zu vernichten. Die eigentliche Spurensicherung findet dann aber an Land statt.

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