Wilhelm, 32, hat Soziale Arbeit studiert.

Wilhelm, 32, hat Soziale Arbeit studiert.

Foto: Privat / dpa / Collage: jetzt.de

Der Job

Da ich einerseits der stellvertretender Leiter der Bahnhofsmission Zoologischer Garten in Berlin und andererseits Streetworker bin, sind meine Arbeitszeiten relativ flexibel. ich fange gegen 8 Uhr an und höre manchmal erst um 21 Uhr auf. Dafür habe ich dann an einem anderen Tag früher frei. Insgesamt arbeite 40 Stunden die Woche. Dazu gehört auch Schreibtischarbeit, bei der ich meine Arbeit als Streetworker dokumentiere, Schichtpläne schreibe oder Statistiken über unsere Lebensmittelausgaben erstelle. In der restlichen Zeit arbeite ich mit Klienten und bekomme etwa sechs Mal im Monat Besuch von Schulklassen und Auszubildenden.

Die Arbeit mit meinen Klienten finden ich am spannendsten. Jede Begegnung ist anders. Als Streetworker suche ich hilfsbedürftige Menschen im Stadtbild auf. An S-Bahnhöfen, vor Supermärkten oder auf der Parkbank. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bringe ich ihnen erstmal einen Kaffee. Die wenigsten lassen sich direkt auf mich ein. Ich brauche also manchmal drei, vier oder auch fünf Kaffee, bis die Leute bereit sind, sich zu öffnen. 

Wie hartnäckig ich dranbleibe, hängt vom Zustand der Person ab. Lehnt jemand meine Hilfe stur ab, hat aber einen strukturierten Alltag, weil er die Obdachlosenzeitung verkauft oder Flaschen sammelt, gebe ich schneller auf, als wenn die Person sich in einem gesundheitlich kritischen Zustand befindet. Zwingen kann und will ich niemanden. Lehnt er meine Hilfe bis zum Schluss ab, überrede ich ihn zumindest, mich in die Bahnhofsmission zu begleiten, um mal was zu essen und eine Dusche zu nehmen.

Lässt er sich auf meine Hilfe ein, prüfe ich zuerst, ob er auf dem Papier noch existiert. Bei Klienten, die schon seit 15 Jahren keinen Personalausweis mehr besitzen, ist es wirklich sehr umständlich, einen neuen zu beantragen. Ist dieser Meilenstein genommen, beantragen wir finanzielle Hilfe oder stellen die Krankenversicherung wieder her. Habe ich all das geschafft, versuchen wir für den Betroffenen eine Wohnung zu finden und ihn gegebenenfalls in einer Suchtberatung unterzubringen. Damit endet dann auch unsere Zusammenarbeit. Trotzdem rufe ich zu Geburtstagen an und frage, ob es den Leuten noch gut geht.

Wenn ich einen Termin mit einer Schulklasse habe, spreche ich über Armut und Wohnungslosigkeit in Deutschland. Darüber, dass Menschen nicht faul sind, wenn sie auf der Straße landen, dass Lebenskrisen sie stattdessen aus der Bahn geworfen haben. Wenn ich den Schülern unsere Räumlichkeiten in der Bahnhofsmission zeige, erkläre ich ihnen auch, was „niedrigschwellige Hilfe“ bedeutet und dass wir sie leisten, in dem wir Betroffenen Essen und Trinken, Schlafsäcke für die Nacht und eine Dusche anbieten. Viele interessieren sich dann dafür, wie sie selbst helfen können. 

In solchen Gespräche breche ich erstmal viele Klischees auf. Jeder kennt die Geschichte vom undankbaren wohnungslosen Mann vor dem Supermarkt, der arrogant das Brötchen ablehnt. Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass es sein inzwischen dreißigstes Brötchen ist und er nicht mehr weiß, was er mit dem einunddreißigsten anfangen soll. Meine Haltung ist, dass man ihm Geld geben oder fragen kann, was er braucht. Dadurch wird er in seinen Handlungen mündig. Auch, wenn man dabei vielleicht ein schlechtes Gefühl hat, weil er sich davon an der nächsten Bude Schnaps kauft. Aber an seinen Stoff kommt er sowieso und an einem Alkoholentzug können Menschen sterben.

