3300 Euro brutto für die Betonbauerin

Jule ist Betonbauerin. Sie ist eine von wenigen Frauen in der Branche.
Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

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Jule ist Betonbauerin. Sie ist eine von wenigen Frauen in der Branche.

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Was macht man als Betonbauerin?

Wir stellen auf einer Baustelle die Bauteile aus Beton her. Das beginnt bei der Schalung für die Bauteile: Wie man für einen Kuchen eine Kuchenform braucht, braucht man auch erst einmal die Form für den Beton. Anschließend bauen wir die Bewehrung, also das innere Gerüst, aus Stahl ein, damit der Beton Halt hat. Dann betonieren wir und einen Tag später wird wieder ausgeschalt, also die Form abgenommen. 

Welche Teile eines Rohbaus aus Beton sind, ist immer unterschiedlich. In einem Einfamilienhaus ist es meistens der Keller und im Erd- und Obergeschoss sind es dann nur noch ein paar Stützen und Treppen. Bei größeren Gebäuden und Industriebauten ist meistens der komplette Rohbau aus Beton. In größeren Firmen arbeiten an einem Rohbau Maurer und Betonbauer mit. Aber normalerweise, auch in meinem Betrieb, macht eine Person alles. Als Betonbauerin muss ich also auch mauern können.

Warum hast du dich für eine Ausbildung zur Betonbauerin entschieden?

Ich habe nach dem Abi relativ lange überlegt, was ich machen will. Mir war klar, dass ich erstmal genug habe vom Lernen und wollte deshalb nicht gleich studieren. Den Bau fand ich schon immer interessant. Meine Mutter ist Bauingenieurin und hat eine kleine Baufirma. Sie war anfangs überhaupt nicht begeistert und meinte, die Arbeit auf dem Bau sei nichts für eine junge Frau. Ich habe es dann aber trotzdem gemacht. Mittlerweile findet meine Mutter das richtig gut und bereut, dass sie das damals gesagt hat. 

In der Schule war es ein bisschen komisch, wenn die Lehrer uns am Ende des Schuljahres gefragt haben, was wir nach dem Abi machen. Alle haben vom Studium oder vom Ausland erzählt – ich habe gesagt, dass ich Betonbauerin lernen möchte. Da wurde ich schon oft komisch angeguckt. Manche Lehrer haben sogar zu mir gesagt: „Studier doch lieber!“

Inzwischen studierst du. Wieso hast du dich nach deiner Ausbildung dazu entschieden?

Ich studiere im dritten Semester Bauingenieurwesen an der Hochschule in Karlsruhe. Ich wollte nach meiner dreijährigen Ausbildung auf jeden Fall weitermachen. Ich habe lange überlegt, ob ich lieber doch den Meister mache anstatt des Studiums. Dann haben mir aber viele geraten: „Mach lieber mal das Studium, dann kannst du im Büro arbeiten, wenn du mal älter bist.“

Mittlerweile bereue ich es ein bisschen, dass ich mich nicht für den Meister entschieden habe. Davon hätte ich vielleicht mehr, weil ich unbedingt wieder auf die Baustelle möchte. Immer wenn ich an der Hochschule bin oder lernen muss, merke ich, dass ich viel lieber draußen wäre. Auch im Büro gefällt es mir nicht so gut. Jetzt mache ich aber erst einmal das Studium fertig und danach vielleicht noch den Meister. Und bis dahin jobbe ich nebenbei auf der Baustelle, in den Semesterferien und oft auch unterm Semester, wenn ich Zeit habe.

Hat dir deine Ausbildung etwas für dein Studium gebracht? 

Auf jeden Fall. Ich kann mir vieles besser vorstellen als die anderen, weil ich das schon mit meinen eigenen Händen gemacht habe. Die anderen, und so wäre es für mich ohne Ausbildung auch gewesen, können sich manchmal gar nicht vorstellen, wie die Arbeit auf der Baustelle praktisch umgesetzt wird. Bei uns wurde inzwischen sogar das Baustellenpraktikum als Voraussetzung für das Studium abgeschafft. Das heißt, die Studierenden waren vorher teilweise noch nie auf einer Baustelle. Das finde ich nicht richtig. Später wollen die als Bauleiter den Arbeitern sagen, was sie machen sollen, haben aber selbst keine Ahnung davon. Das kann ja nicht funktionieren.

