2600 Euro brutto für den Insektenzüchter

Josef Hirte, 31, erzählt, warum er glaubt, dass die krabbelnden Tiere die Zukunft sind – und wie er zur massenhaften Haltung der Insekten steht.
Protokoll von Leonie Fößel
jobkolumne insektenzuechter cover

Foto: Julian Schöll / Illustration: jetzt

Was war für dich der Auslöser, Insekten zu züchten?

Nach meinem Physikstudium habe ich zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet und anschließend in einem Unternehmen, das Umweltsensorik entwickelt. Unser Start-up „Wicked Cricket“ haben wir vor drei Jahren gegründet, wir vertreiben seither Snack-Insekten. Es lief immer nebenher, als Hobby. Seit einem Monat arbeite ich aber hauptberuflich als Insektenzüchter, weil ich keine Lust mehr auf einen Bürojob hatte. Ich war immer auf der Suche nach etwas, mit dem ich mich selbstständig machen konnte und hinter dem ich komplett stehe. Das Thema Ressourcenschonen fand ich schon immer interessant. Und dann kam mein Freund Mathias mit der Idee von Insekten als Fleischersatz daher. Die meisten Menschen werden wohl auch in Zukunft tierisches Protein zu sich nehmen wollen. Und mit Insekten kann man Fleisch sehr gut ersetzen:  Sie sind reich an Proteinen, ungesättigten Fettsäuren, Ballast- und Mineralstoffen. Die Insekten brauchen wenig Wasser, wenig Platz – Insekten kann man „nach oben“ anbauen, vertical farming nennt sich das, sie brauchen wenig Futter und können sogar Reste verwerten, etwa Biertreber. Der wird sonst unter anderem als Ersatzfutter in der Milchviehwirtschaft verwendet. Außerdem sagen Experten, etwa das Bundesministerium für wirtschaftliche und Zusammenarbeit und Entwicklung, dass sie viel weniger Treibhausgase ausstoßen als andere Tiere. Wir haben schnell gemerkt, dass das viel Potenzial hat. Das können wir aber nur ausschöpfen, wenn wir in Vollzeit daran arbeiten. Deswegen mache ich das jetzt.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Wir machen Snack-Insekten. Die gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Dafür verwenden wir Grillen (Heimchen, acheta domesticus), die geröstet und gewürzt werden. Bisher haben wir nur im kleinen Stil gezüchtet, das ist viel Ausprobieren. Lange lief das bei mir im Wohnzimmer und im Keller ab. Deswegen beziehen wir die Insekten derzeit noch von einem Züchter aus Baden-Württemberg. Von ihm bekommen wir unsere Grillen, die wir weiterverarbeiten. In unserer kleinen Zuchstation am Bahnwärter Thiel, die wir neu aufgebaut haben, wollen wir mehrere tausend Tiere haben, derzeit sind es mehrere hundert.

Die Produktion der Snack-Insekten läuft folgendermaßen: Wir züchten die Mikrogrillen, die Jungtiere also, heran. Nach etwa vier bis sechs Wochen ernten wir die Grillen dann, so nennt man das bei Insekten. Sie haben dann die richtige „Reife“, also die richtige Menge an Eiweißen und Nährstoffen. Die Grillen werden heruntergekühlt, bis sie in den sogenannten „Kryoschlaf“ fallen, da sind sie betäubt, wie in einer Art Winterschlaf. Und dann kühlt man sie weiter herunter, bis auf minus acht Grad. Da sterben sie dann. Anschließend rösten wir sie, damit sie schön kross werden. Es ist schon etwas aufwändiger als einfach nur rösten, aber wie genau wir das machen – das ist unser Geheimrezept, daran haben wir lange gefeilt.

Momentan arbeiten wir meist zu dritt oder viert von mir zu Hause aus. Wir treffen uns morgens und beantworten Emails, zurzeit produzieren und verpacken wir auch ganz viel. Noch kann man unsere Insekten im Supermarkt noch nicht kaufen, weil wir einige Dinge noch optimieren müssen. Wir entwickeln gerade ein Supermarkt-Design und tüfteln aus, wie die Dosen mit den gegrillten Insekten palettentauglich werden. Momentan verkaufen wir die Grillen nur auf unserer Website und in ein paar lokalen Geschäften, aber wir hoffen, bald auch den Weg in die Supermarktregale zu schaffen.

Betreibst du eigentlich Massentierhaltung?

