1600 Euro netto für den Medizinisch-technischen Assistenten

Von Raphaels (29) Job im Labor hängen Leben ab. Er muss daher auch nachts hochkonzentriert sein.
Protokoll von Eva Hoffmann

Raphael arbeitet zur Zeit noch gerne als MTA, weiß aber nicht, ob er den Job noch lange weitermachen möchte.

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

Der Job

„Heute fange ich meine erste von fünf Nachtschichten hintereinander an. Das Labor, in dem ich arbeite, ist an die Rettungsstelle eines großen Krankenhauses in Berlin angedockt. Deshalb muss auch das Labor zu jeder Zeit besetzt sein. Über eine Rohrpost bekommen wir Proben aus der Rettungsstelle, die wir dann je nach Dringlichkeit abarbeiten und Blutbilder erstellen. Wir testen auch Urin, aber das sind technische Schnelltests. Bei Blutproben ist mehr Eigeninitiative gefordert. Maximal eine Stunde haben wir für eine Notfall-Probe Zeit, fünf Stunden für eine Routineprobe, dann muss ein Ergebnis her. Wir haben auch eine Blutbank, wenn zum Beispiel ein Unfall passiert und der Patient eine Bluttransfusion benötigt, testen wir die Verträglichkeit zwischen Patient und Spender. Dann müssen die Tests sehr schnell gehen.

Der Weg

Die chemischen Vorgänge in unserem Körper haben mich schon immer interessiert. Als Jugendlicher war ich großer Scrubs-Fan. In der Serie wurde der Arzt immer als Held dargestellt. Leben retten – toller Beruf! Dass viele Ärzte sehr viel Zeit mit Papierkram verbringen, kam da nicht vor. Und auch nicht, dass der Weg dorthin sehr hart ist. Ich wollte Medizin studieren, hatte aber nur einen NC von 2,8 und kein Geld für ein Privatstudium. Ich musste Wartesemester sammeln und wollte die sinnvoll füllen. Meine Hausärztin brachte mich auf die Idee, erst mal eine Ausbildung als Medizinisch-technischer Assistent (MTA) zu machen. Sie hatte das genauso gemacht und ist heute Ärztin. Heute kenne ich die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus selbst und bin froh, nicht als Arzt zu arbeiten. Als MTA bin ich Experte in meinem Gebiet und werde auch mal von Pflegern oder Ärzten um Rat gefragt, das fühlt sich gut an.

Die Ausbildung

Die Ausbildung dauert eigentlich drei Jahre. Sie ist kostenpflichtig, in meinem Fall waren es 95 Euro monatlich. Je nach Ausbildungsplatz kann sie aber auch bis zu 300 Euro kosten. Im ersten Halbjahr war ich eher damit beschäftigt, neue Leute kennenzulernen und Party zu machen, statt mich auf die Ausbildung zu konzentrieren. Ich hatte das zweite Semester nicht ernst genug genommen und musste wiederholen. Deshalb hat die Ausbildung bei mir dreieinhalb Jahre gedauert. In diesem Sommer, nachdem ich durch zwei Prüfungen gefallen war, habe ich mich entschieden: Ich mache das jetzt ernsthaft und ich ziehe es durch. Von da an war ich konzentrierter bei der Sache.

Im zweiten Halbjahr musste ich mich entscheiden, ob ich ins Labor oder in die Radiologie gehe. Ich habe mich für ersteres entschieden, obwohl man in der Radiologie später mehr verdient. Das Labor hat mich aber mehr interessiert. Ab da hat man vier naturwissenschaftliche Hauptfächer, die man jeweils praktisch und theoretisch lernt. Aber ich habe auch Fach-Englisch und Latein gelernt, das braucht man für die Geräte- und die Organbezeichnungen. Am Ende der Ausbildung steht ein Staatsexamen. 

