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Der Job

Ich bin seit Februar Jurist im Kompetenzzentrum „Lohn- und Sozialdumping Bekämpfung“ in der Wiener Gebietskrankenkasse. Das ist eigentlich eine Sozialversicherung, in deren Hauptsitz dieses Kompetenzzentrum eingerichtet wurde. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, zu niedrige und daher gesetzeswidrige Löhne zu bekämpfen. Es gibt einen Inlands- und einen Auslandsbereich. Der Inlandsbereich ist für die heimischen Unternehmen zuständig. Unser Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Auslandsbereich, also wenn Firmen aus dem Ausland in Österreich Leute anstellen.

Wir arbeiten mit der Finanzpolizei zusammen, vergleichbar mit der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Finanzpolizei führt Kontrollen durch und ermittelt, vor allem auf Baustellen, weil dort oft zu niedrige Löhne bezahlt werden. Wenn sie eine Unterentlohnung feststellt, schickt sie uns alle relevanten Unterlagen wie Zeugenaussagen, Lohnzettel oder Stundenlisten weiter. Wir überprüfen das und zeigen die Arbeitgeber bei der zuständigen Behörde an. Wenn sie diese Anzeige anfechten, führen wir auch die Verhandlungen vor dem Landesverwaltungsgericht.

Die Ausbildung

Ich habe Jura an der Universität Wien studiert. Schon während des Studiums habe ich mich sehr für Arbeits- und Sozialrecht interessiert. Darum habe ich bei einem Professor für diesen Bereich als Studienassistent gearbeitet. Gleichzeitig habe ich mein erstes Praktikum bei der Wiener Gebietskrankenkasse in der Versicherungsabteilung gemacht. Mein damaliger Chef wurde dann Leiter des Kompetenzzentrums, also konnte ich dort auch schon ein bisschen hineinschnuppern. Das fand ich so interessant, dass ich später noch ein zweites Praktikum in der Krankenkasse gemacht habe – diesmal aber ausschließlich im Kompetenzzentrum. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, wurde ich dort als Jurist übernommen und gründlich eingeschult.

Denn wie man Verhandlungen führt, lernt man im Studium selbst eigentlich nicht. Wenn man die klassischen juristischen Berufe ausüben will, wie Rechtsanwalt, Notar oder Ähnliches, dann muss man nach dem Studium ein Gerichtsjahr machen. Man begleitet einen Anwalt zu Verhandlungen und lernt viel in der Praxis. Jeder Jura-Student kann dieses Gerichtsjahr auch freiwillig absolvieren. Für mich war das aber kein Thema, weil ich gleich nach meinem Abschluss anfangen konnte, zu arbeiten.

Der typische Arbeitstag

Wir haben Gleitzeit, also kann ich mir selbst einteilen, wann ich anfange zu arbeiten. Ich beginne in der Regel um 8:45 Uhr und arbeite bis ungefähr 17:15 Uhr. Morgens gibt es meistens eine Besprechung mit dem Chef und den anderen beiden Juristen meiner Abteilung. Wir besprechen gewisse Fälle, die vielleicht schwieriger sind oder bei denen man die anderen um Feedback bitten möchte. Danach setze ich mich an meinen Schreibtisch und bearbeite die Akten der Fälle, die mir zugeteilt wurden.

Zuerst bereitet einer unserer Sachbearbeiter den Akt mit den Dokumenten vor, die uns die Finanzpolizei schickt. Dann kommt der Akt zu mir auf den Tisch. Ich überprüfe alles noch einmal, berechne, wie hoch die Unterbezahlung ist und wie hoch die Strafe sein soll. Das hat viel mit Mathematik und Personalverrechnung zu tun, weil man Überstunden, Mehrarbeit, Sonderzahlungen, Feiertagsgeld und alles Mögliche mit einberechnen muss. Das erfordert Genauigkeit und ist manchmal anstrengend. Für einen Akt habe ich zum Beispiel eine Woche gebraucht und dann eine 43-seitige Anzeige abgeschickt.