Das ist tatsächlich so der einzige Wermutstropfen bei der ganzen Geschichte für mich. Denn es ist natürlich Massentierhaltung, wenn man überlegt, wie viele Insekten man essen muss, um ein Rind zu „kompensieren“. Insektenzüchter allerdings gehen davon aus, dass Grillen sich auf engem Raum wohlfühlen. Im Gegensatz zu Schweinen oder Hühnern, die sich dann irgendwann gegenseitig die Augen auspicken oder einander auffressen oder so. Das machen die Grillen nicht. Was mir ein wenig hilft, ist, dass ich zu den Heimchen keine enge Bindung aufbaue, weil sie für mich keine so offensichtliche Persönlichkeit haben wie andere Tiere. Aber es tut schon weh, so viele Tiere auf einmal zu töten.

 

Woher hast du dein Wissen, das es für den Beruf braucht?

Das haben wir uns in den letzten drei Jahren angeeignet. Ich habe jahrelang in der Uni gelernt zu lernen – das macht man da ja hauptsächlich (lacht). Wir haben uns mit Professoren unterhalten, andere Insektenzüchter befragt und mit Menschen gesprochen, die Speiseinsekten vertreiben. Dann haben wir uns im Keller eine kleine Farm angelegt. Dazu haben wir einen Schrank ausgebaut und lebende Grillen gekauft. Die haben wir dann in die Kisten rein und im Internet recherchiert, wie man sie am besten hält und züchtet. Und wir haben natürlich noch mehr gelesen, über Lebensmittelrecht und Tierhaltungsrechte.

 

Was ist wichtig, um die Grillen erfolgreich zu züchten?

Ganz wichtig ist, dass die Tiere nicht krank werden. Dafür müssen Viren, Bakterien, Milben und Sonstiges fernbleiben. Das Klima in den Boxen ist auch ausschlaggebend: Luftfeuchtigkeit und Temperatur müssen stimmen. Vor allem dürfen aber die Mikrogrillen, also die Jungtiere, nicht sterben. Wie wir das machen, verraten wir allerdings nicht, das ist in der Branche immer ein großes Geheimnis. Die Heimchen müssen sich wohlfühlen, dann werden sie schneller groß. Deswegen bauen wir zum Beispiel alte Eierkartons in die Kisten, die sorgen für ein trockenes Klima und das mögen sie. Für die Zucht verwenden wir Plastikboxen, die ungefähr 500 bis 1000 Tiere beheimaten. Damit sie genug Platz haben, müssen diese Boxen etwa 60 mal 40 Zentimeter messen. Innen rein kommen dann eben die Eierkartons, damit die Grillen genug Platz zum Klettern haben. Sie müssen sich wohlfühlen, sonst sterben sie.

Was verdient man als Insektenzüchter*in?

Da ich das erst seit so kurzer Zeit hauptberuflich mache, ist das noch ein wenig schwierig zu sagen. Derzeit bekommen wir noch Gründungsförderung vom Staat, das sind monatlich Arbeitslosengeld plus etwa 300 Euro brutto. Aber wir haben das alles natürlich kalkuliert und sind sehr optimistisch, dass wir bei etwa 2600 Euro brutto im Monat landen werden. Das ist realistisch, dass wir das hinbekommen. Wir haben ja neben Wicked Cricket auch noch unsere Firma Insectec. Da ist es unser Ziel, ein komplettes Insektenfarmsystem und das Zubehör dazu zu entwickeln und dann zu verkaufen. Einigen potenziellen Zuchten fehlt es momentan noch an Automatisierung – und in diese Nische wollen wir einsteigen. Zum Beispiel überwachen und steuern wir die Parameter wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Anschließend lädt das System die Daten dann in eine Cloud, so wird die Auswertung leichter. Und auch für das Zuchtsystem wollen wir vor allem recyclebare Materialien verwenden.

Wie reagieren andere Menschen, wenn du ihnen erzählst, was du beruflich machst?

Die meisten finden es sehr spannend, ehrlich gesagt. Meistens fragen sie natürlich auch, wie wir darauf kommen, wie das läuft. „Wie schmeckt das?“, „Wo kriege ich das her?“ oder „Wie bereitet man das zu?“ sind ganz häufige Fragen, die uns die Leute stellen. Es interessieren sich wirklich mehr Menschen dafür, als man denkt. Die meisten sagen auch, dass sie die Grillen mal probieren möchten und sind dann total überrascht, dass die nicht irgendwie richtig eklig schmecken. Im Gegenteil, die meisten sind erstaunt, dass Insekten so gut schmecken. Aufgrund dieser Erfahrungen, die wir immer wieder machen, glauben wir auch, dass die Menschen auch hier in etwa fünf Jahren dafür bereit sind, Insekten auf dem Speiseplan zu haben. Wir glauben sogar, dass das noch früher sein kann.

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