Die Verantwortung

In der Ausbildung haben wir uns noch über Fächer wie „Hygiene“ lustig gemacht. Wenn man sich aber nicht ganz genau an die Vorschriften hält, kann das verheerende Folgen haben. Wir arbeiten mit Proben, die infektiös sein können, da hat man eine große Verantwortung gegenüber den Patienten, aber auch gegenüber sich selbst und den Kollegen. Das gefällt mir. Bei Bluttransfusionen müssen wir zum Beispiel prüfen, ob das Blut aus der Blutbank zum Patienten passt. Den ersten Test führt eine Maschine durch. Wir überprüfen dann noch die Ergebnisse auf Plausibilität, zur Sicherheit. Wenn was schiefgeht und es ist meine Schuld, dann bin ich dran. Sowas passiert aber extrem selten. Am Patientenbett selbst testet der Arzt auch noch mal, ob das Blut verträglich ist, es sind also sogar sechs Augen beteiligt, bevor ein Patient eine Transfusion bekommt.

Das Geld

Wenn man noch nie eine 40-Stunden-Woche hatte, dann hört sich jedes Gehalt über 1000 Euro nach viel Geld an. Am Anfang konnte ich das noch gar nicht einschätzen und fand mein Einstiegsgehalt von 1200 Euro netto total in Ordnung. So viel ist es dann aber auch nicht, für die Arbeitszeit. Bei meinem aktuellen Arbeitgeber habe ich von Anfang an ausgehandelt, dass ich nach einem halben Jahr eine Gehaltserhöhung bekomme. Jetzt verdiene ich 1600 Euro netto. Dazu kommt ein Aufschlag von 60 Euro im Schichtdienst und an Feiertagen gibt es auch noch mal Zuschläge. Die Liste unterbezahlter Jobs im Gesundheitssektor ist lang. Da bin ich sicher kein Extremfall. Trotzdem finde ich, dass es zu wenig ist für die Arbeit, die wir leisten.

Die Belastung

Wie in vielen medizinischen Bereichen haben wir einen extremen Fachkräftemangel. Das führt dazu, dass wir im Labor chronisch unterbesetzt sind. Überstunden sind an der Tagesordnung und oft muss ich Dienste von anderen übernehmen. Dafür musste ich aber öfter schon Verabredungen spontan absagen. Ein normaler Arbeitstag fängt um 7.45 Uhr an. Oft arbeite ich aber nachts. Ein Nachtdienst dauert zehn Stunden. Den Tag vor einem Nachtdienst kannst du nicht normal verbringen. Du musst lange in den Tag reinschlafen, um nachts fit zu sein. Nach mehreren Nachtdiensten hintereinander gewöhnt man sich an den Rhythmus, aber aus dem muss man dann auch wieder rauskommen. Das fällt mir noch schwerer. Oft liegt nur ein Tag Pause zwischen dem Nachtdienst und dem nächsten normalen Dienst tagsüber. Wenn dein Körper aber daran gewöhnt ist, vier Tage hintereinander nachts zu arbeiten, kommt er da nicht so leicht innerhalb von 24 Stunden wieder raus.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Seid ihr nicht alle Nerds?“ Das Klischee kommt nicht von irgendwo. Nehmen wir meine Lieblingsserie Scrubs: Da geht der Protagonist einmal ins Labor und alle hängen nur komisch herum mit ihren Hornbrillen, stehen total auf Bakterien und züchten zu Hause ihre Amöben. Okay, ich hab auch so ein Bakterienkuscheltier und das Labor ist schon ein Anziehungspunkt für ein bestimmtes Klientel. Aber pauschalisieren kann man das nicht.  

Die Zukunft

Ich sehe die Bedingungen, unter denen andere im Krankenhaus arbeiten, die sind katastrophal. Medizin will ich deshalb nicht mehr studieren. Selbst wenn ich in dem Bereich mehr verdienen würde, der Weg dahin wäre sehr hart und am Ende steht die Arbeit immer an erster Stelle. Ich  kann mir vorstellen, noch länger als MTA zu arbeiten, aber nicht bis an mein Lebensende. Ich würde gerne Französisch und Englisch auf Lehramt studieren. Im Labor könnte ich nebenbei dann immer noch arbeiten.