Die Verhandlungen

Meine ersten eigenen Fälle habe ich im Juli bearbeitet. Wir haben zwar kaum Kontakt zu den Arbeitnehmern, aber am Anfang war ich trotzdem schockiert zu sehen, dass jemand zum Beispiel nur 200 Euro im Monat oder drei Euro in der Stunde bekommt. Das sind Dimensionen, die man sich kaum vorstellen kann.

Wenn wir die Anzeige abgeschickt haben, übermitteln das zuständige Magistrat oder die Bezirkshauptmannschaft dem Beschuldigten eine Aufforderung zur Rechtfertigung, die er beantworten muss. Dazu können wir dann im Nachhinein noch eine weitere Stellungnahme abgeben. Und dann erlässt die Behörde den Bescheid. Dagegen kann der Beschuldigte wiederum Beschwerde einlegen und das Ganze geht vors Landesverwaltungsgericht.

Ich war bisher bei vier Verhandlungen dabei, damit ich erst einmal die Abläufe kennenlerne. Mittlerweile darf ich auch selbst Verhandlungen führen. Im Juli hätte ich meine erste gehabt, aber die wurde leider vertagt, weil der Beschuldigte an dem Termin verhindert war. Diese Verhandlungen sind ganz anders als die, die man zum Beispiel im Fernsehen sieht. Aufregend ist das Ganze aber trotzdem. Einmal hat ein Beschuldigter meinen Chef direkt angefahren. Der sagte darauf nur: „Bitte sprechen sie mit dem Richter.“ Das ist nämlich strikt getrennt – Kläger und Angeklagter sprechen nie direkt miteinander, außer im Zeugenstand. Mich macht die Begegnung mit den Beschuldigten nicht nervös. Aufregend ist für mich eher die Tatsache, vor einen Richter zu treten und einen Fall zu verhandeln.

Die Motivation

Einerseits vereint mein Job die juristischen Bereiche, die mir im Studium schon sehr gefallen haben: Arbeitsrecht und Strafrecht. Andererseits übe ich damit eine Tätigkeit aus, mit der ich einen wichtigen Beitrag leiste. Das hilft sowohl den Arbeitnehmern selbst als auch dem Wirtschaftsstandort Österreich, weil die Arbeitgeber, die sich ans Gesetz halten, nicht durch Niedriglöhne unterboten und verdrängt werden. Manchmal fühle ich mich fast wie ein Ritter – und ich bekämpfe: Unterbezahlung. Dieses Gerechtigkeitsgefühl ist bei mir schon sehr stark verankert.

Die Paragrafen

Anstrengend an meinem Job sind vor allem die Berechnungen, zum Beispiel auch, welche Zulagen bei welchen Vertragsarten gelten. Das ist aber ein Wissen, das ich nicht auswendig im Kopf haben muss.

Grundsätzlich ist das Jurastudium nicht darauf ausgelegt, nur strikt Paragrafen auswendig zu lernen. Bei den Prüfungen dürfen wir sogar die Kodices, also die österreichischen Gesetzessammlungen verwenden und können damit die betreffenden Stellen nachschlagen. Natürlich muss man aber wissen, wie man mit ihnen umgeht und wo man nachschlagen muss. Man braucht ein Grundgespür, mit dem man ein Problem erkennt, und das Wissen, welche Möglichkeiten es gibt, das Problem zu lösen.

Das Privatleben

Im Studium hatte ich schon etwas Angst davor, dass ich als Rechtsanwalt 60 Stunden in der Woche arbeiten muss. Und dann dachte ich mir: Ich will das eigentlich gar nicht. Mit meinem jetzigen Job ist mein Privatleben aber ideal vereinbar. Ich arbeite 40 Stunden und muss nicht länger bleiben. Überstunden kann ich schon machen, wenn viel Arbeit ansteht. Aber auf freiwilliger Basis. Und die Bezahlung ist auch angemessen.

Das Geld

Mein Einstiegsgehalt sind 3048,90 Euro brutto im Monat.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Die meisten Leute stellen mir tatsächlich juristische Fragen. In der Regel geht es um etwas Familien- oder Erbrechtliches. Kinder von geschiedenen Eltern fragen mich zum Beispiel oft, wie genau das mit den Unterhaltszahlungen funktioniert.

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