3480 Euro netto für den parlamentarischen Assistenten im Europaparlament

Fritz, 29, arbeitet mindestens 50 Stunden die Woche – und muss keine Einkommensteuer zahlen.
Protokoll von Nadja Schlüter
jobkolumne europaparlament cover

Fritz Marquardt ist akkreditierter parlamentarischer Assistent im Europaparlament – und nicht verwandt mit Erik Marquardt, dem Abgeordneten, für den er arbeitet.

Foto: Erik Marquardt / Bearbeitung: jetzt

Die Atmosphäre im Europaparlament

Es ist großartig, morgens ins Europäische Parlament rein zu laufen und dann wuseln da sehr viele Leute rum, man hört alle Sprachen der Europäischen Union und trifft Menschen aus allen politischen Lagern. Das ist ein wahnsinnig inspirierendes Umfeld. Da laufen auch Menschen rum, die man aus dem Fernsehen kennt – und natürlich auch solche, die mir eher unangenehm sind. An meinem ersten Tag in Brüssel, also noch vorm Brexit, stand ich vor der Tür des Europaparlaments und habe eine geraucht – und dann kam Nigel Farage auf mich zu und hat nach Feuer gefragt. Da dachte ich: „Huch, das ging ja fix, dass man so jemanden trifft!“ Ich habe ihm Feuer gegeben, weil ich zu perplex war, um irgendwas Schlagfertiges zu sagen.

Der Werdegang

Bei Jobs in der Politik denken viele, dass man da nur rankommt, wenn man vorher schon in der Partei aktiv war – aber das stimmt nicht. Man muss als parlamentarische*r Assistent*in im Europaparlament auch nicht Mitglied der Partei sein, für die man arbeitet. Viele, die hier arbeiten, haben zum Beispiel Europawissenschaften studiert, dann ein Praktikum im Parlament gemacht und anschließend einen Job bekommen, weil in einem Abgeordnetenbüro eine Stelle frei wurde. Mein Weg – der „Parteiweg“ – in den Job ist also nur eine von vielen Möglichkeiten. 

Ich habe mich schon während der Schulzeit bei der Grünen Jugend engagiert, unter anderem im „Fachforum Nahost“. Nach dem Abi habe ich mit der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ Zivildienst in Israel gemacht und mich bei der Grünen Jugend weiter mit Israel und Palästina beschäftigt. Als ich angefangen habe, in Passau Jura zu studieren, habe ich erstmal eine Weile Abstand zur Politik genommen, bis ich nach zwei Jahren ein Praktikum bei einem Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus gemacht habe. Anschließend bekam ich von dessen Büronachbarn ein Jobangebot. Das kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn ich hatte gerade meine juristische Zwischenprüfungen gemacht und konnte gut nach Berlin wechseln. Dort habe ich neben dem Studium insgesamt für drei verschiedene Abgeordnete gearbeitet.

Erik Marquardt, für den ich jetzt arbeite – und mit dem ich nicht verwandt bin, obwohl wir den gleichen Nachnamen haben –, kannte ich aus der Grünen Jugend und weil er auch verschiedene Jobs für die Grünen in Berlin gemacht hat. Wir waren uns immer sympathisch. Als er ins Europaparlament gewählt wurde, hat er mich gefragt, ob ich für ihn arbeiten möchte. Unter anderem, weil ich mich während des Studiums immer wieder mit dem Thema Migration beschäftigt habe, was im Europaparlament sein Schwerpunkt ist. Ich war zum Beispiel zweimal länger auf der Balkanroute und auf den griechischen Inseln unterwegs und habe als Freiwilliger dort geholfen, und in Kreuzberg habe ich ein Wohnprojekt mit Geflüchteten gegründet. Im Oktober 2019, nach meinem ersten Staatsexamen, habe ich den Job in Brüssel angefangen.

Die Aufgaben

Aktuell sind wegen der Corona-Pandemie natürlich auch bei uns alle Termine abgesagt und wir arbeiten im Home-Office. Die wesentlichen Informationen erreichen uns aber trotzdem.

Meine Arbeit hat einen organisatorischen und einen inhaltlichen Teil. Der organisatorische macht den Löwenanteil aus: Ich kümmere mich um eingehende E-Mails, um Terminanfragen für den Abgeordneten und seinen Kalender, bereite zum Beispiel manche der Sitzungswochen in Straßburg vor und versuche im Blick zu behalten, woran unsere verschiedenen Teams in Brüssel, Berlin und Sachsen-Anhalt aktuell arbeiten. In Berlin sitzen unser Pressesprecher und ein Mitarbeiter, der sich um Social Media kümmert, in Sachsen-Anhalt ist eine Kollegin für die Interaktion mit der Partei vor Ort verantwortlich, und in Brüssel habe ich zwei Kolleginnen, die die Ausschüsse des Abgeordneten inhaltlich betreuen. Ein Mal pro Woche machen wir eine Telefonkonferenz mit allen Teammitgliedern, die ich auch vorbereite. Da verschaffen wir uns einen Überblick, was in den nächsten Tagen ansteht und wer was macht. Eine*r von uns begleitet Erik außerdem zur monatlichen Sitzungswoche in Straßburg und ich begleite ihn auch zu verschiedenen anderen Terminen.

