400 Euro brutto fürs Witzeschreiben

Johannes, 26, studiert eigentlich Jura, schreibt aber nebenbei Gags – auch Jan Böhmermann war schon sein Kunde.
Protokoll von Magdalena Pulz

Illustration: Federico Delfrati

Die Anfänge...

... waren noch in der Schule. Da hatte ich darüber nachgedacht, wie cool es wäre, professionell Gags zu schreiben, was das für ein geiler Job wäre. Ich habe früher immer die „Harald Schmidt Show“ geschaut, richtig oldschool im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Da habe ich auch das erste Mal Jan Böhmermann gesehen – und bin direkt zum Fan geworden. Als Böhmermann dann 2013 ein Casting für Comedy-Autoren für seine damals neue Show das „Neo Magazin“ veranstaltet hat, habe ich es halt versucht. Man musste einen Fragebogen möglichst lustig ausfüllen. Das war dann natürlich mega, dass die mich als freien Autoren genommen haben. Und von da hat sich alles nach und nach entwickelt: Bei meiner nächste Bewerbung konnte ich sagen, dass ich beim Neo Magazin schon einige Gags in der Sendung hatte – es ist natürlich wahrscheinlicher genommen zu werden, wenn man kein blutiger Anfänger ist. Ich mach das jetzt schon seit sechs Jahren neben meinem Jura-Studium.

Der Job...

… ist ein Schreibtischjob, den man von Zuhause macht. Momentan schreibe ich Gags für das Funk-Format „Walulis“ und die Kabarettsendung „SchleichFernsehen“, früher eben auch für das Neo Magazin und seinen royalen Nachfolger sowie Extra3. In der Praxis sieht das so aus: Man kriegt pro Sendung zwischen vier und acht Themen geschickt, zu denen man sich Oneliner ausdenkt – also Minigags. Etwa: Etwa: Die Ausrüstung der Bundeswehr ist in so schlechtem Zustand - der einzige Ort in Kasernen, an denen der Abzug noch funktioniert, ist die Küche! Davon schicke ich dann so fünf pro Thema ein, und die suchen sich die für sie geeignetsten aus. Im Vorhinein kann ich echt nicht sagen, was gut ankommt. Ganz selten schreibe ich auch ganze Sketche, das gibt mehr Geld. Oneliner machen mir aber mehr Spaß. Da muss man sich nicht in eine Figur hineinversetzen, sondern kann einfach schreiben, was man selbst lustig findet.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird…

... gibt es nicht so richtig. Oft wollen die Leute wissen, für wen ich schreibe. Naiv finde ich die Leute, die nicht gecheckt haben, dass es Comedy-Autoren überhaupt gibt: „Hä, der kommt da nicht raus und denkt sich all seine Gags genau in dem Moment selber aus?“ Und sie erzählen mir gerne von ihren Lieblingscomedians. Ich muss dann immer sagen: Du kannst gerne deinen Geschmack haben, aber mich kannste mit RTL-Comedians jagen. Schön finde ich auch den Kommentar: „Das hätte ich gar nicht gedacht bei dir. Du bist doch gar nicht so lustig!“ Ist natürlich hart zu hören. Dabei kommt es bei mir auf die Laune an. Ich bin schon eher still, war nie der Klassenclown, immer eher der, der sich Gedanken gemacht hat. Ich habe nie gleich den Gag reingeschrien, sondern hab mir eher gedacht: Ah, das wär jetzt witzig.

Lustig sein...