Manche Professoren tragen leider dazu bei, dass die Ausbildung immer noch so schlecht angesehen ist. Wenn Fehler gemacht werden, schieben sie es direkt auf die Bauarbeiter. Damit machen sie einfach alle Menschen schlecht, die nicht studiert haben, das finde ich nicht in Ordnung. Meine Kommilitonen sind meistens überrascht, wenn ich von meiner Ausbildung erzähle. Es ist einfach nicht alltäglich, dass eine Frau das macht. Die finden das aber eigentlich alle cool und sagen teilweise sogar: „Das hätte ich vielleicht auch machen sollen vor dem Studium.“

Hast du es in deinem Beruf schwerer als männliche Kollegen?

Ja, ein bisschen schon. Ich habe mich bei drei Firmen um eine Ausbildung beworben. Bei der ersten Firma kam direkt eine Absage, weil sie niemanden mehr einstellen. Bei der zweiten Firma, weil sie angeblich gar nicht mehr ausbilden. Das war zumindest deren Aussage. In der Berufsschule waren dann allerdings im Jahrgang über und unter mir Lehrlinge von dieser Firma. Ich vermute, dass ich die Absage bekommen habe, weil ich eine Frau bin. 

Auf meiner Berufsschule gab es seit sieben Jahren keine Frau mehr, als ich angefangen habe. Auch in meinem Ausbildungsbetrieb war ich die erste und einzige Frau, die draußen auf der Baustelle arbeitet. Anders behandelt wurde ich deshalb nicht unbedingt, aber unterschätzt, denke ich. Am Anfang ist man in der Baubranche Frauen gegenüber skeptisch. Das merkt man am meisten, wenn Bauherren, Architekten oder Arbeiter aus den nachfolgenden Gewerken, wie zum Beispiel Zimmerer und Elektriker, auf die Baustelle kommen, die mich noch nicht kennen. Die gucken dann auch mal verwundert. Natürlich kam auch mal ein blöder Spruch. Ein LKW-Fahrer hat mich einmal gefragt, was ich auf der Baustelle zu suchen habe, ich solle doch lieber als Babysitterin arbeiten.

Ist die Arbeit auf der Baustelle nicht auch hart?

Wenn es draußen kalt ist oder es regnet, denkt man schon mal: „Jetzt wäre ein warmes Büro schön.“ Aber alles in allem finde ich es draußen schöner. Letztes Semester war ich richtig viel draußen auf der Baustelle, fast jeden Mittag. Das war dann immer ein guter Ausgleich zum Lernen, weil man einfach den Kopf frei bekommen hat. Nur manchmal wird es ein bisschen stressig, weil ich dann Uni-Stoff nachholen muss. 

Während der Ausbildung hatte ich schon oft abends Muskelkater. Vor allem, wenn ich nach längerer Zeit in der Berufsschule auf die Baustelle gekommen bin, war ich in der ersten Woche wirklich kaputt. Aber das ist nur Gewohnheitssache. Natürlich strengt es mich aber auch jetzt noch extrem an, wenn man zum Beispiel bei Abbrucharbeiten viel abstemmen, also den Beton mithilfe von Abbruchwerkzeugen entfernen, oder wenn ich viel schaufeln muss. Da kann ich auch mal früher als die Männer nicht mehr und mache vielleicht mal eine Pause mehr als die anderen. Aber da sagt auch niemand was. Es ist ja nur menschlich, wenn man mal eine kurze Pause braucht. Außerdem ist das auch nicht die alltägliche Arbeit. 

Bist du stolz darauf, dass du als Frau in einem männerdominierten Beruf arbeitest?

Letztes Jahr habe ich den bundesweiten Leistungswettbewerb der Betonbauer gewonnen. Da durfte ich wegen meiner guten Gesellenprüfung mitmachen und wurde die erste Frau als Bundessiegerin. Das war schon ein besonderer Moment – und die Bestätigung für alle, die mich mal komisch angeguckt haben. Ich konnte zeigen, dass ich das genauso gut kann oder sogar besser als die anderen. Die anderen Teilnehmer haben sich auch alle riesig für mich gefreut. 

Wie viel verdienst du als Betonbauerin?

Dadurch, dass ich nur in den Semesterferien und neben meinem Studium arbeite, ist mein Stundenlohn ein bisschen niedriger als bei den festangestellten Kollegen. Ich verdiene 17 Euro pro Stunde. Als ich im Sommer in den Semesterferien Vollzeit gearbeitet habe, waren das dann ungefähr 3300 brutto.

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