Meine inhaltliche Zuständigkeit liegt bei den Delegationen, also den kleinen Gruppen von Abgeordneten, die Beziehungen zu Nicht-EU-Ländern unterhalten, indem sie sich zum Beispiel mit Botschaftern und NGOs treffen. Alle Europaabgeordneten sind  Mitglieder verschiedener Delegationen und ich arbeite für Erik im Bereich EU-Irak, EU-Afghanistan und EU-Maschrek, also Ägypten, Libanon und Jordanien. Meine Aufgabe ist es, darüber im Bilde zu sein, was in diesen Staaten gerade passiert: Ich besuche zum Beispiel die entsprechenden Delegationstreffen, lege mir Twitter-Listen an und nehme Termine mit Botschaftsmitarbeiter*innen wahr. Das Ziel ist es, dass der Abgeordnete bei neuen Entwicklungen schnell mit einem Statement reagieren kann.

Die Arbeitsbelastung 

Im Moment arbeite ich zu viel, eine normale Arbeitswoche hat bei mir nicht unter 50 Stunden. Aber das habe ich für den Anfang nicht anders erwartet, Berufseinstieg in diesem Job bedeutet viel Arbeit. Außerdem kann ich Überstunden ausgleichen und wir können uns auch nicht über zu wenig Urlaub beschweren – im Sommer hat das Parlament zum Beispiel sechs Wochen geschlossen. Wie in Nationalstaaten wird diese Pause aber natürlich auch in der EU unterbrochen, wenn es nötig ist.

Ein richtiges Privatleben habe ich in Brüssel noch nicht. Ich habe zwar schon ein paar Leute kennengelernt, die mir das alternative Brüssel gezeigt haben – aber meistens ist es so, dass man nach der Arbeit vor allem mit Kolleginnen und Kollegen was trinken geht.

Das Frustrationspotenzial

Gerade in der Migrationspolitik haben wir oft das Problem, dass man auf EU-Ebene zwar viel beschließen kann, aber die Nationalstaaten vieles davon blockieren. Anfangs habe ich darum manchmal gedacht, dass das eine ziemliche Sisyphos-Arbeit ist und schnell frustrierend sein könnte. Aber mittlerweile merke ich, dass man mit den klügsten Leuten, die zu dem Thema arbeiten, Gespräche führen und gute Ideen entwickeln kann – und dann bringt man die Positionen entweder parlamentarisch ein oder eben in den öffentlichen Diskurs. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im November hat unser Büro eine Konferenz veranstaltet, die sich mit der Kriminalisierung von Seenotretter*innen und anderen Aktivist*innen beschäftigt hat. Im Dezember haben wir mit einem offenen Brief die Freilassung eines Aktivisten aus der Flüchtlingshilfe gefordert, der in Griechenland inhaftiert war. 60 Abgeordnete haben unterzeichnet und ich weiß zwar nicht, welche Rolle der Druck der EU letztlich gespielt hat, aber er wurde wieder freigelassen.  

Das Gehalt

Die Gehälter der parlamentarischen Assistent*innen werden individuell verhandelt. Trotzdem kenne ich mein ganz genaues aktuelles Brutto-Gehalt nicht, aber netto, also nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge in Belgien, bekomme ich rund 3480 Euro. Die setzen sich zusammen aus meinem Gehalt und einer sogenannten „Expatriation Allowance“, eine Auslandszulage, die man bekommt, wenn man für den Job nach Brüssel zieht. Ich finde das sehr viel und empfinde mich als sehr privilegiert.

Einkommensteuer zahle ich keine, denn es gibt Steuerausnahmen für alle EU-Angestellten, also zum Beispiel die Mitarbeiter*innen der Kommission und die der Abgeordneten im Parlament – für die Abgeordneten selbst gelten diese Ausnahmen allerdings nicht. Ich weiß nicht genau, wie sich das begründen lässt, aber am Ende ist es eine Linke-Tasche-rechte-Tasche-Rechnung: Unsere Gehälter werden ja sowieso komplett aus dem EU-Haushalt bezahlt, der sich aus den  Steuern der Mitbürger*innen speist. Wenn ich also 1000 Euro Steuern zahlen würde, würde ich die einfach wieder in den Haushalt zurückgeben.

Das typische Partygespräch

Wenn ich erzähle, wo ich arbeite, halten mich viele für ein Politiker, dabei bin ich das ja gar nicht – ich bin Bürokraft bei einem Politiker. Und viele denken auch, dass ich was ganz Tolles und Krasses machen würde. Ich mache meine Arbeit zwar total gerne, aber manchmal haben die Leute auch zu viel Respekt davor. Es ist wirklich ein ganz normaler Job.

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