Der Weg

Mein Ausbildungsweg war sehr verworren. Während meines Zivildienstes nach dem Abitur war ich im Krankenhaus, was ich sich ganz gut fand. Trotzdem wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was ich will. Dann habe ich ein Praktikum im Seniorenheim gemacht. Das hat mir überhaupt nicht gefallen, weil man nicht genug Zeit für die Patienten hat – obwohl es notwendig wäre. Dieses schlechte Gewissen, nicht genug Hilfe leisten zu können, wollte ich auf keinen Fall die nächsten 40 Jahre mit mir rumtragen. Danach habe ich verrückterweise drei Jahre lang Informatik studiert und kurz vorm Anschluss abgebrochen. Mein Leben lang vor dem Rechner rumhängen wollte ich nämlich auch nicht.

Durch einen Bericht in den Medien bin ich auf die Bahnhofsmission gekommen, habe dort angerufen und nach einem Praktikum gefragt. Besonders gefallen hat mir damals, dass man am Bahnhof Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten trifft. Danach habe ich dort als Teilzeitkraft angefangen und nebenbei Soziale Arbeit studiert. Seit zwei Jahren bin ich Sozialarbeiter.

Das Privatleben 

Da ich meinen Klienten sehr transparent gegenübertrete, beeinflusst mich unser Verhältnis nicht direkt in meinem Privatleben. Ich sage ihnen immer wieder, dass ich nicht ihr Freund, Bruder oder ihre Mutti bin. Sondern ein Sozialarbeiter, der ihnen aus ihrer schweren Lebenssituation hilft. Dadurch schaffe ich Distanz. Für sie und für mich. 

Um auf dem Heimweg runterzukommen, setze ich mir in der Bahn die Kopfhörer auf und drehe die Musik auf. Stimmung kann man mit Musik ja ganz gut steuern. Das ist ein Ritual für mich geworden.

Die Belastung

Viel belastender sind solche Nachrichten wie die vor ein paar Tagen über den brutalen Brandanschlag auf zwei Wohnungslose in Schöneweide. Als ich das in den Nachrichten gesehen habe, war ich schockiert, aber vielmehr noch war ich wütend. Es war ein ziemlich erdrückendes Gefühl. Ich kannte die betroffenen Personen nicht, das hat mich ein bisschen beruhigt.

Trotzdem ist es ja fast wie in einem Film. Ich meine, was geht in einem vor, wenn man einen Menschen anzündet? Das ist ja keine Handlung aus dem Affekt. Das war geplant. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man nach unten tritt, sich an vermeintlich Schwächeren vergeht. Das ist so erschreckend! Deswegen müssen wir mehr Aufklärungsarbeit leisten. Junge Menschen müssen verstehen, dass Obdachlose den gleichen Wert haben wie sie und dass man sie nicht einfach anzünden kann.

Die Motivation

Meine größte Motivation ist es, dass ich das Gefühl habe, etwas Sinnvolles zu tun. Ich kann die Latte sehr hochlegen und sagen, dass ich Leute davon abhalte, auf der Straße zu sterben. Oft reicht es aber schon, wenn ein Klient seine Termine einhält oder sich plötzlich rasiert. Das zeigt mir, dass ich das Richtige tue. Besonders vor dem Hintergrund, dass Rückschritte dazugehören. Es gibt ja das Sprichwort: zwei Schritte nach vorne, einer zurück. Bei uns heißt es eher: ein Schritt nach vorne und zwei zurück. Wenn Klienten zum Beispiel rückfällig werden und wieder zur Bierflasche greifen, kann man sie nicht einfach aufgeben. Dann muss ich es wieder versuchen. Und noch einmal und noch einmal. So lange, bis es funktioniert. Auch, wenn es mich viel Kraft kostet.

Das Geld

Gerade verdiene ich 1900 Euro Netto. Alle zwei Jahre gibt es ein bisschen mehr. Ein klassisches Sozialarbeitergehalt: Es ist nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig.

Frage, die auf Partys oft gestellt wird

Die meisten fragen mich, wie ich diesen Job aushalten kann. Besonders nach Vorfällen wie dem Brandanschlag. Ich antworte ihnen, dass mich nichts von der Zusammenarbeit mit Menschen abschrecken kann, weil es mir einfach zu großen Spaß macht.

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