… ist ein bisschen Talent – der Rest ist Handwerk und Übung. Bevor ich mit dem Schreiben anfange, lese ich viel über das jeweilige Thema. Man muss die Dinge schon verstehen, um sich darüber lustig zu machen – und es kommen dann auch bessere Gags dabei raus. Das ist auch ganz cool, weil ich mich so immer mit neuen Sachen auseinandersetzen darf. Neulich war zum Beispiel der Digitalisierungspakt Thema, damit hätte ich mich sonst nie so lang beschäftigt. Wenn ich mich genug eingelesen habe, liste ich alle Sachen auf, die ich damit verbinde  und die das Potenzial haben, witzig zu sein. Also zum Thema GNTM etwa: dünn, Heidis Stimme, Umstyling, Papa Günther Klum, Knebelverträge für die Gewinnerin, Zickenkrieg, Opel-Adams-Gewinnspiel, Laufsteg-Training, Gastjuroren, und so weiter. Und dann versuche ich manches zu verknüpfen, oder mache Analogie-Gags, Übertreibungen Untertreibungen oder spiele Gedankenspiele: Wie wäre Heidi im Weltall und so weiter.

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Gagklau...

… geht gar nicht. Ist ein riesiges Thema in der Branche. Ich liebe Stand-up-Programme und Sitcoms. Aber man muss höllisch aufpassen, dass man nicht mit zu vielen Sachen bombardiert wird und dann aus Versehen einen Witz übernimmt. Das kann unterbewusst passieren, dass man etwas hört und sieben Monate später denkt: Warte, das wäre witzig. Aber es gibt auch Leute, die ganz bewusst klauen: Von Carlos Mencia (aka „Menstealia“) weiß man das etwa. Und für mich als Comedy-Autor ist es eine Herausforderung, wenn eine Stoßrichtung für ein Thema vorgegeben wird. Manchmal sieht man die Sache einfach anders als der Comedian oder Moderator und dann muss man umdenken und sich in die Gegenseite versetzen.

Herausforderungen...

… gibt es ein paar. Viele denken, so schwer könne das nicht sein. Dabei ist die Schwierigkeit am professionell Gags schreiben, dass sie nicht „hack“ (gesprochen häck) sein dürfen, also 08/15-Witze, die jeder machen würde. Etwa, als Anthony Weiner (gesprochen Wiener) Dickpics verschickt hat, hatten von 100 Leuten 98 den gleichen Gedanken: Lustig, der heißt ja sogar wie ein Penis-Synonym. Aber wenn man sich mehr Gedanken macht, man mehr Arbeit reinsteckt, findet man auch Pointen, die ferner liegen. Und das will man ja auch im Fernsehen sehen: Witze, die nicht auch dein Kollege auf der Arbeit bringen könnte. „Hacke“ Jokes kommen meiner Meinung nach in inhaltlichen Gebieten, die total abgegrast sind, öfter vor. Etwa bei Ethno-Comedy, Untenrum-Gags, alles rund um’s Daten. Ja, es ist leicht, einen Witz auf Kosten der Deutschen Bahn zu machen, aber ich will das einfach nicht zum millionsten Mal hören. Und es wurde noch nie jemandem vorgeworfen, zu originell zu sein.

Das Geld...

… ist abhängig davon, wie viel Zeit ich im Monat neben meinem Studium habe. Pro angenommenem Gag verdient man zwischen 35 und 100 Euro - hängt von der Sendung ab. Dann ist es natürlich immer die Frage, für wie viele Sendungen man es gerade schafft zu schreiben. Ich arbeite im Moment so um die 25 Stunden im Monat und verdiene an die 400 Euro. Man muss wirklich gut und kreativ sein, um seinen ganzen Lebensunterhalt nur damit verdienen zu können.

Die Zukunft...

... ist hoffentlich eine Mischung. Wie gesagt, nur Autor zu sein, ist hart. Seit zwei Jahren stehe ich selbst immer mal wieder auf kleineren Stand-up-Bühnen, da kriegt man auch ein neues Gefühl für Witze: Was funktioniert und wo ist die Schmerzgrenze von den Leuten. Bei kontroversen Themen geht schon manchmal eher ein Raunen durch den Saal als ein Lachen, aber das muss man mal ausprobiert haben. Ansonsten könnte ich mir auch vorstellen hinter den Kulissen in der Produktion zu arbeiten. Das würde vielleicht auch mit Jura funktionieren: Ich interessiere mich für das Thema geistiges Eigentum – dann könnte ich hochoffiziell gegen Gagklau vorgehen.