2500 Euro brutto für den Parkourläufer

Andy, 28, hat als Kind zu viele Jackie-Chan-Filme geschaut. Heute riskiert er selbst Verletzungen.
Protokoll von Laura Hornberger

Foto: privat Bearbeitung: jetzt

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Kannst du einen Rückwärtssalto aus dem Stand?“ Darauf kann ich, je nach Alkoholpegel, mit einem Rückwärtssalto antworten. Und die zweite Frage ist die, die sich viele Sportler anhören müssen: „Kann man davon leben?“ Die nervt mich ziemlich. Ich bleibe dann zwar entspannt, aber innerlich verdrehe ich die Augen.

Das Geld

Monatlich bekomme ich ungefähr 2500 Euro zusammen. Damit finanziere ich mein Leben, aber auch manche Reisen zu Wettkämpfen. Je nach Wettkampfgröße werden die Kosten vom Sponsor oder Auftraggeber übernommen. Aber ich muss sagen: ich bin Künstler und Geld ist mir relativ egal. Meine Freiheit ist mir viel mehr wert. Trotzdem bin ich ziemlich stolz darauf, dass ich von meinem Sport leben kann.

Der Job

Ich selbst bezeichne mich als Parkour- und Freerunning-Athlet. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen den beiden Sportarten. Parkour ist die klassische Methode. Es geht darum, so schnell und effizient wie möglich, von A nach B zu kommen. Freerunning bedeutet, Saltos, Schrauben und Akrobatik in den Lauf miteinzubauen. Für mich ist Parkour alleine oder nur Freerunning zu einseitig, deswegen mache ich eine Mischung aus beidem.

Seit 2011 ist das mein Hauptberuf. Das heißt, ich gehe auf Wettkämpfe, gebe Workshops, mache Filmstunts. Die Sportart ist leider noch nicht so weit entwickelt, dass ich allein von Wettkämpfen leben könnte. Mittlerweile rufen mich Filmproduktionen aber regelmäßig an, wenn es um Stunts geht. Ansonsten bin viel an Schulen und unterrichte Parkour. In meiner Kindheit gab es noch keinen Verein oder ähnliches. Wenn Kinder mit sieben oder acht jetzt in Hallen trainieren, dann ist das Luxus, von dem ich damals geträumt habe. Deswegen mag ich das einfach, die Sportart weiterzugeben. Früher war es mir unheimlich wichtig, bei dem und dem Film mitzumachen. Das ist mir heute ziemlich egal.

Der Weg

Als Kind habe ich viele Jackie-Chan-Filme geschaut und wollte mich auch so bewegen können. In seinen 80er-Jahre Filmen steckt viel Akrobatik. Meine Mutter hat mich dann zum Kung-Fu angemeldet und mein damaliger Trainer hat mein Talent entdeckt. Er hat auch ein wenig Akrobatik mit mir gemacht, im Grunde bin ich da aber nur dahin, um Saltos zu üben. Zuhause habe ich dann die Matratze aus meinem Kinderzimmer genommen, in den Garten geschmissen und die ersten Tricks geübt – Saltos vom Dach.

Ich bin viel raus und habe alleine trainiert. Es war super schwer, sich die Tricks selbst beizubringen. Ich bin oft gestürzt, konnte es aber nie lassen. Nach der Realschule musste ich dann von meinen Eltern aus eine Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher machen. Das war für mich eine dunkle Zeit aber ich habe es durchgezogen und abends weiter trainiert.

Mit 19 bin ich dann nach Bangkok, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dort hatte ich zum ersten mal die Möglichkeit, Stunts für Filme, Werbespots und Shootings zu machen. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Anschließend bin ich für zwei Jahre nach Mexiko, denn dort ist der Sport viel weiter verbreitet. Mein Alltag war ganz unterschiedlich: Ich war bei Castings für Werbespots und habe mich auch viel mit Fotografen getroffen. Irgendwann hatte ich dann aber Sehnsucht nach Familie und Freunden. Deshalb bin ich seit zwei Jahren zurück in Deutschland und wohne in Stuttgart. 

Social Media

Parkour ist eine Randsportart, die bisher kaum Fernsehpräsenz hat. Deswegen muss ich anders auf mich aufmerksam machen. Es läuft unheimlich viel über Instagram, Facebook und Youtube, mittlerweile hat das sogar oberste Priorität. Ich kreiere täglich neuen Content. Dafür brauche ich aber immer neue Ideen und Locations. Wenn ich durch die Stadt laufe, habe immer mein Handy dabei. Wenn ich dann ein potenzielles Hindernis sehe, mach ich ein Foto. Neben dem Training bin ich oft drei bis vier Stunden am Tag mit meinen Profilen beschäftigt. Es hilft aber sehr, denn über mein Feed bekomme ich Wettkampfeinladungen und Anfragen. Es ist sozusagen meine Referenz.

Verletzungen

Es gibt Sprünge, bei denen viel Risiko dabei ist. Ich denke, dass Angst wichtig ist und dass man seinen Körper einschätzen kann. Aber die Angst sollte nie überhandnehmen. Wichtig ist, dass man sich alles gut überlegt. Wenn ich mich an einem Tag nicht gut fühle, dann lass ich es gleich. Da kann echt einiges passieren.

In Mexiko habe ich mir meinen Mittelfuß gebrochen. Ansonsten habe ich Probleme mit dem linken Knie. Zurzeit geht es aber wieder. Sonst halt blaue Flecken und Verstauchungen, das ist aber normal. Einmal musste meine Lippe genäht werden. Da hatte ich eine Parkourshow und ich sollte einen Rückwärtssalto von den Schultern meines Kumpels machen. Als ich absprang, war er aber total wackelig. Das hat mir den Schwung genommen und ich bin mit dem Kopf aufgeschlagen. Da war ich dann ohnmächtig und meine Zähne waren locker. Aber sonst jetzt nichts Krasses, nichts Schlimmes.

Lieblingstrick

Am liebsten mache ich den Rückwärtssalto, der hat mich als Kind schon immer fasziniert. Er gehört zu den Basics, aber ich verbinde ihn mit meiner Kindheit. Er war der Grund, warum ich mit Parkour angefangen habe. Außerdem sieht er für Leute immer spektakulär aus. Viele können mit Schrauben und so weiter nicht so viel anfangen, wie mit einem einfachen Rückwärtssalto. 

Die Zukunft

Vor allem in Europa wurde der Sport bisher kaum wahrgenommen. Jetzt soll er olympisch werden. Das ist ein Ding. Seit vergangenem Jahr gehört Parkour zum Weltturnverband. Dadurch spezialisiere ich mich nun wieder mehr auf Wettkämpfe und kann im Olympiastützpunkt in Stuttgart trainieren. Außerdem stellt der Weltturnverband nun auch eine Wettkampfserie, da starte ich dann für Deutschland. Dieses Jahr werde ich außerdem noch an fünf internationalen Wettkämpfen und an der deutschen Meisterschaft teilnehmen. Die gab es davor beispielsweise auch nicht. Das alles bewirkt unheimlich viel und gibt der Szene endlich ein Zuhause. Sollte ich den Sport mal nicht mehr ausüben können, versuche ich es als Athletmanager oder trainiere Kinder.