Durchschnittlich 1000 Euro brutto für den Puppenspieler

Andreas, 32, hat seine Puppen so liebgewonnen, dass er es komisch findet, wenn andere mit ihnen spielen.
Protokoll von Charlotte Bastam

Das Puppenspielen erfordert viel Geschick, aber auch Kreativität.

Foto: Christine Fiedler; Bearbeitung: jetzt

Die Projekte

Als freischaffender Puppenspieler hängt mein Tag sehr davon ab, in welcher Phase eines Projektes ich mich gerade befinde. Momentan bereite ich gerade mehrere Stücke für dieses Jahr vor: Ich lese viel, recherchiere über Themen, die ich interessant finde und schreibe. Dann gibt es Zeiten, in denen ich vor allem probe. Wenn ich in einem großen Theaterhaus auftrete, gibt es feste Probenzeiten, an kleineren Spielstätten sind die Termine oftmals lockerer gefasst.

Für Gastspiele und Auftritte bewerbe ich mich immer individuell – entweder mit meinen eigenen Stücken oder auf eine Rolle. Meistens bin ich aber an Theatern in Berlin und mein Publikum besteht vor allem aus Erwachsenen und nicht aus Kindern. Denn Puppenspiel ist mehr als Kasperle- oder Marionettentheater. Ich habe auch schon mit allen möglichen Puppen gespielt: mit kleinen Handpuppen, lebensgroßen Puppen, aber ich habe auch schon mit Gemüse die Finanzkrise nachgestellt. Puppentheater ist nämlich auch Objekttheater.

Ich interagiere oft direkt mit den Puppen auf der Bühne. Denn die Zeiten, in denen Puppenspieler hinter einer grauen Wand verschwunden sind, sind schon lange vorbei. Man ist also auch Schauspieler. 

Der Weg

Eigentlich bin ich nur durch einen Zufall beim Puppentheater gelandet. Ich habe in Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert und einen Assistenzjob an einem Schattentheater angenommen. Die Stücke, das Spielen und das ganze Umfeld haben mich dann derart beeindruckt und angezogen, dass ich angefangen habe Figurentheater zu machen.

Allerdings kannte ich mich überhaupt nicht in der Szene aus. Ich merkte erst nach einem Jahr, dass es an der Ernst-Busch-Schule in Berlin auch einen Studiengang zum Puppenspielen gibt. In Österreich gibt es das keinen und auch in Deutschland kann man sonst nur in Stuttgart etwas Ähnliches studieren. Um in Berlin anzufangen, musste ich eine Aufnahmeprüfung mit einem Vorspiel absolvieren, da jedes Jahr nur zehn Studenten genommen werden. Zum Glück ist der Andrang nicht ganz so groß wie auf Schauspielschulen.

Vier Jahre lang habe ich dann Spieltechniken und Bewegungsarten gelernt, aber auch Sprech- und Gesangsunterricht gehabt. Stücke zu schreiben, musste ich allerdings nebenher eigenständig lernen. Letztlich habe ich dann den Titel eines Diplompuppenspielers bekommen.

Die Motivation

Ich liebe es, Geschichten zu erzählen, die Nachrichten gehören zu meiner größten Inspirationsquelle. Das Theater gibt mir die Möglichkeit, etwas zu aktuellen Konflikten zu sagen und dabei Emotionen hervorzurufen. Meine Stücke sind also auch politisch. Gerade beschäftige ich mich zum Beispiel sehr mit dem Thema Rechtspopulismus.

Aber das heißt nicht, dass alle meine Stücke todernst sind. Ernstes darf ja auch lustig sein und Lustiges auch mal ernst. Am Ende will ich mit meinen Stücken auch gar keine großen Aussagen machen, sondern die Menschen zum Nachdenken anregen.

So macht mein Job Spaß. Auch weil kein Stück gleich ist und keine Puppe wie die andere. Da ich oftmals sehr lange mit ihnen probe und ihren Charakter entwickle, habe ich zu jeder Puppe auch eine ganz eigene Beziehung. Ich gewinne sie fast ein bisschen lieb und wenn sie dann von einem anderen Spieler anschließend genutzt wird, kann das schon seltsam sein.

Die Branche

Auch unter den Puppenspielern sind Gastspiele und Finanzierungsmöglichkeiten hart umkämpft. Da es außer der Ernst-Busch-Schule hier in Berlin keine andere Ausbildungsstätte gibt, kenne ich oft Leute, die sich auf die gleichen Rollen bewerben. Als Freiberufler bewerbe ich mich auch des Öfteren immer wieder mal auf staatliche Kunstförderung oder andere Ausschreibungen. Dadurch entwerfe und plane ich eigene Projekte auch oft danach, ob es gerade oder in Zukunft solche Fördermöglichkeiten gibt. Es ist also immer wieder ein Kampf um Geld und Engagements. Dennoch möchte ich zurzeit nicht festangestellt sein. An einem Theater bekommt man zwar ein regelmäßiges Gehalt, doch ich liebe es einfach viel zu sehr,  meine eigenen Stücke zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen.

Das Geld

Wie viel ich im Monat verdiene, ist sehr unterschiedlich. Da ich mich in der Projektplanung befinde und die Stücke für dieses Jahr entwerfe, bekomme ich gerade so gut wie gar nichts. Dafür gibt es aber Monate, in denen ich fast nur auftrete. Die Gage hängt davon ab, wo und wie oft ich spiele. Bei einem kleineren Theater sind es oft so 250 Euro pro Auftritt, bei einem Gastspiel an einem großen Theater kann es bis zu 4000 Euro brutto geben. Diese Finanzspritzen müssen die anderen Monate ausgleichen. Zurzeit rechne ich mit durchschnittlich 1000 Euro brutto im Monat, was wenig ist. Weil das Geld auch noch so unregelmäßig kommt, ist es wichtig, eine Finanzplanung im Voraus zu machen. Meine festangestellten Kollegen bekommen am Theater ab etwa 1900 Euro brutto im Monat.

Der Stress

Manchmal ist mein Beruf viel harte Arbeit: Für mein Geld muss ich ständig Eigeninitiative zeigen und mich vernetzen. Auch ist es oft schwierig, Arbeitszeit von meiner Freizeit zu trennen. Gerade in einer Phase wie dieser, in der ich zuhause für Projekte recherchiere. Denn ich kann immer noch mehr lesen und neue Zugänge zu Stücken entwickeln. Dann gibt es Wochen, in denen ich sehr viele Auftritte habe und ständig unterwegs bin – besonders wenn ich zwischen Spielstätten hin und her pendeln muss. Terminplanung ist deswegen sehr wichtig und ich habe auch schon Projekte wegen Zeitknappheit abgesagt. Wirklich weit reisen musste ich bis jetzt allerdings noch nicht oft. Für ein Gastspiel durfte ich allerdings schon mal einen Monat in Holland verbringen. 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

 

„Kann man davon leben?“, höre ich oft. Dann sage ich: „Ja, kann man.“ Nerven tut mich die Frage eigentlich nicht. Denn wenn ich Puppenspiel nicht für mich entdeckt hätte, würde ich wohl ähnliche Fragen stellen. Es ist nun mal eine Kunstform, die noch nicht so bekannt ist.

Die Aussichten

Zurzeit mache ich über eine Kooperation von der Ernst-Busch-Schule noch eine Art Weiterbildung zum Regisseur und entwickle zusammen mit anderen Regisseuren ein Stück an einem Dresdner Theater. Ich möchte in der Zukunft noch mehr Stücke kreieren und dabei Regie führen.

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